Vor zehn Jahren gewann Matthias Steiner Olympiagold: Als sich plötzlich alles veränderte

Gewichtheber Matthias Steiner gewann vor genau zehn Jahren in Peking Olympiagold und sorgte bei der Siegerehrung für die emotionalsten Momente der Sommerspiele .

Am 19. August 2008 bei den Olympischen Spielen in Peking krönte sich Matthias Steiner, der für den Chemnitzer Athletenclub startete, zum stärksten Mann der Welt. Mit seiner Geste, während der Siegerehrung das Foto seiner ein Jahr zuvor verstorbenen Ehefrau Susann, die aus Wilkau-Haßlau stammte und bei einem Autounfall ums Leben kam, zu zeigen, erlangte er ungeahnte Popularität. Mit dem 35-Jährigen sprach anlässlich des Jubiläums Martina Martin.

Freie Presse: Sie sorgten bei den Olympischen Spielen in Peking für denkwürdige Augenblicke. Feiern Sie das Zehnjährige am Sonntag besonders?

Mit meiner Frau Inge werde ich schon mal ein Gläschen Sekt trinken. Aber zunächst habe ich einen Auftritt als Sänger bei der ARD-Sendung "Immer wieder sonntags". Sicher war es ein besonderer Tag in meinem Leben, vielleicht so wie ein Geburtstag. Aber ich übertreibe es auch da nicht mit dem Feiern.

Werden Sie sich das Video von Ihrem Triumph anschauen?

Mal sehen, vielleicht passiert es, dass wir mal aufs Handy klicken. Aber ich sehe diese Bilder öfters, da ich sie in meine Motivationsvorträge eingebaut habe. Doch zu Hause ist das bei weitem kein Dauerthema.

Wie gehen Ihre beiden Söhne, die jetzt fünf und acht Jahre alt sind, mit Ihrer Popularität um?

Zunächst haben sie gefragt, was die Leute, die mich immer ansprechen, denn von mir wollen. Seit sie Bescheid wissen, gehört es eben dazu.

Werden Sie nach wie vor überall erkannt?

Daran hat sich nichts geändert. Einen Urlaub in Dänemark verbrachten wir in einer abgelegenen Gegend. Doch das brachte wenig, denn auch dort waren Deutsche, die mich erkannten. Oder ein anderes Beispiel: Ich war mit meinem Patenkind in Österreich Bergwandern. Unterwegs in einer Hütte wurde ich sofort angesprochen. Aber inzwischen sind es nette Begegnungen, die meisten Leute bitten höflich um ein Selfie. Diese Wünsche erfülle ich gern. Das Kumpelhafte, als mich am Anfang manche Menschen als damals "dicken Bären" anfassen mussten, ist vorbei.

Welchen Wert besitzt dieser 19. August 2008 für Sie?

Es war ein Tag, der mein Leben in eine völlig andere Richtung beschleunigt hat, die nie vorhersehbar war. Der Olympiasieg eröffnete mir völlig neue Chancen. Das konnte ich alles nicht ahnen. Plötzlich verlässt du deinen Kosmos, in dem alles auf den Sport fixiert war, du hauptsächlich im "Keller" Hanteln bewegt hast. Es war für mich irgendwie verrückt und hat dann eine enorme Eigendynamik entwickelt. Trotz allem, es war schade, dass sich anfangs die Aufmerksamkeit nur um die Geschichte mit dem Foto meiner verstorbenen Frau drehte. Die sportliche Leistung, die es erst ermöglichte, dass ich ganz oben stand, rückte zunächst in den Hintergrund.

Dabei war die Entscheidung im Superschwergewicht an Dramatik kaum zu überbieten ...

Es ging letztlich bei einer Zweikampfleistung von 461 Kilogramm um ein Kilo, das war wie ein Elfmeterschießen beim Fußball. Aber es hat eine Weile gedauert, bis registriert wurde, wie spannend und emotional es ablief, was alles hinter diesem Triumph steckte, welche Superarbeit auch die Trainer und Physiotherapeuten vollbrachten.

Woran lag das vor allem?

Leider wurde der Wettkampf im Fernsehen nicht live übertragen. Stattdessen waren Vorläufe über 200 Meter ohne deutsche Beteiligung zu sehen. Das finde ich bis heute schade. Dazu kommt sicher, dass es im Gewichtheben an sich keinerlei Veränderungen gibt. Die Struktur, die Abläufe existieren seit Jahrzehnten. Der Weltverband zeigt bislang keinerlei Interesse - wie es andere Sportarten längst tun -, etwas zu modernisieren.

Haben Sie den Eindruck, dass Sie auch für Ihre Sportart etwas bewegen konnten?

Ich denke schon, dass Interesse und Zulauf danach gewachsen sind, Gewichtheben mehr in den Fokus geriet. Natürlich gab es nicht diesen Boom wie nach den Wimbledonsiegen von Boris Becker oder Steffi Graf im Tennis, auch weil der Zugang zum Gewichtheben schwieriger ist. Aber erst kürzlich sprach mich ein Mann an, der erzählte, dass er wegen mir Gewichtheben betreibt. So etwas freut mich riesig.

