Insekten zum Essen: Außen pfui - innen hui

Insekten sehen unappetitlich aus, dürfen aber seit diesem Jahr in Lebensmitteln verarbeitet werden. Sie gelten als eiweißreich und ökologisch. Doch stimmt das eigentlich?

Wenn sie noch am Leben sind, dann krabbeln sie, kriechen oder flattern umher - Insekten. An Essen denken dabei die wenigsten Deutschen. Obwohl die Tierchen gar nicht so schlecht schmecken - man muss ja nicht hingucken. Bufallowürmer sind beispielsweise knusprig und haben eine Nussnote. Grillen erinnern an Shrimps. Letztlich hängt der Geschmack aber stark von der Zubereitung ab.

Trotz ihrer eher unappetitlichen Hülle überzeugen bei den Kriech- und Krabbeltieren aber offenbar die inneren Werte, was sie für Lebensmittelkonzerne interessant macht. Seit einigen Wochen gibt es beispielsweise den ersten Insektenburger in Rewe-Filialen in Bayern und Nordrhein-Westfalen. Das Start-up Bug Foundation stellt dafür die Bratlinge aus Buffalowürmern und Bio-Soja her. Der Osnabrücker Betrieb durfte seine Burger zunächst nicht in Deutschland verkaufen und exportierte sie stattdessen nach Belgien und in die Niederlande. Der Grund: In Deutschland waren weiterverarbeitete Insekten als Lebensmittel bisher verboten. Seit diesem Jahr hat sich die Rechtslage allerdings geändert. Die Bug Foundation versucht nun, in vielen Bundesländern Fuß zu fassen. "Wir haben viele Anfragen aus ganz Deutschland. Wir wollen aber nicht zu schnell wachsen", sagt Gründer Max Krämer.

Mit Insekten in der Gastronomie hat bislang die Restaurantkette Espitas auf sich aufmerksam gemacht. Neben den "Dias de Insectos", die während des RTL-Dschungelcamps laufen, stehen Heuschrecken und Käferlarven auf der Karte. Ansonsten spielen die kleinen Krabbeltiere in Sachsens Gastronomie keine Rolle, sagt Dehoga-Chef Axel Klein. Wenn überhaupt, dann vereinzelt mal als Besonderheit.

In vielen Teilen der Welt ist das anders. Täglich konsumieren bereits bis zu zwei Milliarden Menschen in über 130 Ländern Insekten, wie die Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen festgestellt hat. "Aus ernährungsphysiologischer Sicht sind viele Insektenarten traditionellen Nutztieren ebenbürtig und in einigen Punkten sogar überlegen", sagt der Biologe Dr. Florian Fiebelkorn von der Uni Osnabrück. Ihm zufolge lassen sich Insekten in vielen Fällen im Vergleich zu konventionellen Nutztieren wesentlich nachhaltiger in Bezug auf Landnutzung, Wasser- und Energieverbrauch züchten. Für den menschlichen Verzehr konzentriert sich die Zucht in Europa momentan auf vier Insektenarten: Heuschrecken, Grillen sowie Mehl- und Buffalowürmer. Das eine sind die Larven des Mehlkäfers, das andere die Larven des Getreideschimmelkäfers.

Einer, der früh auf die Vermarktung von Insekten gesetzt hat, ist Folke Dammann von der Firma Snack-Insects aus Witzeeze in Schleswig-Holstein. Für seine Produkte, die er in Sachsen bislang in einigen Leipziger Konsumfilialen verkauft, arbeitet er mit Zuchtfarmen in den Niederlanden und Frankreich zusammen. "Insekten liefern hochwertiges tierisches Protein, sind sehr gesund und als wechselwarme Tiere sehr gute Futterverwerter", sagt der Unternehmer.

Seine größte Hürde war, die Produkte den Kunden schmackhaft zu machen. "Dafür haben wir von Beginn an viel Aufklärungsarbeit geleistet, Verkostungsaktionen durchgeführt und angefangen, Rezeptideen für Insekten ins Internet zu stellen." Prinzipiell sei es nur eine anerzogene Scheu, warum in Europa keine Insekten gegessen werden. "Aber Essgewohnheiten können sich schnell ändern", sagt Folke Dammann. "Vor einigen Jahren hätte auch kein Mensch geglaubt, wir würden rohen Fisch essen. Heute gibt es Sushi als Massenware im Supermarkt."

