Neue Stoffe für den Kampf gegen multiresistente Keime

Sachsens Textilindustrie setzt mit Innovationen auf neue Wachstumsmärkte. Offen ist, ob die neuen Produkte sich am Markt auch durchsetzen.

Crimmitschau/Chemnitz.

In Krankenhäusern und Pflegeheimen werden sie gefürchtet: lebensgefährliche multiresistente Bakterien, die selbst gegen hochwirksame Antibiotika unempfindlich sind. Weil die Keime auch durch Bettwäsche, Personalkleidung oder Duschvorhänge übertragen werden können, hat die Weberei Spengler & Fürst aus Crimmitschau zusammen mit der Firma Brändl Textil aus dem erzgebirgischen Geyer Stoffe entwickelt, die solche Keime abtöten. Das innovative Textilsystem mit dem Namen "bacteria EX" basiert auf einem silberhaltigen Gewebe, das die multiresistenten Keime innerhalb von einer Stunde vernichtet.

"In Europa gibt es nichts vergleichbares", versichert Eckhard Bräuninger, Geschäftsführer von Spengler & Fürst. Die Weberei ist jetzt dabei, ein Geschäftsmodell zu entwickeln, um Kliniken und Pflegeeinrichtungen von den Vorteilen des Textilsystems zu überzeugen. Denn der mit Silberfäden durchzogene Stoff ist nicht billig. Ein einfaches T-Shirt aus dem Material würde nach Auskunft von Bräuninger rund 80 Euro kosten. Um den Markteintritt vorzubereiten laufen derzeit im Universitätsklinikum Dresden und in einem Meißener Krankenhaus Langzeitversuche, um den Einsatz der keimtötenden Stoffe in der Praxis zu testen. "Wir wollen erst einmal auf dem deutschen Markt Fuß fassen", sagt Bräuninger.

Auf dem Weg von Modeartikeln zu technischen Textilien für den medizinischen Bereich befindet sich auch die Strumpfwerk Lindner GmbH aus Hohenstein-Ernstthal. "Wir befinden uns mitten im Transformationsprozess", sagt Thomas Lindner, Chef des Textilunternehmens mit 60 Mitarbeitern. Zur Komplettierung des Textilsystems "bacteria EX" tragen seit kurzem Socken mit nachweislich keimtötender Wirkung bei. Auch Spezialsocken für Diabetiker, Anti-Zecken-Socken und Kompressionsstrümpfe, die nach Maß angefertigt werden, gehören zum Angebot. "Inzwischen fertigen wir zu zwei Dritteln Sport- und Medizinprodukte", erklärt Lindner. Für den Vertrieb hat das Unternehmen vorgesorgt. 2016 wurde der Großhändler Venocare-Med übernommen, der Apotheken, Sanitätshäuser und Kliniken beliefert. Privatkunden werden über den firmeneigenen Onlineshop erreicht. "Rund 80 Prozent unserer Sportartikel verkaufen wir inzwischen über das Internet", berichtet Lindner.

Hochwertige Sportbekleidung für Radfahrer ist das Spezialgebiet der Biehler Sportswear GmbH & Co. KG aus Limbach-Oberfrohna. Doch damit wollte sich Biehler-Chefin Steffi Barth nicht zufrieden geben. In dem Unternehmen mit 50 Beschäftigten wurde zusammen mit dem Sächsischen Textilforschungsinstitut (STFI) in Chemnitz und Softwarespezialisten aus Henningsdorf ein Sensor-Shirt entwickelt, das die medizinisch notwendige Überwachung von Patienten erleichtern soll. Das auch auf Silber basierende mit waschbarer Mikro-Sensorik ausgestattete Shirt misst Puls, Hautfeuchtigkeit, Temperatur, Atemfrequenz und Bewegung eines Patienten und überträgt die Daten in eine App, die von einem Smartphone oder Tablet aus abrufbar ist. "Das Handling ist einfach; auch pflegende Angehörige kommen damit zurecht", sagt Barth. Derzeit wird die Neuentwicklung in der Berliner Charité auf ihre Praxistauglichkeit getestet. Nächstes Jahr soll das Sensor-Shirt in Serie gehen. "Das ist eine Weltneuheit und für uns eine bedeutende Neuentwicklung", versichert Biehler-Chefin Steffi Barth.

Mit Sensorik arbeitet auch ein neuartiges signalgebendes Polster des STFI in Chemnitz. Gemeinsam mit dem Institut für Holztechnologie und der Materialprüfanstalt in Dresden wurde die intelligente Matratzenauflage für den Einsatz in der Alten- und Krankenpflege entwickelt. Dank integrierter polymeroptischer Fasern liefert das Polster Daten zu Druck, Temperatur und feuchte in einem Pflegebett. Die Matratze signalisiert auch, wenn der Patient das Bett verlassen hat. Das Ganze funktioniert ohne jegliche elektrische Spannung in der Polsterung. Gemessen werden die Veränderungen der Lichtintensität in den Biegungen der Lichtwellen leitenden Fasern.

Die für den Gesundheitsbereich gedachten textilen Neuentwicklungen entstanden in dem Verbundprojekt "health.textil 4.0", zu dem rund 20 Firmen und Partner gehören. Der vom Verband der Nord-Ostdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie (vti) 2017 organisierte Verbund wurde vom sächsischen Wirtschaftsministerium mit rund 200.000 Euro gefördert. Da die Förderung demnächst ausläuft soll künftig das Bundeswirtschaftsministerium über das Zentrale Innovationsprogramm Mittelstand (ZIM) einspringen. "Das ist notwendig, denn es sind schon viele Vorarbeiten geleistet worden", sagt vti-Geschäftsführer Jenz Otto.

"Gemeinsam ist es gelungen, die Existenz eines innovativen Kerns der Textil- und Bekleidungsindustrie zu sichern und weiterzuentwickeln", erklärt Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig bei einem besuch einiger Textilfirmen in Südwestsachsen. "Was wir gesehen haben, ist Innovation", meint der SPD-Politiker. Doch jetzt muss auch der Markt erobert werden. "Diese Spitzenprodukte sind bei potenziellen Anwendern oft kaum oder noch nicht gut genug bekannt. Wir müssen das neue Image der Textilindustrie nach außen tragen", fordert Otto.

In der ostdeutschen Textil- und Bekleidungsbranche sind rund 16.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt, davon 12.000 in Sachsen und etwa 2500 in Thüringen. Weit mehr als die Hälfte des Gesamtumsatzes von 1,87 Milliarden Euro entfiel im vergangenen Jahr auf Technische Textilien, rund 30 Prozent auf Heimtextilien und etwa zehn Prozent auf Bekleidung.

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