Das Formel-1-Reife(n)zeugnis des SID: Hockenheim

SEBASTIAN VETTEL: So etwas hatte wohl niemand von Sebastian Vettel erwartet: Den Hockenheimsieg – seinen ersten (!) – und damit eine deutliche Vergrößerung seiner WM-Führung vor Augen, warf der Heppenheimer seinen Ferrari bei Nässe weg. Eine Nullnummer, die im Kampf um seinen fünften WM-Titel durchaus folgenschwer werden kann. Andererseits: Ferrari imponierte in Hockenheim mit einem Speed auf der Geraden, der selbst beim Rivalen Mercedes tiefen Eindruck hinterließ. Wohl auch deswegen war Vettel schnell wieder beieinander. Er weiß selbst: Die WM führt in diesem Jahr nur über ihn.

LEWIS HAMILTON: Niedergeschlagen am Samstag, Mega-Comeback am Sonntag. Der Weltmeister hat das wohl spektakulärste Rennen seiner Formel-1-Laufbahn hingelegt. Allein die Zahlen sprechen für sich: Von Startplatz 14 war es auch für das Naturtalent zuvor noch nie bis auf Platz eins nach vorne gegangen. Zwar spielten dem Mercedes-Piloten die wechselhaften Bedingungen in die Karten, doch er übte auch Druck auf Vettel aus, der letztlich seinen folgenschweren Fehler beging. Und er nahm süße Rache am Deutschen, indem er als Revanche für Silverstone nun dessen Heim-Grand-Prix gewann.

VALTTERI BOTTAS UND KIMI RÄIKKÖNEN: Beides Finnen, beide auf dem Hockenheim-Podium – und beide die klare Nummer zwei in ihren Teams. Wie ein treuer Vasall musste Räikkönen seinem Ferrari-Teamkollegen Vettel Platz machen, als der mit frischeren Reifen am Boxenfunk auf freie Fahrt drängte. Man kann schon fast nicht mehr zählen, wie oft der Ex-Weltmeister in dreieinhalb Jahren an Vettels Seite öffentlich zu dessen Wasserträger degradiert wurde. Bei Mercedes-Pilot Bottas war dies bislang seltener der Fall, dafür wurde er in Hockenheim aber umso energischer zurückgepfiffen. Offiziell sollte er bei nasser Strecke seinen führenden Teamkollegen Hamilton nicht attackieren, um den Doppelsieg nicht aufs Spiel zu setzen. Ob Mercedes aber genauso reagiert hätte, wenn die Reihenfolge umgekehrt gewesen wäre? In dieser engen Saison können die Silberpfeile keine sieben Punkte für Hamilton verschenken, wenn es mit dem Titel klappen soll.


NICO HÜLKENBERG: Auf regennasser Strecke schwamm der Emmericher buchstäblich im Kielwasser der Spitze. Unauffällig, aber fehlerlos und stark. Am Ende stand ein herausragender fünfter Platz, Hülkenbergs bestes Saisonergebnis. Das erste Podium der Karriere muss weiter warten, aber der Renault-Pilot bestätigte seine starke Form. An ihm liegt es nicht, dass Renault sich bislang vergeblich abstrampelt, den Anschluss an die drei Top-Teams Ferrari, Mercedes und Red Bull herzustellen.

MAX VERSTAPPEN: 10.000 Landsleute feierten das niederländische Supertalent. Der riskierte bei einsetzendem Regen den Wechsel auf Intermediate-Reifen – und verpokerte sich gleich zweimal: Es trocknete rasch ab, der Red-Bull-Pilot wechselte zurück auf Slicks, wenig später regnete es sintflutartig, und der 20-Jährige wechselte wieder die Reifen. Dadurch vergab er eine gar nicht mal unrealistische Siegchance. Am Ende stand Platz vier, keine zehn Sekunden hinter Hamilton. Pech. Aber "Mad Max" hat seine alte fahrerische Konstanz nach einigen Crashs zu Saisonbeginn wiedergefunden. Weitere Siege in dieser Saison sind gut möglich.

HOCKENHEIM: Deutschland ist keineswegs Formel-1-müde! 71.000 Zuschauer kamen am Sonntag, 165.000 am gesamten Wochenende. Keine Rekordwerte mehr wie zur Ära Schumacher, aber eben die besten Zahlen seit dem Ende des Schumi-Hypes. Wirtschaftliche Interessen und Zwänge auf allen Seiten gilt es zu akzeptieren, aber eine Lösung muss doch wohl zu finden sein. Die Euphorie um die Formel 1 hat gezeigt, dass Deutschland einen fixen Platz im Kalender verdient.

SPRUCH DES WOCHENENDES: "Das war das Rennen meines Lebens." (Lewis Hamilton)

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