"Angst vor Fehlern erstickt die Kreativität"

Mit einer Rede über "Visionäre Unternehmensführung" gewinnt der Garnsdorfer Unternehmer Frank Suchy einen Preis

Garnsdorf.

Als einziger Sachse wurde der studierte Ingenieur beim Speaker Slam in Stuttgart ausgezeichnet. Der Chef einer Messgerätefirma im Lichtenauer Ortsteil Garnsdorf spricht seit Jahren vor Unternehmern aus aller Welt. Andreas Klinger redete mit dem 60-Jährigen über Visionen, Mitarbeiterführung und darüber, warum ein Hobbyfotograf bei ihm eher keinen Job kriegen würde.

"Freie Presse": Herr Suchy, Sie haben jüngst in Stuttgart einen Preis als "Exzellenter Redner" geholt. Hat man als jahrelang geübter Sprecher Lampenfieber vor solchen Wettbewerben?

Frank Suchy: Absolut. Das war mein erster Wettbewerb. Obwohl ich seit zehn Jahren vor Publikum spreche, eine komplett neue Situation. In fünf Minuten musste pointiert auf den Punkt gebracht werden, wofür ich sonst eine Stunde habe. Dazu kam eine Jury aus Medienvertretern und Werbespezialisten - echte Kommunikationsprofis. Die analysieren alles. An der Rede habe ich lange gefeilt. Bis alles genau in fünf Komma null null Minuten gepasst hat. Das hat die Jury beeindruckt. Das Wichtigste aber war, dass die Zuhörer merkten: Der möchte sich nicht selber darstellen, sondern andere Leute voranbringen.

Sie traten als Top-Experte für "Visionäre Unternehmensführung" bei dem Wettbewerb an. Was genau bedeutet das für Sie?

Ich sage mal so: Viele Firmenchefs, die ich kenne, gehen pfleglicher mit ihrem Auto um, als mit sich selbst. Die können nicht abschalten, sind ständig gestresst. Doch nur aus der Ruhe erwächst Kreativität und die brauchen sie als Führungsperson. Das ist leichter gesagt als getan. Ich brauchte viele Jahre, um das zu lernen. Heute schaffe ich es, nicht mehr an die Arbeit zu denken, wenn ich nach Hause komme. Lieber gehe ich joggen oder betätige mich handwerklich. Wenn Sie mental Abstand gewinnen können, erinnern Sie sich auch wieder an ihre ursprünglichen Visionen und Beweggründe. Das gibt Kraft, morgens aufzustehen.

Das war nicht immer so?

Als ich mit 29 Jahren meine Firma gründete, hatte ich eine große Vision. Mit einem motivierten Team wollte ich hochmoderne Messgeräte in die ganze Welt liefern. Das war mein Leitstern. Mit 49 hatte ich mein Ziel dann erreicht. Plötzlich war die Kraft, die Motivation verschwunden, denn mein Leitstern war weg. Abends fühlte ich mich leer und ausgebrannt. Vor meiner Familie und den Mitarbeitern wollte ich das aber verbergen. Doch meine Frau und mein Sohn, die arbeiten beide in der Firma, sprachen mich darauf an. Auch die Mitarbeiter merkten es. Ich war schockiert, dass wirklich jeder mitbekam, was in mir vorging. Da war klar: Eine neue Vision musste her. Die entwickelten wir zusammen im Team. Von nun an sollte die Firma der kompetenteste Ansprechpartner für Messtechnik weltweit sein. Plötzlich war sie wieder da, die alte Kraft.

Was sagen Sie denjenigen, die immer noch auf der Suche nach ihrer großen Vision sind?

Das ist eine Frage der Persönlichkeit. Bevor Sie sich die Frage stellen, was ihre Ziele und Träume sind, gilt es, herauszufinden: Was für ein Typ bin ich? Es gibt die Dominanten, das sind Führungspersönlichkeiten, die voranpreschen. Dann gibt es die kontaktfreudigen Beziehungsmenschen. Das sind meist gute Verkäufer. Der Stetige ist ein eher harmoniebedürftiger Teamplayer. Dann ist da noch der Gewissenhafte. Dieser Typ zeichnet sich durch Genauigkeit und Durchhaltevermögen aus, ist aber nicht der Kreativste. Natürlich sind das Idealtypen. Aber ein erfolgreiches Unternehmen braucht eine gesunde Mischung dieser Fähigkeiten. Kreative und Machertypen können ihre Visionen ohne die Gewissenhaften schwer umsetzen.

