Turn-WM: Auf andere Art wieder mittendrin

Bei der Turn-WM 2007 in Stuttgart gehörte die Chemnitzerin Jenny Brunner, die einst für mehrere Premieren gesorgt hatte, zum deutschen Aufgebot. Nicht nur Zuschauerin ist sie auch bei den aktuellen Titelkämpfen.

Stuttgart/Chemnitz.

Der Puls geht noch immer schneller, wenn die deutschen Turnerinnen in Aktion sind. Egal, welche Aufgaben Jenny Brunner bei der aktuellen WM gerade erfüllen muss oder aus welcher Perspektive sie das Geschehen verfolgen kann, ihr Herz hängt nach wie vor an ihrem Sport. In Stuttgart arbeitet sie im Helferteam, ist beispielsweise beim Auf- und Abbau der Geräte in der Wettkampf- und Trainingshalle tätig oder sorgt mit für den reibungslosen Ablauf während der Entscheidungen, auch teilweise direkt im Innenraum. "Ich wollte wieder mal nah dran sein und habe mich deshalb über die Webseite beworben", erzählt die 29-Jährige, die darüber hinaus auch Einsätze in der Kinderbewegungswelt hat.

Sie ist gern mittendrin in ihrem einstigen Metier, verbindet zudem besondere Erinnerungen an die Austragungsstätte in der Hauptstadt von Baden-Württemberg. Denn bei der WM 2007 an gleicher Stelle turnte sie gemeinsam mit Joeline Möbius, ihrer Trainingsgefährtin beim TuS Chemnitz-Altendorf, in der deutschen Riege. "Einzelne Bilder sind schon noch im Kopf: wie wir reingelaufen sind, wie alles von innen viel größer aussah oder wie die Show drumherum die Aufregung nicht gerade gemindert hat", erinnert sich Jenny Brunner. Auch bei jenen Titelkämpfen schaffte die Damenmannschaft die Olympiaqualifikation - damals übrigens erstmals nach 15 Jahren Pause.

Mit ihrer eigenen Leistung haderte die Sächsin jedoch. Zunächst war sie zwar nach verletzungsbedingten Problemen in der Vorbereitung glücklich, dass sie überhaupt zum Team gehörte. Doch dann unterlief ihr beim einzigen Einsatz am Stufenbarren in der Qualifikation ein Fehler. Die Enttäuschung war im ersten Moment groß. Trotzdem fand sie nach dieser Übung mit einem neu kreierten Abgang (Brunner) Aufnahme ins internationale Regelwerk (Code de Pointage). Sie war 2007 die erste deutsche Turnerin, der dies seit der Wende gelang.

Jenny Brunner sorgte einst für einige Premieren der Damen im Chemnitzer Turnsport. Sie startete 2004 als Erste bei einer Junioren-EM, holte 2006 am Schwebebalken den ersten Deutschen Meistertitel für den TuS Altendorf, erkämpfte 2009 beim Weltcup in Stuttgart am Stufenbarren den ersten internationalen Podestplatz. "Das ist im Rückblick der absolut größte Erfolg für mich, war das Highlight meiner Laufbahn", wertet der einstige Schützling von Trainerin Gabi Frehse. Bereits 2006 qualifizierte sie sich für die WM im dänischen Aarhus, wäre wiederum als erste TuS-Athletin zum Einsatz gekommen. Doch beim Podiumstraining zwei Tage vorher stürzte sie vom Barren und kugelte sich den Ellbogen aus. So kann sie sich derzeit auch gut in die Gefühlswelt von Sophie Scheder versetzen, die dieses Mal wegen einer Rückenverletzung kurzfristig passen musste.

Beide lernten sich noch im letzten Jahr ihrer Karriere, die sie 2009 beendete, im Verein kennen. "Ich verfolge ja weiter, was im Chemnitzer Turnen passiert. Die Entwicklung ist schon krass, einfach gigantisch, was sie inzwischen zeigen", schwärmt Jenny Brunner über ihre Nachfolgerinnen wie die Stufenbarren-Olympiadritte Sophie Scheder oder Schwebebalken-Weltmeisterin Pauline Schäfer. "Ich war froh, dass ich bei einer WM oder EM dabei sein durfte, das stand immer auf der Kippe. Auf ein Finale konnte ich nicht hoffen", vergleicht sie. Für die Olympischen Spiele 2008 verpasste sie die Nominierung. So blieb es der damals erst 16-jährigen Joeline Möbius vorbehalten, diesbezüglich für das Debüt zu sorgen.

In der folgenden Saison wollte Jenny Brunner eigentlich noch einmal angreifen, doch wegen des Pfeiferschen Drüsenfiebers fiel sie längere Zeit aus. Bei den nationalen Meisterschaften Anfang Juni stellte sie sich nur am Balken vor, an einen Mehrkampf war da nicht zu denken. Nachdem sie sich im September am Knie verletzte und dabei auch das Kreuzband riss, entschloss sie sich, ihre leistungssportliche Laufbahn zu beenden.

Sie konzentrierte sich fortan auf ihr Abitur und auf die weitere Ausbildung. "Ich hatte bis dahin gefühlt mein Leben lang geturnt. Da brauchte ich erst einmal eine Pause", berichtet Jenny Brunner von ihrer Neuorientierung. Sie studierte Medizintechnik in Erlangen (Bachelor), später Maschinenbau in München mit dem Masterabschluss. Mehrmonatige Praktika führten sie nach England und China. Inzwischen arbeitet sie in einer Firma in Biberach an der Riß, die Geräte für die Zahnmedizin herstellt. Vor vier Monaten hat sie in Ulm eine gemeinsame Wohnung mit ihrem Freund bezogen. "Jetzt bin ich richtig angekommen im Leben, sesshaft geworden. Ich muss nicht mehr in WGs oder zur Untermiete wohnen. Es passt alles, ich habe einen guten Job, verdiene mein Geld, bin sehr zufrieden", sagt Jenny Brunner.

Und inzwischen gehört auch das Turnen wieder zu ihrem Betätigungsfeld - aber auf anderer Ebene. Im Verein von Biberach arbeitet sie seit 2017 zwei- bis dreimal pro Woche als Übungsleiterin für Kinder ab acht Jahren. Sie besitzt den C-Trainerschein und die Kampfrichterlizenz. "Es ist etwas ganz anderes, kein Leistungssport. Mir macht es Spaß, ich bleibe aktiv. Einfache Sachen kann ich noch vormachen, bei einigen Kraftübungen bin ich dabei", erzählt die sympathische junge Frau, die einst Sportgeschichte schrieb. So einfach Loslassen von ihrer Leidenschaft kann auch sie nicht.

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