Warum Marvin Schlegel sich eine große Quälerei antut

Im August geht in Berlin die Leichtathletik-EM über die Bühne. Sich zu qualifizieren, wird für den jungen 400-Meter-Läufer vom LAC Chemnitz schwer. Aber nichts ist unmöglich und an Motivation fehlt es garantiert nicht.

Chemnitz.

Zum Termin mit "Freie Presse" hat Marvin Schlegel Freundin Lilly mitgebracht. Die gemeinsame, knapp bemessene Zeit zwischen Wettkämpfen, Training, Trainingslagern und Ausbildung gilt es schließlich zu nutzen. "Das ist schon schwer, aber der Sport steht eben an erster Stelle", sagt der hoffnungsvolle Viertelmeiler vom LAC Chemnitz und erzählt von seiner Vorbereitung auf die Freiluftsaison. Ende April, Anfang Mai schwitzte er mit den deutschen Sprintern vier Wochen in Clermont/Kalifornien, kam für acht Tage nach Deutschland und weiter ging es für zehn Tage ins nächste Trainingscamp auf Teneriffa. "Da bleibt manchmal nicht viel Zeit für uns", meint Lilly. Die angehende Sozialassistentin sagt es mit leichtem Bedauern, aber ohne Groll. Als ehemalige 800-Meter-Läuferin weiß die Freibergerin, wie hart viele Erfolge erkämpft sind.

Die 400 Meter, die Marvin Schlegel läuft, sind hart. Der zweifache Olympiasieger und siebenmalige Weltmeister LaShawn Merritt (USA) bezeichnete die Distanz einst als eine "große Quälerei". Auf der Stadionrunde braucht es gleichermaßen Sprinter- und Steherqualitäten. Die letzten 100 Meter, wenn Lunge und Oberschenkel wie Feuer brennen, die Muskeln schmerzen, sind gefürchtet. "Manchmal frage ich mich auch, warum ich mir das eigentlich antue", meint der 20-Jährige und lacht. Der Deutsche Hallenvizemeister von 2017 quält sich gern, freilich nicht immer, aber meistens schon. "Weil ich etwas erreichen möchte, weil es augenblicklich quasi mein Beruf ist - und weil ansonsten der Trainer dazwischenfunkt", gibt er selbst die Antwort.

Das große, langfristige Ziel sind die Olympischen Spiele 2020 in Tokio. Kurzfristig steht im August jedoch die Leichtathletik-EM in Berlin vor der Tür. Ein verlockendes Heimspiel, auch wenn für den jungen Chemnitzer, der aus Riechberg stammt, ein Einzelstart im ersten Männerjahr wohl noch außer Reichweite liegt. Aber die deutschen Viertelmeiler, deren internationale Einzelerfolge schon längere Zeit zurückliegen (2001 holte Ingo Schultz WM-Silber, 2002 EM-Gold), dürfen als Gastgeber eine Staffel stellen. Wer dabei ist, entscheidet sich bei den Deutschen Meisterschaften Mitte Juli in Nürnberg. "Unter die ersten vier zu kommen wird definitiv schwer, es ist jedoch nicht unmöglich. Ich werde es versuchen. Wenn es nicht klappt, geht die Welt aber auch nicht unter", sagt Marvon Schlegel. In der deutschen Bestenliste rangiert er mit 46,85 Sekunden auf Platz sieben. Diese Zeit will er in dieser Saison auf jeden Fall nach unten drücken und der EM-Norm im Einzel (46,00 Sekunden) zumindest ein Stück weit näherrücken.

Den aktuellen Weltrekord über die Stadionrunde hält Wayde van Niekerk. Starke 43,03 Sekunden lief der Südafrikaner bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro. Er hat einen "genialen Laufstil, alles sieht so leicht aus", schwärmt Marvin Schlegel, dem ein ehemaliger Weltklassemann aber viel näher ist. Er sitzt ihm quasi tagtäglich vor der Nase. LAC-Geschäftsführer Thomas Schönlebe lief 1987 in Rom zu WM-Gold über 400 Meter und stellte den immer noch gültigen Europarekord von 44,33 Sekunden auf. Das Youtube-Video von dem Rennen kennt der Youngster gut: "Das ist definitiv eine riesige Motivation für mich. Auch weil es zeigt, dass du als Europäer vorn dabei sein kannst", sagt der Schützling von Jörg Möckel. Dieser hat Schlegel seit dem vergangenen Septemberunter seinen Fittichen.

Zuvor hieß sein Trainer Lars Milde. Er betreute den Langsprinter seit dem Winter 2013, seit dessen Wechsel zum LAC, erfolgreich. Milde führte den mehrfachen Deutschen Nachwuchsmeister zur U18 und U20-WM sowie zur U23-EM. Auf die richtige Spur brachte Marvin Schlegel indes Vater Kay. Als es im Fußball nicht mehr so richtig rund lief, überredete der Sportlehrer seinen damals zwölfjährigen Sohn dazu, es mit Leichtathletik zu versuchen. Ein prima Tipp. Beim SV Einheit Bräunsdorf kristallisierte sich MarvinSchlegel schnell als Talent heraus und sprintete in die nationale Spitze.

Jetzt soll es für den ehrgeizigen jungen Mann, der seit September Angehöriger der Sportfördergruppe der Landespolizei in Leipzig ist, weiter vorangehen. An mangelnder Unterstützung dürfte das Unternehmen "Tokio 2020" nicht scheitern. "Wenn ein Wettkampf ansteht, dann ist die ganze Familie eingebunden - und wenn es irgendwie geht auch vor Ort. Da wird schon mal der Urlaub danach ausgerichtet", erzählt Marvin Schlegel. "Ist doch schön, wenn die Familie so hinter dir steht", fügt er an. Und Lilly ist - wenn es die Zeit erlaubt - natürlich mit von der Partie.

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