Sachsens Winzer: Die Seußlitzer Legende

Joachim Lehmann ist wohl Sachsens ältester Winzer - Seine Weinstuben waren in der DDR Kult - Söhne und Enkel setzen sein Werk fort

In der Sommerserie "Sachsens Winzer" stellt die "Freie Presse" alle zwei Wochen interessante Weingüter vor. Olaf Kittel hat mit Joachim Lehmann gesprochen - mit 82 Jahren wohl Sachsens ältester Winzer. Seine "Seußlitzer Weinstuben" zogen in der DDR viele Prominente an. Und wie läuft es heute?

Herr Lehmann, wie geht' denn?

Seit einem Schlaganfall sitze ich im Rollstuhl, ich muss viele Medikamente nehmen. Aber sonst geht es ganz gut.

Fällt es Ihnen schwer zuzusehen, wie die Familie im Weinberg ackert?

Na ja, ich frage natürlich immer, ein Teil des Gutes gehört mir ja noch. Aber sonst halte ich mich raus. Die Jungen machen das schon.

1955 übernahmen Sie das Gut von den Eltern. Wie haben Sie damals Wein hergestellt?

Wir hatten in Seußlitz einen Dreiviertel Hektar Weinberg. Hier bauten wir fast alle bekannten Sorten an. Die Trauben schafften wir zum Keltern in die Genossenschaft nach Meißen. Dafür gab es als Lohnware einige Tausend Flaschen. Manchmal bekam ich auch mehr Flaschen, als mir zustanden, wir kannten uns ja gut. So genannte Überplanbestände.

Und dieser Wein wurde dann komplett in der Weinstube verkauft? Lange Zeit stand ja bei Ihnen ein 20-Liter-Weinfass auf der Theke, in dem sich der Sage nach der Traminer für gute Kunden befand. Auf dem Schild stand nur "Wein vom Fass".

Ja natürlich, der eigene Wein reichte doch nicht hinten und nicht vorne. Wenn ein Gast zum ersten Mal zu uns kam, konnten wir ihm den nicht ausschenken. Wir mussten doch erst die Stammkunden bedienen. Deshalb gab es auch Wein aus Ungarn oder Bulgarien. Zumal unser Wein als Zweitwährung diente. Wenn wir Schinken brauchten, gingen wir mit einer Flasche Wein zum Fleischer. Auch im Schuhladen waren wir gern gesehen.

Der "Seußlitzer Rote" ist Legende, einer der ganz wenigen Rotweine damals aus dem Elbland. Den bekam man, wenn überhaupt, nur hier.

Ja, ein schöner Cuveewein aus Spätburgunder- und Portugieser-Trauben. Aber davon gab es nicht viel. Den bekamen nur gute Kunden. Alles lief ja auf Beziehung in der DDR.

Sie hatten damals auch schon Blauen Zweigelt. Das ist doch eine österreichische Rebe. Wo hatten Sie die her?

In den 80er-Jahren war ein Handelsvertreter aus Österreich immer mal unser Gast. Mit Wein hatte der nichts zu tun, der schwärmte aber immer vom Blauen Zweigelt. Und eines Tages schmuggelte er den mit dem Flugzeug nach Schönefeld. Die Reben haben wir dann heimlich hinter dem Haus gepflanzt.

Auch Ihre Gästezimmer waren begehrt?

Und ob. DDR-Betriebe brachten ihre wichtigen Gäste hier unter. Das Stahlwerk Riesa schickte sie nicht etwa ins Klubhaus der Stahlwerker, sondern zu uns. Es wurden von der Regierung aber auch gern Diplomaten in Seußlitz untergebracht. Immer bei uns, obwohl wir nur einfache Zimmer hatten. Hier wurden auch Verhandlungen geführt und Verträge unterzeichnet.

Auf der Kastanienterrasse der Weinstuben direkt an der Elbe konnte man leicht Prominenten begegnen.

Ja, Peter Schreier, Theo Adam, Kurt Masur waren regelmäßig hier. Alle möglichen Schauspieler aus Adlershof. Alfred Struwe flog nach einem Besuch bei uns besoffen in Dresden aus dem Zug. Gunter Emmerlich war oft da. Aber auch Hans Modrow, Karl-Eduard von Schnitzler. Alle waren nett und bescheiden.

Die wollten eine gute Flasche.

Ja. Und hier sagten sie auch mal ein kritisches Wort. Manchmal, wenn besonders hohe Tiere kamen, untersuchten Sicherheitsleute vorher die Terrasse und leuchteten mit Spiegeln unter die Tische. Kurz nach der Wende kam dann Verteidigungsminister Rühe - wieder erschienen Sicherheitsleute mit ihren Spiegeln. Allerdings schon drei Tage vorher. Haben wir gelacht!

