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Ganz ohne Chemie gehts auch bei besten Vorsätzen nicht: Baumwolle lässt sich nicht so einfach dauerhaft schön bunt färben.

Foto: Andrea Warnecke/dpa

Schluss mit Gift in T-Shirts

Internationale Experten lernen bei einer Konferenz in Chemnitz mehr zu nachhaltiger Produktion. Davon könnte auch einmal die gesamte Region profitieren.

Von Ramona Nagel
erschienen am 19.09.2017

Chemnitz. Stöckhardt-Auditorium im Hauptgebäude der TU Chemnitz, Straße der Nationen. Von Müdigkeit nach der Mittagspause ist nichts zu spüren. Bereits seit dem Vormittag und dem ganzen ersten von insgesamt drei Tagen geht es hier bei der ersten Sustainable Textile School (Nachhaltige Textilschule) einzig um Fasern: Fasertechnologie, Fasern als Innovationstreiber. Eigentlich ein ziemlich trockener Stoff. Doch die etwa einhundert Textilexperten aus 15 Ländern lauschen sehr konzentriert den Vorträgen internationaler Experten. Referenten und Zuhörer eint eine starke Gemeinsamkeit: Sie wollen eine nachhaltige Textilproduktion: ohne gesundheitsgefährdende Gifte, möglichst ganz ohne Chemie, alle Kleidungsstücke recycle- und abbaubar. Kleidung für Drunter und Drüber, die man selbst ohne Bedenken trägt und ohne Gewissensbisse seinen Kindern anziehen kann.

"Warum muss denn immer alles billig, billig sein und noch dazu in 50 Kollektionen pro Jahr", fragt sich Benjamin Itter. "Warum müssen wir überhaupt ungesunden Mist produzieren?" Gemeinsam mit Enrico Rima und Christoph Malkowski hat er 2009 Lebenskleidung gegründet. Das Berliner Unternehmen verkauft ökologisch gefärbte Stoffe. Es ist ein Nischenbereich. Die Idee dazu kam den drei jungen Männern während ihrer Studienzeit in Indien. Es waren prägende Monate. Bei Reisen durch das Land haben sie die ganze Grausamkeit von unkontrollierter Produktion erlebt, egal ob Tee oder Textilien. "Immer wieder waren wir darüber schockiert, wie Mensch und Umwelt ausgebeutet werden - insbesondere von der Textilindustrie", sagt Itter. "Und da kam der Gedanke: He, ich trage ja selbst bestimmt was davon." Doch oftmals reicht allein der gute Wille nicht. Ihre Idee, Stoffe mit Pflanzenfarbe, wie beispielsweise Kurkuma, zu färben, funktionierte nicht. "Pflanzenfarbe reagiert nicht mit Baumwolle. Nach jedem Waschen wird die Farbe heller", meint Itter. Unmöglich, und das nicht nur für anspruchsvolle Kunden, sondern für die Unternehmer selbst. Mehrfach wurden Baumwollproduzenten und Färbereien gewechselt. Mittlerweile ist klar: Ganz ohne Chemie geht es nicht, auf jeden Fall aber so wenig wie möglich, ohne Chlorbleiche, Enzymwaschungen und vor allem ohne krebserregende Verbindungen. 80 Prozent der Ware wird in Portugal unter Ökostandards produziert, bei kleinen Familienunternehmen.

Viele Teilnehmer der Chemnitzer Konferenz sind begeistert davon, dass sich langsam in den Vorstandsetagen der Textil- und Handelskonzerne sowie in den Köpfen der Verbraucher etwas ändert. Das Bewusstsein der Deutschen dafür hat zwar zugenommen. Doch es sind eher die digital rasch verfügbaren Fotos aus aller Welt, die schockieren, aufrütteln und zum Nachdenken anregen. Solche, wie vom Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch vor zwei Jahren, als mehr als tausend Menschen starben und rund 2500 verletzt wurden. Oder Dokumentationen über bis zu den Knöcheln im stinkenden Farbschlamm stehende Textilarbeiter. Bereits 79 globale Modemarken von H&M über Adidas bis hin zu Aldi haben die Textilcharta der Umweltorganisation Greenpeace unterzeichnet und sich dabei verpflichtet, bis 2020 Schadstoffe durch ungefährliche Substanzen zu ersetzen.

Für Anton Schumann von der Schweizer Beraterfirma Gherzi reicht Umdenken allein nicht aus: "Das Wissen muss wieder an die Uni." Und das ist bereits in Vorbereitung. Im Herbst kommenden Jahres soll ein gemeinsamer neuer Studiengang an der TU Chemnitz und der Schweizerischen Textilfachschule beginnen, der Wissen und Fähigkeiten zur gesamten textilen Wertschöpfungskette bietet. "Von den Faserpolymeren zum Fertigteil und zurück", meint Schumann. Die Absolventen seien derzeit zu sehr spezialisiert und wenig international interessiert. "Das muss sich ändern", ist der Textilexperte überzeugt. Für die Chemnitzer Uni wäre das zudem eine weitere Möglichkeit, Studenten anzuziehen. Die Organisatoren haben es so eingerichtet, dass möglichst viele Interessierte von den Vorträgen und Diskussionen via Internet profitieren können - sie haben eine E-Learning-Plattform zur Verfügung gestellt, über die die Inhalte der Konferenz nachvollzogen werden können.

Und die Chemnitzer Gastgeber bieten während der drei Tage so gut wie alles, was die Stadt Schönes hat. Bei einem Stadtrundgang am Sonntagabend erhielten die Referenten zudem einen Einblick in stille und historische Orte einer der einst reichsten Städte Deutschlands. Dass es hier immer noch eine reibungslos funktionierende Textile Produktionskette gibt, wissen die Teilnehmer nun. "Die Region als internationaler Standort hat schon jetzt einen Top- Eindruck hinterlassen", ist Uwe Lienig von der Wirtschaftsförderung Sachsen überzeugt.

 
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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