Sachsens Winzer: "Frauen schmecken intensiver"

Anja Fritz ist die einzige selbstständige Steillagen-Winzerin in Sachsen - Was macht sie anders?

In der Serie "Sachsens Winzer" stellt die "Freie Presse" alle zwei Wochen interessante Weingüter vor. Heute das Weingut "Mariaberg" in Meißen, das eine Frau führt. Olaf Kittel hat mit Winzerin Anja Fritz über die schwere Arbeit und den besonderen Geschmack von Frauen gesprochen.

Frau Fitz, Sie gehören zu den ganz wenigen Winzerinnen in Sachsen. Warum gibt es nicht mehr?

Ja, ich bin selbstständige Winzerin - und ich bewirtschafte ausschließlich Steillage. Da arbeite ich ohne Traktor, ohne Raupe. Das ist schon eine extrem schwere Arbeit. Ein Sack Dünger wiegt 40 Kilo, ich wiege 45 Kilo. Da muss man ganz schön tricksen.

Was muss man mitbringen, um Winzerin zu werden?

Biss. Eine ganze Menge Biss. Zunächst braucht man eine Rebfläche. Als ich die hatte, bin ich durch einen Pachtvertrag noch sechs Jahre blockiert worden, bis ich loslegen konnte, wie ich wollte. Als es dann mit dem eigenen Label losging, hatten wir 2009 bis zu 70 Prozent Ernteausfall durch Frost. Jedes Jahr ist etwas anderes. Geld lässt sich in diesem Beruf nicht wirklich verdienen. Das alles hält man nur mit großer Leidenschaft und Entbehrungen durch. Allerdings hatte ich auch viel Hilfe, besonders von meinen Winzer-Nachbarn, von Freunden und Gästen.

Die harte Arbeit passt nicht so recht zum Bild der Weinprinzessin, die Sie ja auch mal waren. Bringt das überhaupt was?

Man lernt Kollegen kennen. Wenn ich als Frau zu Ihnen komme, denken Sie vielleicht: Ach, die Kleine mit ihren Einsdreiundfünfzig. Gerade die jungen Winzer wie Tim Strasser oder Friedrich Aust geben mir als Quereinsteigerin gute Tipps. Sie wissen ja, ich baue das Weingut alleine auf und habe zwei Kinder. Es gab da schon so manche Täler in meinem Winzerleben.

Wie haben Sie das überstanden?

Ich hab erst mal eine kreative Pause gemacht, Vincenz Richter half mir, den Wein auszubauen. Dann habe ich mit der fliegenden Weinmacherin Anke Schüler aus dem Triebischtal zusammengearbeitet. Sie hat die totale Power und sogar drei Kinder. Zwei Mädels auf dem Hof, die gemeinsam Wein machen - das gab mir Auftrieb. Ich hab mir dann gesagt: Anja, komm, du hast jetzt einen Weinberg, du hast einen Hof, einen Keller, eine Besenwirtschaft. Die Infrastruktur ist da - so what? Gib jetzt bloß nicht auf.

Gibt es einen weiblichen Weingeschmack?

Ich habe immer gedacht, Roséwein mögen Frauen. Aber ich verkaufe meinen vorwiegend an Männer. Nein, jeder Mensch hat seinen eigenen Weingeschmack. Frauen schmecken allerdings intensiver. Das bringt Vorteile im Keller.

Welchen Wein mögen Sie besonders?

Mein Liebling ist der Traminer. Meine Lage, das Meißner Rosengründchen, bietet für diesen Wein beste Bedingungen. Eigentlich mache ich ja militant sächsischen Wein: Edelstahltank, trocken, spritzig-fruchtig. Aber Traminer mag ich trocken, Restsüße mäßig, mit einer feinen Säure, die dagegen steht. Er schmeckt nach Quitte, Birne, hinten heraus nach Sternanis.

Was bauen Sie noch an?

Ich hab einen DDR-Weinberg. Da gibt's alles: Müller-Thurgau, Goldriesling, Weiß- und Grauburgunder, Riesling, Dornfelder, Spätburgunder und diverse Klimpersorten. Die meisten baue ich sortenrein aus, die Rotweine sind 13 Monate im Holzfass. Den Keller macht heute Martin Schwarz, wir führen gemeinsam die "Weinmanufaktur am Mariaberg". Auf ihn kann ich mich verlassen, er holt das Beste aus den Trauben raus. Er hat viel Erfahrung und Feingefühl, das schätze ich sehr an ihm.

Viele Sachsen finden den Elbtalwein überteuert.

