Feiern auf dem Weingut

Lutz Gerhardt hat einst weltweit IT-Projekte gestemmt - Nun macht er das Familienweingut in Radebeul zur Erlebnisstätte

In der Serie "Sachsens Winzer" stellt die "Freie Presse" alle zwei Wochen Weingüter und Winzer aus dem sächsischen Elbtal vor. Heute ist Olaf Kittel im idyllischen Hof von "Haus Steinbach" in Radebeul zu Gast, wo Feste gefeiert und sonntags Weine getrunken werden. Lutz Gerhardt ist locker drauf, gerade hat er sich mit seinen Kindern einen kurzen Urlaub gegönnt. Im Sommer warte nun viel Arbeit auf ihn, erzählt der frühere IT-Manager.

Freie Presse: Herr Gerhardt, Sie haben einen in Teilen schön sanierten Dreiseithof in guter Lage. Ein Erbstück?

Ja, dank Oma ist der Hof seit 1961 in Familienbesitz. Da standen schon ein paar Rebstöcke, aber wirklich aufgerebt hat den Wein hier mein Papa in den 70er-Jahren.

Warum "Haus Steinbach"?

Weil lange keiner seiner drei Söhne ein Zeichen gegeben hat, das Gut mal zu übernehmen, suchte mein Vater einen neuen Namen. Steinbach ist ein ehemaliger Besitzer, der das Gut etwa 1890 gekauft hatte. Nach ihm sind in Radebeul schon eine Schule und eine Straße benannt. Der Mann war einst in Amerika, fand dort Gold und setzte sich dann für die Stadtentwicklung ein. Gerade zu der Zeit, als die Dörfer sich zur Stadt Radebeul vereinten und eine gemeinsame Schule gebraucht wurde. Er schenkte der Stadt damals das Grundstück dafür. Es ist heute das Lößnitz-Gymnasium.

Wie wurde das Gut zum Weingut?

Ganz früher war es das schon mal, leider ist nichts dokumentiert. Der Denkmalschutz fand nur noch Details im Gewölbekeller. Weingut wurde es wieder, als meine Eltern neu anfingen. Bis 2000 gaben sie den Wein in der Genossenschaft ab. Erst seit 18 Jahren machen wir ihn wieder selbst.

War Ihr Vater Winzer?

Für ihn war es Hobby. Er war Geschäftsmann durch und durch , im IT-Bereich. Zu DDR-Zeiten wurden Ingenieure aber schlecht bezahlt, da war der Wein ein erwünschter Zusatzverdienst. Deshalb waren meine Eltern jeden Nachmittag im Weinberg, meine Brüder und ich immer dabei.

Hat Ihnen das gefallen?

Nee, ich wollte lange, lange nichts damit zu tun haben. Weil ich weiß, was das für eine mega Arbeit ist. 1998 bin ich dann nach dem Studium weg von Radebeul, stemmte für IBM IT-Projekte in der ganzen Welt. Heute Brüssel, morgen Indien, übermorgen ganz woanders. Ich hatte da ein Team von Software-Entwicklern für große Kunden. Meine Wohnung war in Dresden, ein bissel abseits von der Arbeit hier. Aber irgendwann reichte es. In einem solchen Konzern rennst du sehr schnell, es ist nicht gesund auf Dauer. Spätestens, als mein Sohn 2005 geboren wurde, kam die Idee, auszusteigen und das Gut zu übernehmen.

Nach der internationalen Karriere wurden Sie also Winzer.

Ich begann erst einmal, den Hof zu sanieren und ihn für allerlei Feiern zu vermieten. Ich merkte schnell: das läuft. Erst dann habe ich mich entschieden, auch Wein zu machen.

Da war Ihr Vater noch der Chef?

Ja. Er versammelte seine drei Söhne und fragte offiziell, wer Interesse an der Übernahme habe. Ich war der Einzige, der die Hand hob. Dann wurde das aufwendig vertraglich geregelt. Ich habe noch zwei Jahre mit meinem Papa zusammen den Wein hergestellt, das hat wunderbar funktioniert. Heute ist er 76, hat komplett losgelassen, will noch viel reisen.

Fiel der Umstieg schwer?

Nö, den Tag der Kündigung fand ich sehr gut. Klar gab es gewisse finanzielle Ängste. Aber ich bin ein Mensch, der immer vorwärts schaut, nie zurück.

Was hat sich im Lebensstil verändert?

