Die gedopte Kuh

Vier von fünf Milchkühen in Sachsen kommen nie aus dem Stall - Und auch bei der Bio-Kuh ist nicht alles in Butter

Wie Schweine und Hähnchen in Mastanlagen leben, wissen die meisten - nicht aber, wie Milchkühe gehalten werden. Geht's um die Milch, dominieren in unseren Köpfen die Bilder von friedlich grasenden Kühen, bei Bio sowieso. Hier haben Werbeprofis ganze Arbeit geleistet.

Denn die Realität sieht etwas anders aus. Sie sei häufig alles andere als tiergerecht, kritisieren Tier-, Umwelt- und Verbraucherschützer nahezu unisono. Dass Milchkühe heute zu Hochleistungen gedopt sowie viel zu früh verheizt werden, sei nicht nur unmoralisch, sondern teuer und ineffizient. Das finden auch etliche Milchbauern. "Durch die Intensivierung stehen die Kühe unter immensem Leistungsdruck", sagt Hans Foldenauer, Sprecher des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter (BDM). "Funktioniert die Kuh nicht, kommt sie sofort weg." Der BDM, Gegenstimme zum Deutschen Bauernverband, vertritt jeden dritten Milchbauer im Land.

Ein weiteres Problem: Anders als bei Schweinen oder Geflügel gibt es für die konventionelle Kuhhaltung keine rechtlichen Vorgaben. "Jeder Landwirt kann machen, was er will", kritisiert Katharina Tölle von der Welttierschutzgesellschaft. Sie fordert eine Haltungsverordnung speziell für Milchkühe.

"Immer mehr Tiere in immer größeren Ställen" sei nicht tiergerecht, sagt Katrin Wenz vom Bund für Umwelt und Naturschutz. Auch sie fordert "dringend eine verbindliche Regelung" wie bei Bio: In der Öko-Landwirtschaft sind Auslauf, Platz oder Futter geregelt. Inzwischen findet sich auf jeder zehnten Milchpackung im Supermarkt das EU-Biosiegel oder ein Zeichen der Öko-Anbauverbände Bioland, Naturland, Demeter oder Gäa. Aber stammt diese Milch tatsächlich von glücklicheren Kühen?

Die Höfe: Etwa 830 Milchvieh-Betriebe gibt es in Sachsen. Sie halten nach Angaben des Sächsischen Landesbauernverbandes (SLB) etwa 181.000 Milchkühe - manche nur ein Tier, andere bis zu 1500. Im Jahr 1999 gab es noch 1800 Betriebe mit 227.000 Milchkühen. Besonders gefährdet sind derzeit die Familienbetriebe, die zwischen 200 und 300 Kühe halten. 38 Milchvieh-Betriebe arbeiten im Freistaat nach Öko-Standards - 3,7 Prozent. Bundesweit sind es sechs Prozent. Damit stehen in Sachsen nur etwa zwei Prozent der Milchkühe in Ställen oder auf Weiden eines Bio-Betriebs.

Die Milchleistung: Die Sachsen holen besonders viel Milch aus ihren Kühen: 2017 gab jede Milchkuh im Freistaat - also Bio und Nicht-Bio - im Schnitt 9500 Liter Milch pro Jahr, etwa 26 Liter pro Tag. Diese Menge passt in 66 Badewannen und hat sich seit dem Jahr 1991 verdoppelt. Zum Vergleich: Alle Milchkühe in Deutschland zusammen haben mit im Schnitt 8541 Liter Milch pro Tier rund tausend Kilogramm weniger geliefert. Damit kamen in Sachsen 2017 fast 1,75 Millionen Tonnen Milch zusammen - fünf Prozent der bundesweit erzeugten Milch. Im Osten Deutschlands ist der Freistaat der größte Milchlieferant, bundesweit landet er auf Platz sechs. Ganz vorne liegt Bayern.

Einzelne Turbokühe im konventionellen Stall schaffen sogar 15.000 Liter Milch pro Jahr - oder 50 Liter am Tag. Bio-Kühe hingegen liefern im Schnitt 6000 Liter. Das entspricht 2,5 Prozent der hierzulande erzeugten Milch. "Bio-Kühe werden zwar nicht auf Milchleistung getrimmt, aber auch Öko-Betriebe müssen wirtschaftlich arbeiten", sagt Gerald Wehde vom Anbauverband Bioland. Dem Vorwurf von Tierschützern, Tiere in konventionellen Betrieben litten unter einer hohen Milchleistung, widerspricht Jörg Fleischer von der Agrargenossenschaft Niederseidewitz: "Einer Kuh, die 9000 Liter gibt, kann es gar nicht schlecht gehen - sonst würde sie gar nicht diese Leistung bringen."