Wurde es mit der Wende dann leichter oder schwerer für Sie?

Ganz anders. Jetzt konnte man alles kaufen und verkaufen. Aber man musste nun vorsichtig sein, dass man nicht zu teuer einkaufte. Das hätten wir dann in unserem Käseladen nicht verkaufen können.

Käseladen?

Na ja, das sagen wir so, weil in den Weinstuben früher Unmengen Harzer Käse zum Wein verkauft wurde.

Was änderte sich in der Weinherstellung?

Während der Revolution im Herbst 1989 lief ja gerade die Weinlese, da änderte sich noch nicht viel. Aber im nächsten Jahr fragten meine Söhne: Vati, du hast doch Winzer gelernt, wollen wir den Wein nicht selber machen? Da habe ich ihnen gesagt: Gut, wenn ihr mit einsteigt, dann investieren wir. Der Keller musste ja aufgebaut, die Fremdenzimmer modernisiert werden. Geld hatten wir eigentlich, aber es war durch den DM-Umtausch halbiert worden. Und Kredite wollten uns die Banken nicht geben. Da saßen jetzt überall Leute, die uns nicht kannten. Geholfen hat, dass die Gästezimmer ausgebucht waren, damals gab es ja kaum Hotelzimmer. Ein Autohausbesitzer hatte für seine Kunden sogar ein Zimmer gleich auf Jahre gebucht.

1990 haben Sie den Wein schon selbst gemacht?

Ja, mein Sohn hat ihn hergestellt.

Wie war er?

Ausverkauft. Im Ernst: Wir waren die ersten Winzer, die nach der Wende eine Betriebsnummer beantragten, und die Ersten, die das "Deutsche Weinsiegel" nach Sachsen holten. In der Weinstube gab es bald nur noch unseren eigenen Wein.

Welcher ging besonders gut?

Der Schieler. Im 17. Jahrhundert hatte Württemberger Winzer den aus weißen und roten Trauben gekelterten Wein mit nach Sachsen gebracht. Der hieß dort übrigens Schiller - hier wurde der dann sächsisch breitgemehrt.

Sie gehören heute zu den großen privaten Winzern in Sachsen.

Deshalb ist die Arbeit im Weingut verteilt worden. Nachdem ich mich zurückgezogen habe, hat mein Sohn Joachim die Weinberge übernommen, Ulrich führt die Weinstube, meine Schwiegertochter Andrea die Küche, Enkel Sebastian macht den Keller.

Also alles bestens geregelt. Was möchten Sie ihnen und allen sächsischen Winzern mit auf den Weg geben?

Eine Erfahrung aus der DDR-Zeit: Baut Wein an, aber produziert nicht zu viel pro Hektar, damit guter Wein herauskommt. Auf die Qualität kommt es an!

Raten Sie jungen Leuten, Winzer zu werden? Es ist eine schwere Arbeit.

Ich habe nicht nur jungen Leuten dazu geraten, sondern auch einige ausgebildet. Darunter vier meiner sechs Enkel. Und keiner ist dazu gezwungen worden, wie das mein Vater noch mit mir gemacht hat.

Nächster Teil: Matthias Schuh - der jüngste Winzer Sachsens legt los .

Drei Generationen

Die Lehmanns produzieren acht Weinsorten: Müller-Thurgau, Goldriesling, Grau- und Weißburgunder, Traminer, Riesling, Blauen Zweigelt und Spätburgunder.

Das Weingut haben heute Sohn Joachim und Enkel Sebastian Lehmann übernommen. Der Senior Joachim ist 82 Jahre und lebt heute im Altersheim. Zunächst hatte er Dekorationsmaler gelernt und dann ab 1953 noch eine Winzerlehre angehängt. Anschließend übernahm er das Weingut von seinen Eltern und baute es aus.

Die "Seußlitzer Weinstuben" öffnen im Sommer täglich außer donnerstags von 12 bis 22 Uhr. Das Weingut kann am Tag des offenen Weingutes am 26. und 27. August besucht werden. Dann gibt es Kellerführungen und Weinproben. Jahreshöhepunkt ist das Federweißerfest im Oktober. Adresse: An der Weinstraße 26, 01612 Nünchritz, Ortsteil Diesbar-Seußlitz.

Die Weinstube, die es hier schon seit 1830 gibt, machte er berühmt. Seit der Wende wird der Wein in Seußlitz nicht nur angebaut, sondern auch selbst gekeltert. Vor wenigen Jahren gab er sein Weingut in jüngere Hän- de - seine beiden Söhne führen Weingut und Weinstube, der Enkel verantwortet den Keller.

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