Denise Herrmann: "Du musst immer an dich glauben"

Was uns nicht umbringt, macht uns stark: Mit diesem Leitsatz hat sich die Erzgebirgerin zu einer der weltbesten Skijägerinnen gemausert.

Chemnitz.

Weltmeisterin Denise Herrmann hat im März bei den Biathlon-Titelkämpfen in Östersund mit drei Medaillen bewiesen, dass sie in drei Jahren den Umstieg vom Langlauf zur Skijagd gemeistert hat. Mit der 30-Jährigen, die aus Bockau stammt, in Ruhpolding lebt und trainiert, führte Thomas Prenzel folgendes Interview.

Freie Presse: Ich könnte mir vorstellen, dass Sie nach dieser WM eine gefragte Frau waren und sind. Wo wurden Sie überall herumgereicht?

Denise Herrmann: Erst mal bin ich ja noch bei den Langlauf-Meisterschaften gestartet. Da hatte sich aber schon eine Erkältung angebahnt. Deshalb musste ich dann die Sportlerehrung in Dresden weglassen. Zudem stand ein Termin bei der Bundeswehr an. Am 11. Mai gibt es einen Empfang in meiner Heimatstadt Bockau. Jetzt freue ich mich aber erst mal auf 14 Tage Urlaub.

Mit Ihrem Freund Thomas Wick, nehme ich an. Geht es in die Berge oder ans Meer?

Wir wollen auf die Malediven. Letztes Jahr hatte mein Freund Bundeswehrlehrgang, da konnten wir nicht zusammen Urlaub machen.

Wann beginnt die Vorbereitung auf die neue Saison?

Ende April fliegen wir zu viert mit Benni Doll und seiner Freundin nach Mallorca. Da wollen wir Rad fahren, aber auch einfach Zeit miteinander verbringen. Richtig ernst wird es im Mai mit dem Training.

Haben Sie bereits realisiert, dass Sie als Weltmeisterin einen Status erlangt haben, der auch nach der Karriere hilfreich sein kann? Es gibt ja einige TV-Shows heutzutage wie "Ewige Helden" ...

Ehrlich gesagt, über das Danach habe ich mir noch keine großen Gedanken gemacht. Ich empfinde es als Krönung für die ganze Arbeit, die ich da reingesteckt habe, auch für die Leute, die mir auf dem Weg geholfen haben. Gerade so ein Umstieg zum Biathlon ist immer ein Risiko. Es kann dir vorher keiner sagen, ob das funktioniert. Es ist schon eine Genugtuung, dass es dann doch richtig war, was man gemacht hat.

Unabhängig vom Erfolg - macht Biathlon mehr Spaß?

Der Erfolg beeinflusst schon den Spaßfaktor. Und eine Medaille habe ich mir immer erträumt und ausgemalt. Ich habe den Schritt zum Biathlon jedenfalls in keiner Minute bereut. Es macht riesigen Spaß, sich jeden Tag der Herausforderung, gerade im Schießen, zu stellen.

Sie sind 2007/08 ein Jahr für Wettkämpfe gesperrt gewesen, weil Sie damals einen Hustensaft mit verbotenem Wirkstoff konsumiert hatten. War diese harte Strafe eine Art Triebkraft, es den Skeptikern zeigen zu wollen? Hat Sie die Sache stark gemacht?

Besonders schön war das Jahr nicht. Ich hätte es mir gerne erspart. Aber es heißt ja so: Alles, was dich nicht umbringt, macht dich stärker. Du musst immer an dich glauben im Sport. Aber in dem Moment war es damals sicher das Schlimmste, was mir passieren konnte.

Hat es Ihnen nicht geholfen, zu unterscheiden, welche Menschen wichtig oder weniger wichtig für Sie sind?

Ja, da hat man gemerkt, wer wirklich zu dir hält. Aber das ist ja im Sport immer so: Wenn es läuft, sind alle da, wenn nicht, da kommt keiner. Ich habe im jungen Alter schon erfahren, wie das abläuft, wenn man am Tiefpunkt steht. Dadurch kann ich jetzt sicher in einigen Situationen besser drüberstehen, wenn es mal schlecht läuft.

Wissen Sie bereits, welche Schwerpunkte Sie in der Vorbereitung für die kommende WM-Saison setzen wollen?

Die WM ist früher als dieses Jahr. Deshalb müssen wir uns so vorbereiten, dass wir drei Wochen eher in Topform sind. Ich habe durch den Titel ein persönliches Startrecht in Antholz im Sprint und im Verfolger. Ich muss mich also nicht qualifizieren. So kann ich in der Trainingsplanung Prioritäten setzen.

Der Qualifikationsstress fällt weg, ist das ein Vorteil?