Die Sonne und die Luft: Vier von fünf Milchkühen in Sachsen stehen nur im Stall - wenngleich "zunehmend in großen, offenen licht- und luftdurchfluteten Laufställen mit teilweise Auslaufangebot", wo sich die Kuh frei bewegen und zu den Futtertrögen und Melkanlagen gehen kann, so das Sächsische Landwirtschaftsministerium. 15 Prozent seien "zumindest zeitweise auf der Weide", auch Anbindehaltung sei kein Thema. Bundesweit steht laut BDM noch jede vierte Kuh - teils ganzjährig, teils nur im Winter - angebunden an einer Stelle, vor allem in kleinen Höfen. Bei Bio ist ein ganzjähriger Auslauf im Freien Pflicht: entweder auf der Weide oder im Laufhof direkt am Stall.

Der Platz: Mehrere Stunden am Tag verbringt eine Kuh liegend und hat mit Wiederkäuen zu tun. Doch der Raum hierfür ist in der normalen Haltung nicht geregelt. Es gibt aber Empfehlungen: Wer einen neuen Stall baut, muss laut Landwirtschaftsministerium mindestens 6,5 Quadratmeter Platz pro Kuh einplanen. Die EU-Öko-Verordnung verlangt pro Kuh sechs Quadratmeter Stall plus 4,5 Quadratmeter Freilandraum. Einstreu ist Pflicht, das schont die Gelenke der Kuh. Auch der Spaltenanteil im Boden, durch den die Gülle fällt, ist begrenzt.

Das Futter: In vielen Laufställen stehen die Futtertische in der Mitte. Dorthin trotten die Tiere, um zu fressen, etwa 45 Kilogramm täglich. Im konventionellen Betrieb landen Kraftfutter wie Mais und Raps sowie Gras- und Maissilage, also ein haltbargemachtes Gärfutter, im Trog. Das Kraftfutter ist die Stellschraube, an der jeder Landwirt drehen kann; sein Anteil variiert je nach gewünschter Milchleistung. Eine Kuh, die nur Gras frisst, würde keine 50Liter Milch erzeugen.

Wie Bio-Höfe achten auch immer mehr konventionelle Betriebe darauf, dass die Tiere im Sommer viel Gras und Raufutter erhalten. Die meisten verzichten - auf Drängen der Molkereien - auf gentechnisch verändertes Import-Soja-Kraftfutter. Gentechnik im Trog ist bei Bio tabu. Auf dem Ökohof bekommen die Tiere nur Bio-Kost. Im Winter sind neben Heu auch Gras- und Maissilage sowie Kraftfutter aus Bio-Getreide erlaubt, aber Grünfutter wie Gras, Klee und Luzerne muss überwiegen. Die Zahl der Tiere ist beim Bio-Betrieb an die Fläche gebunden: Er darf nur so viele Tiere halten, wie der Boden ernähren kann.

Die Melktechnik: Zwei- oder dreimal wird die Kuh am Tag gemolken. Doch heute kriecht kaum noch ein Milchbauer mit Melkgeschirr unter die Kuh. Meist trottet das Tier selbst zum Melkzentrum. Im modernen Kuhstall funktioniert vieles auf Knopfdruck - voll automatisierte Melkstände oder Melkkarussells entlasten Landwirt und Tiere gleichermaßen, so der Landesbauernverband. Das gilt auch für den Öko-Stall. High-Tech-Melkroboter finden die Zitzen der Kuh per Sensor, schalten sich bei niedrigem Milchfluss ab oder sprühen die Zitzen am Ende noch mit einem Pflegemittel ein.

Das Kälbchen: Ist die Kuh 15 Monate alt, kann sie erstmals trächtig werden. Das muss sie aus Sicht der Milchbauern auch. Denn Milch fließt nur, wenn ein Kälbchen geboren wurde. Neuneinhalb Monate trägt die Kuh ihr Kalb aus. Doch gleich nach der Geburt werden beide getrennt. Nur auf manchen Bio-Höfen bleibt das Kälbchen länger bei der Mutter. "Würde das Kälbchen bei der Mutter saugen, kann dies Krankheiten wie Euterentzündungen fördern", begründet Juliane Bergmann vom SLB die Trennung. Oder anders ausgedrückt: Es würde den Betrieb aufhalten. Die Milch soll schließlich verkauft werden.