Stemmen Sie eigentlich selbst noch Eisen?

Seit dem Ende meiner Karriere 2013 mache ich Gewichtheben nur noch einmal die Woche. Aber ich versuche, so oft es möglich ist, aktiv zu sein. Radfahren, Wandern, in der freien Zeit am liebsten mit der Familie, stehen obenan. Bin ich beruflich unterwegs, absolviere ich auch mal Übungen wie Liegestütze im Hotelzimmer. Wenn es geht, heißt die Devise Fahrrad statt Auto. Auch unsere Jungs bewegen sich unheimlich gern, spielen beide aktiv Fußball.

Sie sind wieder in Ihren Heimatort Obersulz nach Österreich gezogen. Warum?

Das hat rein familiäre Gründe. Wir wohnen direkt neben Oma und Opa, was für alle von Vorteil ist. Es macht für die Lebensqualität Sinn. Wir können beruhigt unseren beruflichen Verpflichtungen nachgehen, weil wir wissen, dass unsere Kinder gut versorgt sind. Wir sind in 40 Minuten am Flughafen, einige deutsche Orte erreichen wir schneller als früher von Heidelberg aus. Ich bin glücklich, dass alles so passt.

Was antworten Sie, wenn Sie nach Ihrer Berufsbezeichnung gefragt werden?

Ich bin selbstständiger Unternehmer, der auf verschiedenen Gebieten tätig ist und gern seine Erfahrungen weitergibt.

Würden Sie Ihre wichtigsten Aufgaben nennen?

Unser Online-Fitness- und -Ernährungsprogramm "Steiner-Prinzip", das wir laufend aktualisieren. Dazu gehören auch die gleichnamigen Bücher. Zudem halte ich für Firmen Motivationsvorträge, werde für Moderationen gebucht. Dann erhalte ich viele Anfragen von Diabetikern, die sich mit mir über die Krankheit austauschen wollen. Das liegt mir sehr am Herzen, da gebe ich gern Rat und Hilfe. Darüber hinaus kommen zahlreiche Einladungen zu verschiedenen TV-Sendungen, Gesprächsrunden und Veranstaltungen, zudem müssen wir die bürokratischen Dinge bewältigten. Und als Sänger gibt es ebenso eine Menge zu tun.

Wie kam es dazu, dass Sie sich auch diesem Metier widmen?

Es begann damit, dass ich als Gast der TV-Sendung "Inas Nacht" ein Lied vortragen musste. Dann lud Florian Silbereisen Inge und mich in seine Sendung ein, wo wir gemeinsam ein Weihnachtslied sangen. Später gab es noch einen Auftritt im österreichischen Fernsehen. Daraufhin kam ein Produzent auf mich zu und schlug mir vor, es einmal zu probieren. So hat sich die Sache, die ich behutsam angehe, entwickelt. Wie im Sport bekomme ich nichts geschenkt, muss täglich üben, um mich zu verbessern. Derzeit arbeite ich am zweiten Album.

Nach Abschluss der Karriere nahmen Sie 45 Kilogramm an Körpergewicht ab. Auch damit sorgten Sie für Aufsehen?

Das Gewicht war dem Sport geschuldet, jedoch nicht alltagstauglich. Die Leute wollten aber wissen, wie ich das geschafft habe. Ich redete mir den Mund fusselig. Das erste Buch - "Steiner-Prinzip" - ist so "gezwungenermaßen" entstanden. Es hat ein Jahr gedauert, wir haben viel recherchiert, ausprobiert, uns mit Ärzten beraten. Dass es ein Bestseller wird, hätten wir nicht erwartet.

Ihre wichtigsten Botschaften für eine gesunde Lebensweise?

Keine Diäten, viel Bewegung, maßvoll, aber genussvoll essen und auf Qualität achten. Es gibt keine Geheimnisse oder neue Erkenntnisse, jeder kann es individuell umsetzen.

Sie starteten als Heber für den Chemnitzer AC. Bestehen zum Verein weiterhin Kontakte?

Diese sind nie abgebrochen. Erst im Mai war ich eingeladen, als der CAC sein 130-jähriges Bestehen feierte und ich viele Mitstreiter wiedertraf. Dem Verein habe ich so viel zu verdanken. Als ich 2005 nach Deutschland kam, wusste ich zunächst nicht, wie ich die ersten Monate überstehen sollte. Der CAC hat mich von Anfang an unterstützt, den Grundstein für alles gelegt. Deshalb war es für mich nie ein Thema, den Verein zu wechseln, obwohl es vor allem nach dem Olympiasieg Angebote gab.

Auf welchen Gebieten werden Sie sich künftig noch ausprobieren?

Ich habe immer den Mut, Neues auszuprobieren, kann Ideen aber auch wieder verwerfen. Anfragen lehne ich ebenso ab, wenn ich keinen Sinn darin sehe. Zudem darf man nicht verbittert sein, wenn mal etwas nicht so funktioniert. Deshalb rede ich nicht gern über ungelegte Eier. Mein nächster Auftritt in der Region ist übrigens am 25. August am Sachsenring. Da moderiere ich die Veranstaltung Philharmonic Rock.

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