Keiner fliegt so schön wie "König Kamil"

Der goldene Adler wurde es nicht, aber die Aufholjagd von Karl Geiger zum Finale der Vierschanzentournee machte Bundestrainer Srefan Horngacher stolz. Nur gegen Dominator Stoch blieb der Allgäuer chancenlos.

Bischofshofen.

Die stolzen Teamkollegen trugen "König Kamil" durch das menschenleere Skisprung-Stadion, der geschlagene Karl Geiger beglückwünschte ehrfürchtig den Ausnahmeathleten. "Gratulation an Kamil. Wahnsinnig gemacht", sagte der Gesamtzweite, der in Bischofshofen mit einer großartigen Leistung noch aufs Podest sprang. Den ersten Tournee-Sieg seit Sven Hannawald 2002 verpasste Geiger aber deutlich, weil Triumphator Stoch auch auf der riesigen Anlage im Pongau dominierte. Mit einem weiteren klaren Einzelsieg machte er seinen dritten Vierschanzentournee-Triumph perfekt.

Nach turbulenten zehn Tagen mit Corona-Ausschluss und der folgenden Rückholaktion hat Stoch mit einer fulminanten Flugshow auf 139 und 140 Meter spätestens in Bischofshofen bewiesen, wer derzeit der beste Skispringer der Welt ist. "Kamil in der Form ist unschlagbar. Wir haben trotz des ganzen Trubels eine gute Tournee gesprungen. Wir sind die Zweitbesten bei dieser Tournee, da können wir uns schon drüber freuen", sagte Bundestrainer Stefan Horngacher im ZDF.

Dominator Stoch musste der 27 Jahre alte Geiger zwar ziehen lassen, dafür überholte er als Tagesdritter mit Flügen auf 138 und 133,5 Meter noch die beiden Rivalen Dawid Kubacki aus Polen und den vor der Tournee mit fünf Siegen in Serie als Topfavoriten gehandelten Halvor Egner Granerud. Dessen letzter Hoffnungsfunke ging nach dem ersten Durchgang aus. Norwegens Trainer Alexander Stöckl hatte mit einem nach unten verlegten Anlaufbalken zu hoch gepokert. Weil Granerud nur auf 133,0 Meter und damit nicht auf 95 Prozent der Hillsizeweite kam, erhielt er keine Bonuspunkte.

Im Gegensatz zu Granerud wirkte Geiger am Ende gut gelaunt: "Ich bin echt froh, dass ich das heute noch so hingebracht habe. Es war keine einfache Kost für mich. Heute habe ich es echt nochmal geschafft, die Spannung hochzufahren. Ich bin überglücklich", sagte der Oberstdorfer. Dass der ersehnte Tournee-Sieg für Deutschland auch nach 19 Jahren des Wartens wieder nicht gelang - fast Nebensache.

Der 33 Jahre alte Stoch hatte das Traditionsevent schon 2016/17 und 2017/18 gewonnen und kehrte nun zurück auf den Skisprung-Gipfel. "Das klingt großartig. Ich bin sehr glücklich", sagte der Routinier. Sein ehemaliger Coach Horngacher lobte: "Ich freue mich für Kamil. Er ist ein absoluter Siegertyp." Umso wertvoller war Geigers Silberrang, den er trotz seines Patzers in Innsbruck noch sicherstellte. Horngacher: "Der Karl ist mental unglaublich stark. Die anderen haben Fehler gemacht." Markus Eisenbichler erlebte zum Abschluss mit der Brechstange ein Debakel und verpasste als 35. sogar den zweiten Durchgang.

Stochs Traum vom nächsten Titel schien in Oberstdorf, wo das polnische Team wegen eines letztlich falsch-positiven Coronatests von Klemens Muranka zunächst ausgeschlossen wurde, schon geplatzt. Nach 22 Stunden Verwirrung folgte die schnelle Rückkehr - und neun Tage später der ganz große Triumph. Das Abschlussspringen am Dreikönigstag gewann der Olympiasieger mit riesiger Souveränität auch noch. Vor leeren Rängen wirkten die Jubelposen und die Siegerehrung aber doch gespenstisch. (dpa)

Kommentar von Thomas Prenzel: Singen und springen ...

