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Roman Naumann aus Rechenberg-Bienenmühle inmitten seiner Häuschen.

Foto: Wolfgang Thieme

Die Häuselmacher aus dem Erzgebirge

Vater und Sohn bewahren, was vor über 200 Jahren seinen Anfang nahm. Und das nicht nur zur Freude von Kindern.

Von Gabi Thieme
erschienen am 21.12.2017

Rechenberg-Bienenmühle. Welche Firma baut in Deutschland die meisten Fachwerkhäuser? Mit dieser Frage könnte Günther Jauch seine "Wer wird Millionär?"-Kandidaten voll aufs Glatteis führen. Denn keiner würde antworten: die Firma Naumann im Erzgebirge, genauer in Rechenberg-Bienenmühle - genannt Rebi. Und wo das wiederum liegt, wüssten wohl auch nur Kandidaten aus Mittelsachsen.

Will man zur Firma Naumann, sucht man vergeblich nach einer Werkhalle. Vielmehr stößt man An der alten Straße 75 auf ein Wohnhaus, das hier 1865 am Hang über der Freiberger Mulde erbaut wurde und so winzig ist, dass es niemals eine Fabrik sein kann - glaubt man. Roman Naumann lacht über die ungläubigen Blicke von Besuchern und Reisebusinsassen, die er nur in kleinen Gruppen zur "Werksbesichtigung" einlassen kann. Denn sein Werk besteht lediglich aus einer Werkstatt von etwa zehn Quadratmetern und einem halb so großen Laden, dem "Häuselmacherstübel". Nicht mal ein Holzlager existiert. "Wir arbeiten wie die Großen - just-in-time", schmunzelt der 41-Jährige. Nur einen Angestellten hat er: seinen Vater. Der will sich mit 67 noch nicht zu Ruhe setzen, zumal er das Unternehmen 1996 gründete.

Jedes Haus ist ein Unikat.
 

Vater Reinmar, ein gelernter Schlosser, und Sohn Roman, Kaufmann für Grundstücks- und Wohnungswirtschaft, waren damals arbeitslos. Da besann sich der Vater auf das, womit er vor der Wende als Hobby Freunde und Verwandte begeistert hatte: den Bau von kleinen Kirchen und Holzhäuschen, wie sie schon vor mehr als 200 Jahren im Erzgebirge hergestellt wurden. Gegen Ende der DDR war die Häuselmacherei fast zum Erliegen gekommen. Nur die Hersteller von Bauernhöfen und Schwibbögen, wie der Seiffener Meister Wolfgang Glöckner, bauten noch Häuseln. Bei dem holte sich Naumann in den 1980er-Jahren auch erste Anregungen.Der eigene Produktionsstart 1996 mit einer zwölf Zentimeter großen Wehrkirche und 8,5 Zentimeter großen Häuschen verlief enttäuschend. Deshalb stellten die Häuselmacher, wie sie sich selbst nennen, die Produktion um: auf massive Fachwerkhäuschen - kaum größer als sechs Zentimeter. Mit denen ließen sich kostengünstig Dörfer aufbauen, Pyramiden bestücken und Bauernhöfe komplettieren. Ins halbe Erzgebirge wurden sie geliefert. "Bis 2001 ein Musiker aus Dresden mit der Anregung kam, wir könnten die Häuser doch beleuchten", erzählt Naumann. Seither gehören auch Lichterhäuser zum Programm, die zum Beispiel auf Schwibbögen und Fensterbretteln, wie sie rund um Auerbach im Erzgebirge verbreitet sind, platziert werden. Der Seiffener Sven Harzer liefert solche "nackten" Schwibbögen mit integrierten Drei-Watt-Glühbirnen auf einem extra tiefen Boden, auf dem sich Naumanns Häuser besonders wirkungsvoll in Szene setzen lassen.

Schwibbögen lassen sich zum Beispiel mit Hintergrundhäusern bestücken.
 

Vor etwas mehr als zehn Jahren erweiterten die beiden Männer noch einmal ihr Sortiment: um sogenannte Hintergrundhäuser. Diese größeren hölzernen Fachwerkbauten werden bewusst flach gehalten, besitzen also nur wenige Zentimeter Tiefe, denn sie rücken in den Hintergrund. Davor können Bergparaden aufmarschieren, sich Gelehrte versammeln oder Dorfbewohner bummeln.

"Drei Viertel unserer Häuser gehen auf originale Vorbilder im Erzgebirge zurück", sagt Roman Naumann. Dazu gehören das Silbermannhaus in Kleinbobritzsch, das Heimatmuseum Sayda, das Rathaus von Thum, die Wehrkirche von Großrückerswalde, aber auch die Seiffener und die Rechenberger Kirche. Selbst die Tischlerei Max Nagel gibt es wirklich: in Grumbach bei Dresden. Ebenso das Trafohaus, das nach dem im Seiffener Freilichtmuseum gebaut wird. Die Mittelmühle und die Bäckerei Franz Semmel sind dagegen Fantasieobjekte.

Rund 1500 Häuser bauen die beiden "Naumänner" inzwischen pro Jahr - jedes ein Unikat. Von gehobelten Buchenholzleisten werden zunächst rechteckige Klötzer abgetrennt, geschliffen und meist weiß grundiert. Sie bilden das Wohngeschoss. Mittels einer variablen Vorrichtung werden dann die Balken für das Fachwerk aufgemalt, einschließlich Riegel, Streben und Andreaskreuz. Die Dächer werden aus Dreieckleisten aus Kiefernholz geschnitten und gehobelt. Jedes Dach erhält einen Feinschliff und wird mit Holzbeize behandelt oder - wie beim Schieferdach - auch gestrichen. Hinzu kommen Anbauten wie Schuppen, Vorhäuschen und kleine Schornsteine. "Wir bleiben im Wesentlichen beim Fränkischen Fachwerkstil, nach dem auch viele Häuser im Erzgebirge entstanden, betont Roman Naumann. Allerdings seien bei unzähligen Stadtbränden viele alte Gebäude zerstört und durch Häuser aus Stein ersetzt worden. "Wir versuchen daher, etwas Altes in Miniatur zu bewahren."

35 Händler beliefern die Naumanns inzwischen - bis hin nach Quedlinburg und Essen. Auch ein Pyramidenhersteller in Wünschendorf im Erzgebirge gehört zu den Stammkunden. "Mit unseren Häusern wird man nicht Millionär. Aber die Familie kann gut davon leben", gesteht der Chef. Ein wenig stolz sind Vater und Sohn auch darauf, dass sie die Häuselmacherei im Erzgebirge quasi wiederbelebt haben. Weil es aber den Beruf des Häuselmachers in der Handwerkerrolle gar nicht mehr gibt, haben sie sich als Handelsunternehmen eintragen lassen, das eben Häuser produziert.

Roman Naumann führt vom 27. bis 29. Dezember im Pohl-Ströher-Depot in Gelenau im Rahmen der Weihnachtsschau dort von 10 bis 18 Uhr vor, wie seine Häuser entstehen.

 
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