Was würden Sie einen Bewerber bei der Vorstellung fragen?

Mich interessiert zuerst, was die Leute in ihrer Freizeit machen. Das sagt viel aus über die Leidenschaften dieser Person. Wer da gerne tüftelt, hat schon mal gute Chancen auf eine Stelle in der Werkstatt. Beim Zusammensetzen unserer genauestens genormten Messgeräte sind Präzision und Feinmotorik das A und O. Einen Hobby-Fotografen oder Blumenbinder würde ich für eine solche Position eher nicht einstellen. Kreative sind für so eine Arbeit nicht gemacht. Das ist eher etwas für die Gewissenhaften.

Aber Sie brauchen ja nicht nur Tüftler in der Firma.

Richtig. Aber grad diese Gewissenhaftigkeit ist die Stärke der Deutschen. Wenn ich auf internationalen Messen bin, merke ich das immer. Das Label "Made in Germany" ist ein Wettbewerbsvorteil, den wir von den Vätern geerbt haben. Doch eines ist Deutschland nicht: Ein Land der Unternehmer. Unser Bildungssystem bringt gute Arbeitnehmer hervor. Was aber nicht gelehrt wird, ist Mut zum Risiko. Das hat auch mit der ständigen Suche nach Fehlern zu tun. Daraus erwächst die Angst, etwas falsch zu machen, Lieber auf Nummer sicher gehen, heißt es dann. Doch wer Angst vor Fehlern hat, wird weder ein Unternehmen gründen, noch seine Möglichkeiten ausschöpfen. Sicherheit ist eingekaufte Langeweile.

Wie gehen Sie damit um, wenn ein Mitarbeiter Mist baut?

Wir schauen nicht, wer etwas falsch gemacht hat, sondern wo die Abläufe falsch waren. Es geht also nicht um Mitarbeiter Meier, sondern um das Ganze. Angst vor Fehlern erstickt nicht nur die Kreativität, sondern führt am Ende sogar zu noch mehr Fehlern. Viel Zeit und Energie werden dann darauf verschwendet, diese zu verbergen. Am Ende schadet das den Mitarbeitern und dem ganzen Unternehmen.

Die Mitarbeiter müssen aber auch ins Team passen.

Ich mache mit den Bewerbern immer eine Tour durch unser Haus und frage: "An welchem Platz würden Sie gerne arbeiten?" Die meisten können das nicht beantworten. Weil viele sich selber kaum kennen. Sie funktionieren nach eingeprägten Mustern. Ob wir jemanden längerfristig einstellen, entscheidet sich aber zumeist erst nach einem halben Jahr. Solange brauche ich, um zu erkennen, wer jemand wirklich ist. Beim Bewerbungsgespräch setzen alle eine Maske auf. Und die zu durchschauen, gehört ehrlicherweise nicht zu meinen Stärken. Da bin ich zu sehr Menschenfreund. und vergebe Vertrauensvorschuss zu großzügig. In der Vergangenheit hat das zu Fehlern geführt, die falschen Leute wurden eingestellt. Doch ich bin ein sehr guter Lehrling meiner eigenen Fehler. Wir hatten nie so ein gutes Team wie heute.

Wie sieht die nächste Vision aus?

Ich möchte weiter Vorträge halten, um meine Erfahrungen an andere Unternehmer weiterzugeben. Die Firma habe ich mittlerweile nahezu auf Autopilot gebracht. Die läuft auch gut ohne mich. Das lässt mir Zeit für andere Dinge. Irgendwann wird mein Sohn die Firma übernehmen. Er ist jetzt schon ein besserer Verkäufer als ich es seon könnte. An die Preise, die er in den Gesprächen aushandelt, komme ich nicht mehr heran.

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1Kommentare
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  • 3
    1
    Distelblüte
    08.07.2019

    "Wir schauen nicht, wer etwas falsch gemacht hat, sondern wo die Abläufe falsch waren. Es geht also nicht um Mitarbeiter Meier, sondern um das Ganze. Angst vor Fehlern erstickt nicht nur die Kreativität, sondern führt am Ende sogar zu noch mehr Fehlern."
    Leider sieht die Realität oftmals anders aus. Es wird bei Fehlern nach einem Schuldigen gesucht (was natürlich dazu führt, dass jeder Arbeiter die 'Schuld' weit von sich weist), anstatt danach zu suchen, wie in Zukunft diese Fehler vermieden werden können.
    So wird sich niemals Fortschritt entwickeln.



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