Schuften für den großen Traum

Nach der Saison ist vor der Saison. Für Skeletonpilot Axel Jungk folgt einem Winter zum Durchatmen einer zum Angreifen. Bei der Heim-WM in Altenberg soll der große Wurf gelingen.

Chemnitz.

Laura-Marie musste sogar den Skiurlaub in Nassfeld sausen lassen, sie brütet in Dresden über ihre Masterarbeit. Für ihren Freund Axel geht der Stress in drei Wochen wieder los. Ein Frühjahr und ein Sommer schweißtreibenden Athletiktrainings warten auf den 28-Jährigen, viel intensiver und härter, als es 2018 der Fall war. Die nacholympische Saison war für den Hohndorfer eine zum Durchpusten. "Das war nach den vier harten Jahren zuvor mit Blick auf die Olympischen Spiele in Pyeongchang bitter nötig", berichtet Jungk. "Mein Körper hat es mir gedankt. Ich hatte viel weniger Probleme mit meinem Rücken als in den Vorjahren." In Axels Rücken steckt ein angebrochener Wirbel - oft behandelt, aber nie richtig repariert. "Bei jeder Fehlbelastung sind die Schmerzen da", erklärt der ehemalige Skispringer.

Schonen kann er sich nicht. "Wir bekommen im nächsten Winter ein neues Reglement, dürfen dann insgesamt fünf Kilogramm mehr auf die Waage bringen", erzählt Jungk. "Also muss ich fünf Kilogramm zunehmen. Aber das sollte dann möglichst Muskelmasse und kein Fett sein." Gerade wenn es kalt und eisig ist - das hat Axel mehrfach festgestellt -, hat er gegen die richtig kräftigen Jungs einen Nachteil in der Bahn. Das Athletiktraining soll deshalb 2019 professioneller werden, statt wie bisher Axels Bahntrainer Wolfram Lösch soll das ein richtiger Leichtathletikcoach übernehmen. Der wird noch gesucht, auch die Finanzierung muss geklärt werden. "Ich will einen Trainer, der sich mit ganzer Energie um mich kümmern kann, nicht irgendwo nur ein Anhängsel sein", betont der Skeletoni, der seinen in Innsbruck eingefahrenen Vizeeuropameistertitel als Höhepunkt des vergangenen Winters nennt. Im Weltcup lief es mit Platz fünf in der Gesamtwertung passabel, die WM in Kanada war mit Platz zehn ein Reinfall. "Das war ernüchternd, mit der Bahn in Whistler habe ich nach wie vor keine Freundschaft geschlossen", sagt Jungk. Trotzdem wäre er vielleicht mit einer Goldmedaille heimgekommen - im Teamwettbewerb, den er bei den drei Weltmeisterschaften zuvor mit der deutschen Mannschaft immer gewonnen hatte. Doch in Whistler stürzte ausgerechnet Olympiasiegerin und Weltmeisterin Mariama Jamanka mit ihrem Zweierbob im Teamrennen um - damit war auch Axels Medaillentraum dahin.

Auf alle Fälle eine Medaille werden soll es bei der nächsten WM. Die findet im Februar 2020 in Altenberg statt. Ein Heimspiel auf Axels Lieblingsbahn, auf der er aber in der Vergangenheit zumeist nur im Training glänzte. So war es auch beim Weltcup in diesem Winter. "Wir hatten eine Trainingswoche mit perfektem Wetter - kalt und sonnig, beim Rennen hat es dann geschneit. Ich kann mich relativ schwer auf wechselnde Bedingungen einstellen", verrät Jungk. So stand am Ende "nur" Rang fünf zu Buche, nicht nach dem Geschmack des Bundespolizisten und seines in Orange gekleideten Fanclubs. "Der Druck wird von Jahr zu Jahr ein bisschen größer. Den mache ich mir auch selbst. Irgendwann muss es hier doch einmal klappen, sage ich mir vor jedem Rennen", erzählt der Vizeweltmeister von 2016. "Eigentlich bin ich nie nervös, habe mich im Griff."

Einen Weltcupsieg - eingefahren im Januar 2018 in Königssee - hat er auf dem Konto, ein paar dürften gern noch hinzukommen. Bei den Männern ist die Konkurrenz aber ungleich härter als bei den erfolgsverwöhnten deutschen Damen. "Da kann man auch mal mit einer nicht so perfekten Fahrt gewinnen, wenn Start und Material passen", sagt Axel. "Bei den Männern müssen für einen Sieg alle Komponenten stimmen." Man muss starten wie ein Alexander Tretjakow, den Schlitten steuern wie ein Martins Dukurs - und eben Topmaterial haben. Die deutschen Piloten bekommen ihre Schlitten vom FES Berlin, für die kommende Saison soll es neue geben. Die Zusammenarbeit funktioniert gut, den gesamten vergangenen Winter war ein Mechaniker mit dem Team unterwegs.

Was noch nicht so ganz funktioniert, ist die neue Offenheit unter den deutschen Athleten. Die hat Bundestrainer Dirk Matschenz bei seiner Amtsübernahme von Jens Müller, der vor allem auf den Konkurrenzkampf innerhalb der Mannschaft setzte, als Ziel ausgegeben. Wenn einer Materialvorzüge feststellt, sollte er die Teamkollegen daran teilhaben lassen, wünschte sich Matschenz. "Dem ist nicht so", berichtet Axel, "wir sind das eben noch nicht gewohnt. Jeder behält sein kleines Geheimnis." Kein Geheimnis ist, dass Jungk 2020 Weltmeister werden will. Vor einer 200-köpfigen Wand in Orange und mit fünf Kilogramm mehr an Muskeln.

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