Die Raumluft-Deuter

Ein Chemnitzer Start-up wird bald ein Gerät auf den Markt bringen, das nicht nur vor dicker Luft warnt. Es soll auch helfen, die eigene Leistungsfähigkeit zu steigern.

Chemnitz.

Daniel Lehmann ist ein Tüftler. An der TU Chemnitz hat er seinen Physik-Doktor mit Auszeichnung gemacht. Seine Wohnung ist zugleich seine Elektrowerkstatt. Sensoren sind sein Spezialgebiet. Mit dem Start-up Corant - eine Ausgründung aus der Hochschule - haben er und seine Mitgründer schon mehrere Preise eingeheimst. Doch für die erste Entwicklung - ein Super-Thermometer zur permanenten Überwachung bei Temperaturen zwischen 1600 und 1800 Grad Celsius - gab es trotz Auszeichnungen keinen Markt. Es war zu teuer.

Irgendwann nahm Lehmann deshalb seine neueste Erfindung einfach mal mit in die Mensa: Kurz draufgepustet - und zack, das Gerät zeigte an, was in seiner Atemluft war. Die Umstehenden staunten. "Mir war sofort klar, dass man das benutzerfreundlich weiterentwickeln muss", sagt Mitgründer Mario Körösi. Heute, gut anderthalb Jahre später, ist aus der kleinen Kiste ein Prototyp der zweiten Generation geworden, den seine Entwickler "Air Q" getauft haben. Von außen mutet das Gerät wie ein Discman an. Sein Inneres steckt voller Sensoren, die die Umgebungsluft und das Raumklima überwachen. Sauerstoff, Kohlendioxid, Kohlenmonoxid, flüchtige organische Verbindungen wie zum Beispiel Methan, Propan oder Aldehyde, Feinstaub, Stickoxide, Schwefeloxide, Ozon, Pollen- und Sporenbelastungen - die Konzentration all dieser Stoffe in der Luft misst das Gerät nicht nur. Es bewertet auch, wie sie sich auf die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Menschen auswirkt. "Unser Gerät ist wie ein Beipackzettel für die Luft", sagt Körösi. Für den schnellen Überblick auf dem Handy oder Computer hat Mitgründer Alexander Stinka eine App entwickelt, die alle Daten zu einem Gesundheits- und Leistungsindex zusammenfasst - individuelle Tipps zur Verbesserung der Luftqualität inklusive. Zugleich werden Schalldruck, Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Luftdruck mit erfasst. Bei zu viel Rauch oder zu viel Kohlenmonoxid schlägt das Gerät Alarm. Es warnt aber auch rechtzeitig vor ganz "normaler" dicker Luft, die zu Kopfschmerzen, Konzentrationsproblemen oder Müdigkeit führen kann. "Studien belegen, dass ein zu hoher Gehalt bestimmter Stoffe in der Luft bei komplexen Aufgaben zu Leistungseinbußen von 30 bis 50 Prozent führt", sagt der 38-jährige Körösi. "In einem kleinen Raum mit drei Mitarbeitern kann das schon nach einer Stunde passieren."

Wenn der Air Q eine eingeschränkte Leistungsfähigkeit anzeigt, rät Lehmann zum Lüften. "Dann kann möglicherweise aber auch viel Feinstaub mit reinkommen", so der 38-Jährige. Gleiches gilt, wenn ursächlich für die gesunkene Leistungsbereitschaft Stoffe sind, die Bakterien oder Materialien im Raum freisetzen. "Schon kleine Dosen davon können bei permanenten Inhalation gefährlich sein", sagt Lehmann. "Unser Gerät kann diese Belastungen aber aufdecken." Die ersten Air Q hat das Start-up, das neben einem Büro auf dem Chemnitzer Technologie-Campus auch einen Sitz in Leipzig hat, bereits an Industriekunden verkauft. Einen der heiß begehrten Plätze im Leipziger Spinlab, das Gründer betreut, hat sich Corant ebenfalls für sechs Monate schon gesichert. Als Kunden im Auge hat das Start-up neben Industrie und Gewerbe Menschen, denen ihre Vitalität etwas wert ist: Die Basisvariante des Air Q soll um die 250 Euro kosten, eine weitere mit Zusatzmesswerten um die 350 bis 400 Euro. Preislich orientiere sich ihr Start-up da an gehobenen Smart-Watches oder Fitnessarmbändern, sagt Körösi. Ab Ende April will das Start-up nun im Internet voraussichtlich über die Finanzierungsplattform "Kickstarter" Bestellungen gegen Vorkasse sammeln, um mit dem Air Q in die Massenproduktion gehen zu können. "Wir hoffen auf Bestellungen im Wert von 100.000 Euro brutto", sagt Körösi. Zudem laufen Gespräche mit einem Investor. Aber auch so haben die drei Gründer selbst ausreichend Luft, um weiterzumachen - zumindest für die nächsten 20 Monate. Denn solange werden sie noch als Inno-Team über die Sächsische Aufbaubank gefördert.

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3Kommentare
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  • 0
    1
    Einspruch
    10.02.2019

    Wenn von der sauberen Luft von draußen etwas Feinstaub in die verbrauchte staubbelasteteLuft nach drinnen kommt, wird das nicht schlimm sein.
    Und wer im Zeitalter von Apps noch weiß, wie ein Fenstergriff und normales Lüften funktionieren, wird auch so klarkommen.
    Das ist eher ein Gerät für Sachverständige, wenn Ursachenforschung betrieben wird.

  • 2
    2
    Zeitungss
    09.02.2019

    Mal abgesehen vom Preis, glaube ich nicht, dass so mancher Arbeitgeber FREUDE an dieser Entwicklung hat wenn die Luft in seinem Umfeld analysiert wird. Wer das jetzt zweideutig auffasst, darf das natürlich.

  • 1
    2
    corant
    08.02.2019

    Danke für den klasse Artikel!



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