Die Piwis kommen

Der Klimawandel bleibt auch für den Weinbau nicht ohne Folgen. Forscher arbeiten deshalb an neuen, resistenten Sorten. Die, die sie bereits gezüchtet haben, sind zwar widerstandsfähig, haben aber ein anderes Problem.

Sie heißen Johanniter, Calardis blanc, Pinotin oder Muscaris, sind bei Konsumenten noch wenig bekannt und stehen für die Zukunft des Weinbaus. In der Fachwelt werden sie unter dem Begriff Pilzwiderstandsfähige Rebsorten zusammengefasst, kurz Piwi. Es handelt sich um Neuzüchtungen; manche noch so jung, dass sie nicht einmal einen richtigen Namen haben, wie etwa die weiße Sorte VB Cal 6-04. Doch wozu braucht es eigentlich neue Sorten? "Sind wir nicht zufrieden mit Riesling, Cabernet Sauvignon und Spätburgunder?", fragt Reinhard Töpfer, Direktor des Julius-Kühn-Instituts (JKI) für Rebenzüchtung Geilweilerhof in Siebeldingen in Rheinland-Pfalz. Natürlich. Aber der Experte ist überzeugt: "Der Klimawandel wird uns zu einem Sortenwechsel zwingen."

Der Riesling werde nicht wegfallen. Aber man werde ihn irgendwann in anderen Lagen pflanzen müssen. In Weinberge, die heute vielleicht noch zu kühl sind. Die eine oder andere frühreife Sorte wie Portugieser hat hingegen womöglich auf Dauer keine Zukunft mehr. Denn der Klimawandel führt dazu, dass der Austrieb der Reben tendenziell früher erfolgt. Doch Spätfröste treten nach wie vor auf - wie zuletzt 2017. Die Folge sind dann Ertragsausfälle.

Der Riesling als meistangebaute deutsche Sorte reift zwar spät. Aber wenn die Trauben wie in diesem Jahr drei Wochen Vorsprung haben, dann sind sie aufgrund ihres Reifestadiums bei den dann noch wärmeren Temperaturen anfälliger gegen Pilzerkrankungen, wenn Feuchtigkeit dazukommt. Und: Klimawandel bedeutet ja nicht nur einen Temperaturanstieg, sondern auch die Zunahme von Wetterextremen. "Es gibt jedes Jahr ein anderes Problem", sagt Volker Freytag, Chef der gleichnamigen Rebschule in Neustadt/Weinstraße in Rheinland-Pfalz.

Das erste Halbjahr 2016 etwa stand für extreme Nässe, es hat so viel geregnet wie lange nicht. Wenn es dann warm wird, sind Pilzkrankheiten programmiert - und somit Ernteausfälle, wenn der Winzer nichts tut. "Der Befallsdruck ist ein Stück weit unberechenbarer geworden", sagt Ralph Dejas, Geschäftsführer der Öko-Winzer-Vereinigung Ecovin. Für die Forscher gehören daher die Widerstandsfähigkeit gegen Pilzkrankheiten und die Anpassung an den Klimawandel zusammen.

Der Echte und Falsche Mehltau sind Pilzerkrankungen, mit denen sich jeder Winzer herumschlagen muss. Sie sind jedoch keine Folge des Klimawandels, sondern wurden im 19. Jahrhundert eingeschleppt aus Amerika - wie die Reblaus. Der Klimawandel verschärft nur die Situation. Damit der Mehltau nicht die Ernte vernichtet, müssen die Reben gespritzt werden, im Schnitt acht- bis zehnmal. Auch Bio-Winzer kommen nicht drumherum, sie arbeiten mit Kupfer und Schwefel.

Zwar müssen auch die Piwis gegen Mehltau behandelt werden, allerdings sind hier nur zwei bis drei Spritzungen nötig, mitunter sogar nur eine. Das erspart dem Winzer Arbeit, vor allem wenn er in schwer zugänglichen Steillagen auf Handarbeit angewiesen ist. Zudem wird die Umwelt geschont. Es ist nachhaltiger. Ganz ohne Pflanzenschutz werde es aber auch auf absehbare Zeit nicht gehen, sagen Experten. "Die Pilze als Gegenspieler sind clever. Sie finden Wege, um die Resistenz zu umgehen. Irgendwann knacken sie den Schutz", sagt Freytag.

Mit der Züchtung widerstandsfähiger Rebsorten beschäftigen sich die Forscher aber nicht erst seit gestern. Bereits Anfang des vorigen Jahrhunderts wurden in Frankreich erste Piwis gepflanzt. Doch in den 1950er/60er-Jahren wurde die Zucht eingestellt. "Man kam dort zu dem Ergebnis, es schmeckt nicht", sagt Töpfer. Seit einigen Jahren seien Piwis aber dort wieder ein Thema.

