Sachsen regelt Gutachterwesen neu

Der Freistaat spricht von Bürokratieabbau, Praktiker erwarten Chaos durch den sächsischen Sonderweg und Auftragsverluste.

Dresden.

Mit den Stimmen der schwarz-gelben Koalition hat der Landtag am Donnerstag das Sachverständigen- und Gutachterwesen im Freistaat neu geregelt. Damit wird in naher Zukunft das bisher einheitlich unter der Federführung der Industrie- und Handelskammern (IHK) geführte Prüfungs- und Berufungsverfahren von Sachverständigen und Gutachtern auf drei Kammern aufgespalten: Neben den IHK erhalten Ingenieur- und Architektenkammer künftig eigene Kompetenzen, die sie bisher in gemeinsamen Gremien mit den IHK ausgeübt haben. Damit schert Sachsen als einziges Land im Bund aus einem weitgehend einheitlichen System aus.

"Das ist ein Sieg der Klientelwirtschaft über die Verbraucherfreundlichkeit", kommentierte Hans-Joachim Wunderlich, Hauptgeschäftsführer der IHK Chemnitz, die Entscheidung. Etwa 8000 mal im Jahr fordern Gerichte, Behörden, Unternehmen und Privatpersonen allein von sächsischen Sachverständigen Gutachten an. Hilfreich bei der schnellen Suche waren bisher nach Spezialgebieten gegliederte Expertenlisten, die die IHK bundesweit in einer Online-Datenbank führt.

Nach dem neuen Schema, das nach einer Übergangsfrist von nur sechs Monaten in Kraft treten dürfte, müsste der Betroffene an mehreren Stellen suchen. Dann geht es zunächst nach Berufsgruppen: Bauwesen, Ingenieurberufe und der Rest. Zumindest die Ingenieurkammer hat nach eigenem Bekunden noch keine Lösung für eine Präsentation ihrer Experten. Die Bestellung eigener Sachverständiger sei eine Aufwertung für den Ingenieurberuf, erläuterte Geschäftsführer Andreas Klengel. Zahlreiche Ingenieure haben dem bereits widersprochen. Sie befürchten Auftragseinbußen durch den Sonderweg. In den alten Ländern sind die IHK-Listen das Nonplusultra.

"Der Kurswechsel ist Schwachsinn", polterte Hartmut Bunsen, Chef des Unternehmerverbandes Sachsen mit gut 600 Mitgliedsfirmen. Bunsen, selbst Mitglied in einem Gutachterausschuss in Leipzig, kann der Neuregelung nichts Gutes abgewinnen. Auch Wolfgang Vogel, Vorsitzender des Landesverbands der qualifizierten Sachverständigen, geht es so. "So kommt kein Frieden in die Sache", sagt er. Jetzt ergäben sich viele Abgrenzungsprobleme, welche Kammer welche Gutachter zu führen habe. Das sei umso komplizierter, weil zunehmend Sachgebiete von unterschiedlichen Berufsgruppen besetzt werden. "Zu guter Letzt hat jede ein paar, aber keiner mehr alle", so Vogel.

Ein Hauptargument der Regierung ist der mit der Neuregelung einhergehende Bürokratieabbau. Auch im Landtag wurde dieses Argument angeführt. Genau das Gegenteil sei der Fall, sagen Bunsen und Wunderlich übereinstimmend. Der Aufwand für die Kunden wachse enorm, so Wunderlich. Bei ihm sei vom sächsischen Bürokratieabbau "so gut wie noch nichts angekommen".

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