Wie schmeckt denn Wein aus Pirna?

Winzer Wolfgang Winn betreibt Weinbau im Nebenerwerb und träumt von einem neuen Weinviertel an der Elbe

In der Serie "Sachsens Winzer" stellt die "Freie Presse" alle zwei Wochen Weingüter und Winzer aus dem sächsischen Elbtal vor. Heute hat Olaf Kittel Pirna besucht. Gegenüber von Schloss Sonnenstein an der Postaer Straße wächst der Wein von Winzer Winn. Unterhalb des Weinberges steht ein Schild mit einer überraschenden Botschaft: Beginn der sächsischen Weinstraße. Nicht in Pillnitz beginnt sie oder gar erst an den Dresdner Elbschlössern. Nein, hier in Pirna.

"Freie Presse": Herr Winn, sächsische Weintrinker wissen genau, wie Wein aus Radebeul oder Meißen schmeckt oder von den Sandböden in Weinböhla. Aber, bitte, wie schmeckt Wein aus Pirna?

Wolfgang Winn: Anders. Unser Müller-Thurgau etwa ist besonders feingliedrig, er wächst hier auf gutem Kalksandsteinboden. Er hat einen eigenen Charakter, den wir im Keller auch nicht verändern. Wir nehmen das Naturprodukt, so wie es ist. Außerdem gilt die alte Regel: Wo Wein aufs Wasser schaut, gedeiht er am besten. Das hat etwas mit der Sonnenreflexion zu tun. Unsere Kunden meinen jedenfalls, dass der Pirnaer Wein etwas Besonderes ist. Ausverkauft sind wir immer.

Wer ist denn auf die Idee gekommen, in Pirna Wein aufzureben?

Weinbau gibt es hier schon seit Jahrhunderten, er geriet nur zwischendurch immer wieder in Vergessenheit. 1899 rebte der Farbenfabrikant Walter Reppe den heutigen Weinberg auf. Nach seinem Freitod in den 1930er Jahren war wieder Schluss. Familie Zisler fing dann Ende der 80er Jahre neu an und gab den Wein in der Genossenschaft ab. Deshalb ist eigener Pirnaer Wein erst seit 2013 erhältlich, nachdem ich übernommen habe.

Wie sind Sie zum Wein gekommen?

Weinbau betreibe ich schon seit 1996 in Pillnitz. Dazu gekommen bin ich durch eine Arbeitskollegin, deren Tochter die erste deutsche Weinkönigin aus Sachsen war. Sie hat mich in den Weinberg mitgenommen und mein Interesse geweckt. Bis 2004 lieferte ich den Wein in Meißen ab. Dann bin ich aus der Genossenschaft ausgetreten und habe den Wein selbst gemacht. 2013 pachtete ich dann den Weinberg in Pirna und erweckte ihn wieder zum Leben.

Was sind Sie: Winzer im Nebenerwerb oder Freizeitwinzer?

Ich habe 6000 Quadratmeter Weinfläche, damit bin ich in der Winzerserie wahrscheinlich der Kleinste. Deshalb ist Winzer im Nebenerwerb richtig. Hobby allein ist es nicht mehr.

Nebenerwerb heißt, man kann damit Geld verdienen?

Ja, kann man. Allerdings ist die Arbeit, die man in den Berg steckt, nicht bezahlbar. Und die Investitionen sind so hoch, dass man Jahre braucht, um die Gewinnzone zu erreichen.

Man kann also Geld verdienen, aber nicht davon leben?

Ganz klar.

Was machen Sie im Hauptberuf?

Ich bin Personalentwickler. Ich bilde Führungskräfte in Menschenführung aus, gerade jetzt in den Zeiten des digitalen Wandels. Ich leite Assessment-Center für Personaleinstellungen, kümmere mich um Aus- und Weiterbildung.

Hilft die eine Profession der anderen?

(zögert kurz) Tatsächlich! Personalentwicklung braucht Zeit, das wusste ich. Aber Weinbau, das habe ich erst gelernt, braucht genauso Zeit. Da geht auch nichts schnell. Man braucht bei beiden Berufen eine Vision. Wenn ich die habe, muss ich dranbleiben und darf nicht ungeduldig werden. Ich muss auch mal mit einem Rückschlag rechnen.

Was wächst denn in Pirna für Wein?

Müller-Thurgau, Goldriesling, Spätburgunder, Dornfelder, Scheurebe, neuerdings auch Elbling. Zusammen mit den anderen fünf Weinen aus Pillnitz machen wir zwölf verschiedene Weine.

Wo gibt es die?

