Trendsetter aus Südwestsachsen in der Welt der Spielzeuge

Vorbei die Zeit, als das Erzgebirge als ein Zentrum der Spielzeug-Industrie galt. Aber mit pfiffigen Ideen und Naturmaterialien behaupten sich hiesige Hersteller in einer Branche zwischen Plastik, Glitzer und Hochtechnologie.

Nürnberg.

Gomer, schwarz-weißer Roboter in der Größe einer kleinen Katze, demonstriert seine Fähigkeiten. Laut chinesischem Hersteller GLI lässt er sich programmieren, erkennt Gesichter, interagiert mit Menschen. Hält man beispielsweise einen Würfel, auf dem ist ein stilisierter Panda-Bär zu sehen ist, vor die Augen des Roboters, setzt Gomer einen melancholischen Blick auf und haucht einen Laut, der mit etwas Fantasie tatsächlich wie "Panda" klingt. Nun soll er sich auf dem Testparcours beweisen. Vor ihm wieder die Würfel. Wird er sie entdecken? Er setzt sich in Bewegung. Doch statt die Würfel mit dem Greifarm zu packen, schubst er sie kurzerhand über den Rand vom Testparcours. Und fährt dann selbst hinterher. Selbstmord eines Spielzeugs. Kinderkrankheiten.

Das Zeitalter des technologischen Spielzeugs hat eben erst begonnen, prophezeit Richard Gottlieb, Branchenkenner aus New York. Die bis morgen geöffnete Spielwarenmesse in Nürnberg zementiert diese Hoffnung. Sie ist die größte weltweit. Knapp 2900 Aussteller zeigen eine Million Produkte. Zehntausende Fachbesucher kommen. In Halle 4A dreht sich alles um Roboter, Drohnen, Flugsimulatoren. Gleich daneben in Halle 3A: die Trendgalerie mit neuer, preisgekrönter Meerjungfrauenwelt von Playmobil und dem preisgekrönten Kinder-Piano, das mit bloßer Berührung funktioniert. Und dank Bluetooth-Technik übermittelt ein Ball an den Computer, wie weit oder wie hoch ihn jemand wirft oder wie oft er auf den Boden fällt.

Das ist das Umfeld, in dem sich die sächsischen Spielzeughersteller bewegen. Das Zeitalter des technologischen Spielzeugs spielt in China, in den USA, es spielt bei Branchengrößen Lego, wo eine Nachbildung eines Porsche 911 entwickelt wurde, bei dem man die Drehbewegung der Kurbelwelle innerhalb des Motors sieht. Lange vorbei ist die Zeit, als das Erzgebirge als ein Zentrum der Spielzeugherstellung galt. Das Spielewerk Spika im einstigen Karl-Marx-Stadt ist Geschichte, vom Kombinat VERO Olbernhau mit an die hundert Produktionsstätten haben nur die wenigsten, wie der re-privatisierte Modellbauer Auhagen in Marienberg, überlebt. Heute bleiben den hiesigen Spielzeugherstellern, ob aus alten hervorgegangen oder neu gegründet, nur Nischen. Doch dort behaupten sie sich, dank Naturmaterialien, pfiffiger Ideen.

Um die 20 überwiegend kleine und mittelgroße Firmen aus dem Raum Chemnitz/Erzgebirge sind diesmal auf der Messe. "Es waren schon mal mehr", sagt Barbara Seidler, Geschäftsführerin der Sina Spielzeug GmbH Neuhausen. Aber immerhin: Zwei Firmen zeigen ihre Neuheiten gar bei der Trend-Galerie - an der Seite von Playmobil und Co.