Die Norm willst du natürlich schaffen. Unser Team ist so stark, da reicht die Norm allein nicht, wie man bei Caro Horchler gesehen hat. Sie hatte sich auch qualifiziert, aber keinen WM-Einsatz erhalten.

Apropos starkes Team. Lässt man Sie als Weltmeisterin mal außen vor, haben die deutschen Damen unter dem neuen Trainergespann Kristian Mehringer und Florian Steirer doch eher eine schwierige Saison absolviert. Oder sehen Sie das anders?

Soweit ich weiß, haben fünf unterschiedliche Mädels im letzten Winter einen Podestplatz erreicht. So schlecht finde ich das nicht. Oder was meinen Sie genau?

Die Bilanz ist zweifellos gut. Aber gemessen an dem Potenzial, das in den einzelnen Athletinnen steckt, gibt es sicher Reserven.

Die gibt es ja immer. Die Konstanz über die Saison war sicher nicht so da. Dafür gab es individuelle Probleme. Im Nationencup sind wir dennoch Zweite geworden hinter den Norwegerinnen, die einfach eine Bombensaison hatten.

Franzi Hildebrand und Vanessa Hinz vermittelten bei der WM läuferisch den Eindruck, dass sie selbst bei fehlerfreiem Schießen nicht in die Medaillenränge kommen können. Caro Horchler gewinnt im Sommer alles und taucht im Winter unter. Laura Dahlmeier war 2017 fünffache Weltmeisterin. In Östersund haben ihr die Trainer im Single-Mixed keine 2-mal 3 Kilometer zugetraut und Sie sind dafür eingesprungen, obwohl der Wettbewerb eher schießlastig ist.

Prinzipiell gibt es bei der WM eine Einsatzkonzeption. Mit dem Single-Mixed sind es sieben Wettkämpfe, da muss man dosieren. Es bringt nichts, alles zu laufen. Mit 95 Prozent bekommt man keine Medaille mehr. Wir wollten Laura in der Staffel mit voller Kraft am Start haben. Sicher hatte sie über die Saison hinweg ein paar gesundheitliche Probleme zu bewältigen, wie auch andere Athletinnen. Für das Single-Mixed war Franzi Preuß vorgesehen, aber sie hat vor der WM noch Antibiotika nehmen müssen. Caro hatte seit September Qualifikationsdruck, da wird die Saison irgendwann sehr lang. So hatte jeder ein paar Sorgen.

Wie beurteilen Sie die Arbeit der neuen Trainer?

Ein bisschen mussten wir uns an die Trainingsumstellung erst gewöhnen. Ich kann aber sagen, trotz ihres noch jungen Alters machen beide einen sehr guten Job. Sie setzen mit uns die Trainingsinhalte auf einem hohen Niveau um.

Und die Konkurrenz schläft auch nicht ...

Genau. Zu Saisonbeginn habe ich gedacht: Halleluja, was ist denn dieses Jahr passiert? Die Konkurrentinnen laufen und schießen immer schneller und treffen auch mehr.

Sie sind jetzt Weltmeisterin. Wie groß ist die Gefahr, dass die Motivation leidet, weiter hart zu arbeiten?

Da gibt es, denke ich, keine Probleme. Ich stand zwei Tage nach dem Weltcupfinale in Oslo in der Waffenschmiede in Oberhof, um verschiedene Sachen für einen neuen Gewehrschaft zu testen. Das ist ja auch eine Wissenschaft für sich und ich bin relativ unerfahren, was Waffen betrifft. Auch da geht die Entwicklung weiter. Mir ist bewusst, dass ich meine Schießzeit liegend verbessern muss, vor allem die Zeit, bis der erste Schuss fällt. Ich weiß, auch als Weltmeisterin darf man sich nie auf irgendwas ausruhen.

Denise Herrmann

Die Erzgebirgerin wurde am 20. Dezember 1988 in Schlema geboren. In ihrem Heimatverein in Bockau lernte sie das Abc des Skilanglaufs, bevor ihr Weg vom Stützpunkt in Oberwiesenthal nach Ruhpolding führte.

In der Jugend setzte die Langläuferin im März 2007 bei der Junioren-WM als Dritte des Klassiksprints hinter Astrid Jacobsen (Norwegen) und Charlotte Kalla (Schweden) ein Achtungszeichen. Ihren größten Erfolg im Langlauf feierte sie mit Staffelbronze bei Olympia 2014 in Sotschi.

Im April 2016 entschied sich die Sportsoldatin, zum Biathlon zu wechseln. Bereits im Dezember 2017 gelangen ihr in Östersund zwei Einzel-Weltcupsiege. Am selben Ort holte sie im März 2019 den WM-Titel in der Verfolgung sowie Silber (Mixed-Staffel) und Bronze im Massenstart.

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