Mein Pirnaer Wein ist ein Unikat. Ihn gibt's im Pirnaer Unikatladen und im Wein-Deli in Pillnitz. Außerdem in einigen Restaurants und Hotels in Pirna. Und natürlich in unserer Besenwirtschaft. Sie ist was Besonderes, weil sie immer offen hat. Unsere Verpächterin ist Rentnerin und öffnet, wenn jemand klingelt. Dann geht sie in den Keller und holt den gekühlten Wein. Die Pirnaer haben die Wirtschaft gut angenommen und die Touristen auch. Es kommen viele auf dem Elbradweg entlang. Deshalb ist auch die Idee entstanden, hier ein Weinviertel einzurichten von Posta bis nach Pirna-Copitz.

Gibt es mehrere Weinberge?

Es gibt zwei: den Canaletto-Blick und meinen Schlossblick. Außerdem produzieren mehrere Freizeitwinzer für den Eigenbedarf. Zudem entsteht in der Nähe ein Radler-Hotel. So könnte hier noch ein bisschen mehr passieren und Gäste angezogen werden. Außerdem bin ich auf Festen in Pirna dabei, natürlich auch auf dem kleinen Weinfest am 8. September, das es jetzt seit zwei Jahren wieder gibt.

Sie haben einen Vollzeitjob, sind Nebenerwerbswinzer und bei diversen Veranstaltungen dabei. Wie geht das?

Wenn man schon mehr als 20 Jahre Weinbau betreibt, lernt man von Jahr zu Jahr dazu, wird nicht so schnell unruhig und muss dann nicht mehr jeden Tag in den Weinberg. Aber meine Frau und ich sind auch gern da, dies ist die Hauptsache. Allerdings sind die 6000 Quadratmeter jetzt die Grenze, mehr wollen wir nicht.

Dennoch bleibt es viel Arbeit. Wie oft haben Sie daran gedacht: Hätte ich bloß nicht mit dem Weinbau angefangen?

Noch nie. Es gab allerdings mal eine Zeit, wo ich mich damit beschäftigen musste, als Nebenerwerbswinzer gesetzlich sauber zu sein, bei Weinprüfern zu bestehen, das Kellerbuch zu führen. Das alles hatte ich unterschätzt, es ist ein eigener Job. Ansonsten ist die Winzerei einfach toll. Vor allem, wenn ich im Keller den Wein begleiten kann, der im Sommer gewachsen ist.

Jetzt bekommen Sie Gelegenheit, für alle sächsischen Nebenerwerbs- und Freizeitwinzer zu sprechen: Wenn Sie und Ihre Kollegen drei Wünsche frei hätten, was sollte dann vor allem geschehen?

Ich fände es schön, mein erster Wunsch, wenn die Arbeit der Freizeitwinzer mehr in den Mittelpunkt gerückt würde. Dazu kann der Weinbauverband beitragen, ich mache da gern mit. Er kann zudem helfen, kleine Mengen an Spritzmitteln zu verteilen. Sehr wichtig für kleine Winzer. Zweitens sollte das unsägliche Thema Zwangsbeitrag für die Unfallversicherung an die Berufsgenossenschaft endlich geklärt werden. Eine wirklich gerichtsfeste Klärung kenne ich zumindest nicht. Für die ganz kleinen Winzer ist das ein unverhältnismäßig hoher Beitrag. Und drittens wünsche ich mir, dass die Kleinen dranbleiben und nicht aufgeben, denn sie sind typisch für Sachsen, sie gehören zu unserer Kulturlandschaft.

Letzte Frage an den Personalentwickler Winn: Was kann man denn tun, um Nachwuchs für die Freizeitwinzer zu gewinnen? Viele Ältere fürchten, dass sie sonst aufgeben müssen.

In der Weinbaugemeinschaft Pillnitz finden wir gute junge Leute, man muss dort Mitglied sein, um eine Fläche zu pachten. Ich glaube schon, dass viele Junge vom eigenen Wein träumen, nicht nur der Herr Jauch. Sie brauchen allerdings fachkundige Begleitung. Die Weinbaugemeinschaften sollten solche Mentorendienste anbieten, vielleicht auch die Möglichkeit, einfach mal ein Jahr im Weinberg mitzumachen, um dann zu erkennen: Das kann man ja wirklich alles lernen.

Alle großen Winzer und Straußwirtschaften im Elbtal, deren Öffnungszeiten und eine Übersichtskarte finden Sie unter den beiden folgenden Internetlinks:

www.freiepresse.de/winzer

www.freiepresse.de/winzerinsachsen

Pädagoge mit Weinberg

Winzer Wolfgang Winn ist im Hauptberuf Personalentwickler. Er wurde 1961 in Lützschena bei Leipzig geboren und ist studierter Diplom-Pädagoge. Winn ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne. Seit vielen Jahren ist er begeisterter Freizeitwinzer. Mit einem Weinberg in Pillnitz begann er, 2013 kam der "Pirnaer Schlossblick" hinzu.

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