Einfach verkauft werden dürfen die Krabbeltiere übrigens nicht. "Alle Insekten oder insektenhaltigen Produkte, die als Lebensmittel in den Verkehr gebracht werden sollen, müssen vorab gesundheitlich bewertet und zugelassen werden", sagt Birgit Brendel von der Verbraucherzentrale Sachsen. Die Zulassung des Lebensmittels ist bei der Europäischen Kommission zu beantragen. Die Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) gibt dann ein Gutachten zur gesundheitlichen Bewertung ab. Danach entscheidet die Kommission über die Zulassung für den Verkauf. Die Lebensmittelexpertin weist darauf hin, dass Insekten Allergien hervorrufen könnten. "Welche Inhaltsstoffe hier problematisch sind, ist noch weitgehend unerforscht. Diskutiert wird, ob Menschen, die gegen Schalentiere allergisch sind, auch auf Insekten reagieren. Dies ist aber weitgehend offen", so Brendel. Ein zweiter Punkt ist die Übertragung von Krankheitserregern. "Hier ist ein wesentlicher Punkt, dass der Verdauungstrakt der Tiere nicht entfernt wird. Daher gilt, dass Insekten nur durchgegart verzehrt werden sollen."

Die Zusatzstoffe in den bisher angebotenen Produkten sieht die Lebensmittelexpertin weniger kritisch. "Insekten werden derzeit in der Regel probiert, daher nur in kleinen Mengen gegessen", begründet sie. "Erst wenn man regelmäßig relevante Mengen zu sich nimmt, werden die Zubereitung und die Zugabe anderer Zutaten interessant", so Brendel. Dann wäre auf den Fettgehalt beim Frittieren und auf Salz oder Zucker zu achten.

Der ganzen Euphorie um Insekten steht der Wissenschaftler Wilhelm Windisch kritisch gegenüber. Aus seiner Sicht handelt es sich um eine Modeerscheinung. "Der Nährwert von Insekten ist nicht besser als der von normalem Fleisch", sagt der Professor vom Lehrstuhl für Tierernährung im Wissenschaftszentrum Weihenstephan der TU München. Denn die Muskelzellen von Bufallowürmern und Heuschrecken seien genauso aufgebaut wie die von Schweinen und Rindern. Auch das Argument, Insekten seien die besseren Futterverwerter und deshalb ökologischer in der Produktion, hält er für übertrieben. "Insekten können sicherlich sehr effizient sein und schnell wachsen, aber nur mit hochwertigem Futter", betont der Wissenschaftler. Mit hochwertigem Futter seien Masthähnchen und Fische aber ebenso effizient. "Bei der Fütterung mit Abfällen bricht die Futtereffizienz dagegen zusammen - bei Fisch, Hähnchen - und auch bei Insekten."

Wenn Insekten überhaupt als Zukunftsnahrung dienen sollen, dann müssten andere Arten erforscht werden, so Windisch. Denn die bisher gewählten Arten wie Mehl- und Buffalowürmer fressen höchstwertige Futtermittel wie etwa Getreide und Sojaprodukte - das seien quasi Nahrungsmittel, die der Mensch auch direkt essen könnte. Stattdessen empfiehlt der Forscher Holzwürmer oder Seidenspinner, die faserhaltige Materialien wie Holz und Stroh verwerten könnten. "Diese Tiere müssen wir erforschen, um eine wirkliche Alternative für die Ernährung des Menschen zu finden."

Nährwerte je 100 g

Der Mehlwurm hat 244 Kilokalorien zu bieten und besteht zu 15,7 g aus Fett und zu 22 g aus Eiweiß.

Eine Grille enthält 146 kcal. Sie besteht aus 21,6 g Einweiß, der Fettgehalt liegt bei 5,9 g.

Ein Schweinefilet enthält 106 kcal und besteht zu 2 g aus Fett und zu 22 g aus Eiweiß.

Ein Rindersteak enthält 146 kcal. Der Eiweißgehalt liegt bei 22 g und der Fettgehalt bei 6 g. Quelle: FAO/Hersteller

Wo sind überall Insekten drin

Grillen bäckt ein finnisches Unternehmen zu einer Art Brot. Ein Laib enthält circa 70 feingemahlene Krabbeltiere.

Heuschrecken gibt es beispielsweise in vielen Globetrotter-Filialen - allerdings bereits gefriergetrocknet zum Anrösten.

Bufallowürmer werden zu Mehl gemahlen. In vielen Metro-Filialen gibt es das seit Neuestem in Form von Nudeln zum Kochen.

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