Besuch am Stand der Seelitzer Firma Holz Klang und Spiel. Eigentlich hat sich Gründer Rainer Härtel mit drehbaren Wandspielen einen Namen gemacht. Für ein Museum in der Schweiz entwickelte er die Light-Matrix. Eine Holzwand mit Löchern, in die sich die Acryl-Stäbe schieben lassen. Wie von Zauberhand beginnen die Stäbe zu leuchten, sobald sie in der Matrix stecken. Das funktioniert, weil im Inneren der Matrix ein LED-Licht leuchtet. Von außen sieht man davon nichts: Kleine Türchen schließen das Licht blickdicht ab, wenn keine Stäbe in den Löchern stecken.

Ebenfalls in der Trend-Galerie: Binabo, eine Art Baukasten-System aus einem biologischen Werkstoff aus Holzfasern - und Zucker. Die Firma Tictoys residiert heute in Leipzig, ihre Wurzeln liegen in Chemnitz. Schon hunderte Male erzählten die Gründer Matthias Meister und Tony Ramenda, wie letzterer, einst Schlagzeuger einer Chemnitzer Band, in einem Club in Madrid eine CD gegen ein Geschicklichkeitsspiel tauschte, wie Mitbewohner und Freunde daheim in Chemnitz nicht mehr davon lassen konnten, wie die beiden das Ding weiterentwickelten, schließlich eine Spielzeugfirma gründeten - und mit dem Ticayo, bei dem man eine Kugel mit einem Holzstab auffangen muss, einen Kassenschlager landeten.

Es folgten Wurf- und Balance-Spielgeräte und nun Binabo: Kunststoffteilchen, die sich zu einem Ball zusammensetzen lassen, aber eigentlich sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Unter dem Motto "Die andere Spielzeugkultur" setzen Meister und Ramenda auf Naturprodukte, Produktion in Deutschland, faire Preise. Sie verstehen Tictoys als Gegenentwurf zur glitzernden Spielzeugwelt. So sind Tictoy-Spielzeuge zwar in Läden in Japan zu finden, aber ganz bewusst nicht bei Amazon oder Ebay. Das Asien-Geschäft bereitet der Firma Bauchgrummeln, verrät ein Mitarbeiter am Stand. Denn ökologisch wünschenswert gilt ihnen die Verschiffung per Container nicht gerade. "Eigentlich würden wir für den dortigen Markt gern in Asien produzieren lassen. Aber den Kunden dort ist das Label Made in Germany sehr wichtig."

Made in Germany zieht, das hat auch Ronny Graupner erfahren. Wie Meister und Ramenda wurde er eher zufällig Spielzeug-Unternehmer. Als er seiner Tochter einen Bauernhof samt Figuren schenkte, sah das Set gar nicht mehr so schön aus wie auf der Verpackung, sondern wirkte auf dem nackten Tisch eher fad. Also setzte er sich an den Computer, entwarf eine Bauernhof-Landschaft auf Papier. Daraus entstand die Idee der Spielematten. Graupner verband Naturkautschuk mit Polyester, mittlerweile gibt es jede Menge Designs der robusten Matten, man kann sie auch selbst bemalen - und wieder abwaschen. Drei Mann arbeiten im Familienunternehmen Playmatt, doch die Zeichen stehen auf Wachstum. In die USA wird schon geliefert, Kontakte nach Japan sind geknüpft, nun will Graupner auf der Messe auch mit größeren Handelsketten ins Gespräch kommen.

Die Zeichen stehen also nicht so schlecht für die hiesige Branche. Dass das heimische Holz eines Tages dem Plastik wieder den Rang als Material Nummer eins ablaufen könnte, das hält Günter Hess, Gründer der Firma Hess Spielzeug in Olbernhau, für ausgeschlossen. "Wir existieren jetzt 30 Jahre", sagt er. "Seitdem habe ich schon sehr oft gehört, dass Holz wieder im Kommen ist." So kam denn auch Berater Richard Gottlieb im Magazin der Messe mit Blick auf technologisches Spielzeug bereits zu dem Schluss: "Aktuell haben wir es mit einer kurzen Verschnaufpause zu tun, weil die Menschen sich erst einmal zurücklehnen wollen. Danach wird es aber mit einer immer höheren Geschwindigkeit weitergehen."

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