Das hören wir ja auch aus der Gastronomie. Aber ich finde es nicht gut, immer nur auf den Preis zu schauen. Wir haben hier zwei Hektar Steillage, ich laufe den ganzen Tag den Berg rauf und runter. Wir machen alles mit der Hand, die Weine werden in einer Manufaktur ausgebaut. Diese 1500 Arbeitsstunden je Hektar haben ihren Preis - wie zum Beispiel bei den Uhrenmanufakturen in Glashütte.

Kann es Ihnen passieren, Reste von Pflanzenschutzmitteln im Wein zu haben?

Schwere Frage. Ich kaufe nur wenig Wein von meinen Nachbarn dazu. Zu beiden habe ich Vertrauen, dass auch sie zum Ehrenkodex stehen: Wir halten uns an die Gesetze, nehmen nur zugelassene Mittel und wahren die Karenzzeiten vor der Lese. Mehr kann ich nicht tun. Allerdings muss in Sachsen etwas passieren. Ein Beispiel: Wir haben viele kleine Nebenerwerbswinzer mit nur wenigen Rebstöcken. Sie sind für das Landschaftsbild im Elbtal sehr wichtig. Die bekommen aber ihre Spritzmittel nur in großen Kilopackungen - die reichen zehn, zwanzig Jahre. Das ist nicht nur teuer, die Spritzmittel laufen nach fünf Jahren ab.

Was macht man nun in Sachsen mit Winzern, die sich nicht offenbaren?

Zwei Winzer haben sich offenbart, dass rechne ich Ihnen hoch an. Die anderen sollten jetzt sagen, was los war und warum das passiert ist. Das könnten sie auch gemeinsam tun. Alles andere wäre unkollegial.

Viele Winzer entwickeln neben dem Weinbau weitere Erwerbszweige. Wie ist das bei Ihnen?

Vom Weinbau allein leben kann ich nicht. Ich habe Ferienwohnungen und biete "Urlaub beim Winzer", da können Gäste auch mithelfen. Das ist sehr gefragt. Außerdem bin ich zertifizierte Gästeführerin, die ein- bis dreistündige Weinwanderungen vorwiegend im Spaargebirge anbietet. Ich glaube, ich kann den Gästen ganz gut vermitteln, wie viel Arbeit im Wein steckt. Ich freue mich, wenn mir ein Gast verspricht: Ich schütte nie wieder ein Glas Wein weg!

Was glauben Sie: Wie viel touristisches Potenzial bietet der Wein noch?

Der Weintourismus steckt hier in den Kinderschuhen. Andere Gebiete machen da viel mehr. Ich wünsche mir zum Beispiel eine größere Zahl Besenwirtschaften, wo man gemütlich sitzen und dem Winzer begegnen kann. Der Weinwanderweg ist nicht wirklich geläufig, da sollten sich die Kommunen an der Weinstraße viel mehr ins Zeug legen. Außerdem könnten sich einzelne Winzer öfter zusammenschließen, etwa für kulinarische Angebote.

Lesen Sie in zwei Wochen: Warum der Wein in Pesterwitz unter zehn Euro kostet.

Winzerin führt durch das eigene Weingut

Anja Fritz stammt aus Braunschweig. Vor 16 Jahren sah sie zum ersten Mal in ihrem Leben eine Weinrebe - ausgerechnet in Meißen. Bis dahin hatte sie als Direktionsassistentin bei Daimler und bei Bombardier in Görlitz gearbeitet. Irgendwann hatte sie genug von diesem Job, fuhr ein halbes Jahr durch die Welt und beschloss frisch verheiratet, mit ihrem Mann in den Osten zu gehen, Familie zu gründen und Winzer zu werden. Das Paar erwarb ein Weingut, sanierte es und lernte das Winzerhandwerk nach und nach. 2008 eröffneten sie das Weingut "Mariaberg". Seit 2010 betreibt die Mutter von zwei Kindern das Weingut allein und ist Sachsens einzige selbstständige Steillagen-Winzerin.

Am 13. und 14. August sind Leser ins historische Weingut Mariaberg im Spaargebirge bei Meißen eingeladen. An beiden Tagen ist von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Weinbergsführungen werden regelmäßig angeboten. Jeder Teilnehmer erhält ein Glas "Marias Glück", einen Cuvee aus Müller-Thurgau, Riesling und Traminer. Eintritt kostet 7,50 Euro, ermäßigt drei Euro.

Das Weingut hat folgende Adresse: An der Spaargasse 1, 01662 Meißen.

Auf der Straße ist das Weingut über die Dresdner Straße von Dresden über Radebeul und Coswig zu erreichen. Sonst über Meißen.

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