Die Züchtung ist langwierig: Für eine neue Sorte werden die resistenten Reben, deren Eltern oft Wildreben aus Amerika oder Asien sind, mit europäischen Qualitätsreben gekreuzt. Erstere bringen dabei die Resistenzen ein, letztere den Geschmack. Von der Züchtung bis zur Marktreife vergehen im Schnitt 25 Jahre. "Beim Kreuzen kommt auch nicht immer ein gutes Ergebnis raus", erklärt Rebenzüchter Freytag. Die Rebe ist ein Zwitter. Die Blüte muss händisch kastriert, dann kann fremder Pollen aufgestäubt werden. Das Zeitfenster dafür ist eng. Die Kerne aus den Beeren werden später ausgesät. Juliane Veith vom Staatlichen Weinbauinstitut Freiburg schildert den Weg der letzten Versuchsreihe: Von 1700 Kernen - jeder Kern ist nach gezielter Kreuzung eine eigene Sorte - entwickelten sich nach der Aussaat 1100 zu einzelnen Sämlingen, die wiederum mit Mehltaupilzen infiziert wurden. 30 blieben übrig. Diese kamen zur Beobachtung ins Freiland. Am Ende wurden drei für gut befunden. Veith: "Wenn ein Stock positiv auffällt, wird er vegetativ vermehrt, also geschnitten und gepropft." Erst nach zehn Jahren sehen die Experten, wie es um die Weinqualität steht. Tests und Zulassungsverfahren ziehen die Züchtung weiter in die Länge.

Es gibt eine ganze Reihe von Piwi-Sorten, aber im Weinbau führen sie immer noch ein Nischendasein. Knapp drei Prozent der Rebflächen sind hierzulande mit Piwis bestockt. Der Regent dominiert, er nimmt zwei Drittel der Fläche ein. JKI-Forscher Töpfer ist überzeugt, dass die Piwis in zehn Jahren einen Marktanteil von zehn Prozent haben werden.

Viele Winzer scheuen noch den Anbau. Zum einen, weil nach wie vor Piwis kaum bekannt sind und Verbraucher eher zu eingeführten Sorten wie Riesling greifen. Zum anderen stellen die neuen Sorten für die Erzeuger eine Herausforderung dar. Sie müssen herausfinden, wie damit umzugehen ist. "Das müssen sie erst lernen", so Töpfer. Beim Regent muss ein hoher Reduktongehalt berücksichtigt werden. Reduktone täuschen Schwefel vor, der für die Haltbarkeit zugesetzt wird. Töpfer: "Wenn der Winzer das nicht wusste, ist der Wein schneller oxidiert."

Paulin Köpfer, Betriebsleiter beim badischen Weingut Zähringer, sieht noch Aufholarbeit für die Branche: "In der Breite fehlt noch Erfahrung in der Vinifikation", sagt er und fügt hinzu: "Und es fehlen auch Spitzenweine. Man braucht einen Kaschmiranzug, damit der Kunde auch den normalen kauft", zieht er einen Vergleich. Die Vermarktung sei die derzeit größte Schwäche der Piwis. Das Öko-Weingut setzt Piwis wie Johanniter und Cabernet Cortis unter anderem für Cuvée-Weine ein, bei denen traditionelle Sorten mit Piwis vermählt werden. "Wie der Wein gemacht wird, interessiert die Kunden meist nicht. Schmecken muss es." Für Köpfer gehören die Piwis zur Weinkultur dazu, das sei Vielfalt. "Wir sprechen immer von Biodiversität, warum nicht auch von Geschmacksdiversität? Viele Kunden kaufen Grauburgunder, weil sie ihn kennen. Dabei würden sie vielleicht mit einem Johanniter glücklicher werden."

Wie Piwis schmecken: Einige Empfehlungen für Weine aus resistenten Sorten finden Sie unter www.freiepresse.de/piwis

Das sind Piwis

Regent ist die meistangebaute pilzwiderstandsfähige Rebsorte hierzulande. Die Kreuzung aus dem Jahr 1967 ist seit 1996 in Europa zugelassen. Die Eltern sind Diana (Züchtung aus Silvaner x Müller) und Chambourcin (Seyve Villard x Chancellor).

Cabernet blanc entstand in den 1990er-Jahren in der Schweiz, wurde in der Pfalz weiterentwickelt und ist seit 2014 in die Sortenliste eingetragen. Der Wein, der im Duft an Sauvignon blanc erinnert, entstand aus der Kreuzung von Cabernet Sauvignon mit Resistenzpartnern.

Calardis blanc wurde 1993 am JKI-Institut für Rebenzüchtung geschaffen - aus GF.GA-47-42 (Bacchus x Seyval) und Seyve Villard. Erst 2018 wurde der Sortenschutz erteilt. Die Sorte ergibt Weine mit feinwürzigem Aroma und spritzig-reifer Säure.

VB Cal 6-04 vertritt wie Calardis blanc die neue Generation von Piwis, weil durch Mehrfachkreuzungen mit unterschiedlicher Resistenzgenetik die Robustheit verbessert werden konnte. Die noch namenlose Sorte entstand aus Sauvignon blanc x Riesling x Resistenzpartnern.

Muscaris kommt vom Weinbauinstitut Freiburg und ist eine Kreuzung aus dem resistenten Solaris und Muskateller. Ergibt bukettreiche Weine mit Muskat und Zitrusaromatik.

Dieser Beitrag erschien in der Wochenend-Beilage der Freien Presse.

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