Sowohl im Bio- als auch im konventionellen Milchstall bekommt das Kälbchen die ersten drei bis sieben Tage Biestmilch zu trinken. Diese Erstmilch der Mutter darf nicht an Molkereien verkauft werden. Danach werden Kälbchen unterschiedlich aufgezogen, bis ihr Pansen Pflanzen verdauen kann. In konventionellen Betrieben bekommen sie zwei, drei Monate lang Milchaustauscher. Auf dem Bio-Hof trinken sie zwar frische Milch, aber nicht zwingend von der Mutter.

Die Lebenszeit: Eine Kuh kann 15 bis 20 Jahre alt werden und mehr als zehn Kälber bekommen. Doch die meisten Tiere sterben jung. Hochleistungskühe gebären zwei oder drei Kälber, sind dann unrentabel und landen mit vier oder fünf Jahren in der Mast oder auf dem Schlachthof. Auch in Öko-Betrieben werden die Tiere früh ausgemustert. "Sie werden im Schnitt ein Jahr älter", räumt Bioland-Sprecher Wehde ein.


Bullenkälber unerwünscht

Der männliche Nachwuchs ist bei Milchrassen nutzlos - weil er kein Euter hat. Das Problem wird nicht immer ganz legal gelöst.

Früher hatten Rinder auf dem Bauernhof drei Aufgaben: sie zogen den Pflug und lieferten die Milch, am Ende ihres Lebens auch den Sonntagsbraten. Heute werden die meisten Tiere auf nur eine Leistung gezüchtet - Milch oder Fleisch. Entsprechend sehen sie aus: Milchrinder sind meist mager und knochig, alle Energie wandert in die Milch. Fleischrassen, die Lieferanten von Schnitzel und Steaks, setzen Muskeln an und werden schnell kräftig.

Für den Milchbauern bedeutet das: Die weiblichen Kälbchen sind wertvoll, die männlichen Bullenkälbchen - ohne Euter - im Grunde nutzlos. Der Landwirt kann das Bullenkälbchen einer milchgebenden Rasse zwar im eigenen Betrieb mästen. Aber dafür muss er viel Futter und damit Geld in ein Tier stecken, das trotzdem nicht viel Fleisch auf die Rippen bringt. Er kann das Bullenkalb auch an einen externen Mastbetrieb für Kalbfleisch verkaufen. Doch auch das lohnt sich nicht, wie die Preise zeigen: Bis zu 150 Euro bekommt der Milchhalter nach Angaben des Sächsischen Landesbauernverbandes für ein weibliches Milchkälbchen, für ein Bullenkalb gerade mal 50 oder 60 Euro. Und für schwache Tiere keinen Cent.

Das stellt viele Milchhalter - auch Öko-Betriebe - vor Probleme. Denn Kälber gibt es hierzulande zuhauf. Moderne Milchviehanlagen produzieren ständig neuen Nachwuchs, die Kuh wird gleich nach der Geburt neu besamt, schließlich soll der Milchfluss nicht unterbrochen werden. In Australien oder Neuseeland werden viele Bullenkälber von Milchrassen daher oft wenige Tage nach der Geburt getötet. Ihnen ergeht es wie Millionen Hühnern in der Geflügelmast hierzulande: Auch für diese Legehennen-Betriebe sind die männlichen Küken wertlos. Sie liefern keine Eier, werden deswegen gleich nach dem Schlüpfen vergast oder geschreddert.

In Deutschland verbietet das Tierschutzgesetz, Wirbeltiere wie ein Rind ohne Grund zu töten. Oder ihnen aus wirtschaftlichen Gründen eine medizinische Behandlung zu verweigern - in der Hoffnung, das Problem löse sich von selbst. In Deutschland sterben aber etliche Bullenkälber auf Milchviehhöfen heimlich, werfen Tierschutzorganisationen den Milcherzeugern vor. Manche Milchbauern lassen schwache Bullenkälbchen sterben, indem sie sie nach der Geburt vernachlässigen, kritisiert Journalistin Tanja Busse, die das Buch "Die Wegwerfkuh" geschrieben hat.

Eine Alternative wäre, den Milchkühen nur geschlechtsbestimmtes Zuchtsperma zu verabreichen. Das garantiert fast immer weibliche Kälber, ist allerdings teuer. Oder die Milchhalter stellen mehr Zweinutzungsrinder in den Stall oder auf die Weide. Die liefern dann Milch und Fleisch. "Das funktioniert vielleicht in der Theorie, aber nicht in der Praxis", sagt Lisa Kainz von der Tierschutzorganisation PETA. "Weil sie weniger Milch geben, werden sich Zweinutzungsrassen niemals durchsetzen."

Serie: Unsere Milch

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