Das Singen und das Springen, das kann man nicht erzwingen, lautet eine alte Schanzenweisheit. Das lässt sich gut auf den Traum vom Tourneesieg, der aus deutscher Sicht nun ein weiteres Jahr unerfüllt bleibt, übertragen. Das ist kein Beinbruch, zumal Karl Geigers Auftritt nach der Corona-Vorgeschichte gar nicht hoch genug einzuschätzen ist. Kein Beinbruch auch deshalb, wenn man die deutsche Brille mal kurz absetzt. Kamil Stochs elegante Flüge anzuschauen, ist einfach eine Augenweide. Insofern hat sich der Pole den goldenen Adler redlich verdient. Mit Blick auf den chaotischen Auftakt, als der Mann aus Zakopane und seine Teamkollegen beinahe unverschuldet ausgeschlossen worden wären, lag das psychologische Momentum in der polnischen Mannschaft. Mit einer "Jetzt-erst-recht-Stimmung" schufen Stoch und Co. die Atmosphäre, die sie bis zur Endstation auf einer Erfolgswelle schweben ließen.

Dass der Kopf, die mentale Kraft, eine große Rolle im Skispringen spielt, ist nicht neu, wurde aber bei dieser Tournee wieder sehr deutlich. Als Markus Eisenbichler zur Qualifikation in Oberstdorf die Startschwierigkeiten der Organisatoren in Bezug auf die neuen Hygieneregeln lautstark tadelte, kamen bereits Zweifel auf, ob die größte deutsche Hoffnung der mentalen Anforderung dieser nervenaufreibenden Wettkampfserie gewachsen ist. Sven Hannawald sprach beim letzten deutschen Gesamtsieg vor 19 Jahren immer von der Bedeutsamkeit, während der Tournee "bei sich zu bleiben." Sprich, keine Energie mit nebensächlichen Dingen zu vergeuden. Und mit Gewalt, wie es Eisenbichler gestern im Finale versuchte, geht es gleich gar nicht.

Diese mentale Fähigkeit, in der Ausnahmesituation einer Tournee zu funktionieren, ist schwer trainierbar. Die Sportpsychologie kann mit Verhaltensmustern für bestimmte Situationen, zum Beispiel dem Gerede um einen deutschen Bergisel-Fluch, hilfreich sein. Die Chance, diese Herausforderung zu meistern, war diesmal ohne den ganz großen Trubel und tausenden Zuschauern an den Schanzen, mit weniger PR- und Presseterminen mehr denn je gegeben. Dass es dennoch am Ende nicht geklappt hat, lässt mit Blick auf 2022 aber einen positiven Gedanken zu: Nächstes Jahr könnten die deutschen Ski-Adler den möglichen Tourneetriumph - dann hoffentlich wieder mit frenetischen Fans - viel besser feiern.

Sachsen-Adler verpasst Absprung und gutes Tournee-Finale

Martin Hamann hat sich mit einem viel zu späten Absprung auf der Paul-Außerleitner-Schanze in Bischofshofen um einen guten Tournee-Abschluss gebracht. Der 23-Jährige von der SG Nickelhütte Aue verlor mit einem Flug auf 119,0 Meter das K.-o.-Duell mit Pius Paschke und platzierte sich am letzten Tag auf Rang 37. In der Gesamtwertung belegte der Sachse, der erstmals die Springen in Österreich mit dem deutschen Nationalteam erlebte, den 28. Platz.

Am Finaltag lief es für Constantin Schmid (18.) und Severin Freund (20.) wieder etwas besser. Pius Paschke (29.) kam an seine starken Ergebnisse vor der Tournee erneut nicht heran. Mit Ausnahme von Karl Geiger erfüllte das deutsche Team insgesamt nicht die durch gute Vorleistungen gehegten Erwartungen. Bundestrainer Stefan Horngacher entschied am Mittwoch, seine sechsköpfige Mannschaft für die Tournee-Revanche am Wochenende in Titisee-Neustadt so beizubehalten. Damit erhält Richard Freitag vorerst keine weitere Chance, die WM-Norm zu knacken.

Der Tournee-Tross zieht sofort in den Schwarzwald weiter. Auf der Naturschanze stehen Samstag (16 Uhr) und Sonntag (16.30 Uhr) zwei Einzel an. An der Hochfirstschanze sind coronabedingt so wie auch drei Wochen später bei den Damen auf derselben Anlage keine Zuschauer erlaubt.

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