Ich sitze nicht mehr bei 30 Grad im Büro und fülle Excel-Tabellen aus, sondern arbeite im Freien. Ich habe keine tote Zeit mehr in irgendwelchen Verkehrsmitteln. Es läuft alles viel ruhiger.

Kein Stress mehr?

Doch, in der Saison schon. Die vielen Hochzeiten, Geburtstags- und sonstigen Feiern und der Weinbau finden ja gleichzeitig statt. Aber jetzt kann ich wunderbar meinem Hobby nachgehen, dem Snowboarden. Im Winter ist immer Zeit.

Sie haben einen schönen großen Hof, aber eine relativ kleine Weinfläche. Wie geht das?

Ich wollte nie mehr als einen Hektar Wein. Ich bewirtschafte den ja alleine mit zwei Helferinnen. Die hier erzeugten 4000 bis 6000 Flaschen Wein verkaufe ich im Hof zu 70, 80 Prozent, der Rest geht an ausgewählte Geschäfte und Restaurants. Ich hätte eine Rebfläche nebenan pachten können, aber dann würde ich Angestellte benötigen und hätte mehr Probleme, sie im Winter durchzukriegen. Mehr Stress? Nee.

Trotzdem haben Sie eine ziemlich große Weinpalette zu bieten.

Ja, acht verschiedene Weine vom Müller-Thurgau bis zum Traminer, einen Rosé und einen Spätburgunder. Mein Schwerpunkt liegt aber klar auf dem Weißwein.

Wie sehen Sie die Qualität im Vergleich zu den Nachbarn?

Wir sind hier gutes Mittelfeld, aber wir haben auch Fehler gemacht, aus denen wir lernen. Gerade beim Kerner und den Burgundersorten will ich noch besser werden. Das liegt auch an der Technik, in die ich noch investieren werde.

Die Weintester vom Gault-Millau bescheinigten schwankende Qualität.

Richtig. Ich bin gut gestartet, mein Vater nannte es Anfängerglück. Dann waren die Jahrgänge 2014 und 2015 nicht so gut, 2016 war wieder zufriedenstellend. 2017 wird gerade abgefüllt. Mein Ziel ist es, schöne fruchtige Weine zu haben. Dazu hole ich mir jetzt auch fachliche Hilfe.

Sie sind Mitglied in der "Gemischten Bude", einem Zusammenschluss von mehreren jungen Winzern. Hilft das?

Ich hatte zunächst gehofft, dass ich damit weniger verschiedene Weine anbauen und dafür welche von Kretschko, Fourré oder Bönsch im Hof anbieten könnte. Um die ganze Palette dazuhaben. Das funktioniert aber nicht. Die Leute, die in meinen Hof kommen, wollen Steinbach-Wein, sonst nichts. Wir machen aber zusammen Jungweinproben und andere Veranstaltungen, wo die Leute mal fünf Winzer auf einmal treffen können.

Sie bezeichnen Ihr Weingut als Event-Location.

Ich sehe mich nicht in erster Linie als Winzer, sondern als Gastgeber, der alles um den Wein herum bietet. Viele Leute wollen heiraten, möglichst ländlich und nicht zu geleckt, ein bisschen rustikal. Das bekommen sie hier. Dazu buchen sie sich den Inhaber, der ihnen vom Wein erzählt und einen schönen Tag gestaltet. Nur Weinflaschen zu verkaufen, macht mir keinen Spaß.

Ist das die Zukunft der Weingüter?

Ja, so ist es kalkulierbar. Ich bewundere es, wie einige noch die ganze Woche Gastronomie bieten. Rechnen kann sich das kaum, und das Risiko ist hoch.

Wann kann man "Haus Steinbach" kennenlernen?

Ab dem 12. August ist hier jeden Sonntag geöffnet. Es gibt Wein und Flammkuchen.

Zum Schluss: Wie wirkt sich die Trockenheit dieses Jahr aus?

Wenn wir das wüssten. Die Pflanzen sehen eigentlich gut aus, aber die Beeren stehen nicht in vollem Saft. Es gibt Wachstumsstillstand. Wir schneiden jetzt Trauben raus, um den anderen Kraft zu geben.

Alle Winzer gehen von einem frühen Lesebeginn aus. Wann geht's hier los?

Mitte August. Wahrscheinlich werden wir zum Tag des offenen Weingutes am 24./25. August zum ersten Mal schon Federweißen anbieten. Ich frag' mich nur, was ich dann zum Federweißerfest im Oktober verkaufe.

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