Homöopathie für den Boden

Das Demeter-Magazin träumt von einer Welt ohne Forschung. Wie viel Esoterik steckt hinter der Biomarke?

Wann endet das "Zeitalter der zerstörerischen Geisteselite" und wird durch ein Zeitalter des Vertrauens abgelöst? Dieser Frage widmet das aktuelle Demeter-Kundenmagazin eine utopische Kolumne und träumt sich in eine Welt ganz ohne Patente und Definitionen, Forschung und Kontrolle. Wobei, ganz so utopisch ist der Text gar nicht, denn der Umbruch sei bereits eingeläutet: Im "Winter des Jahres 2020 gingen die Menschen auf die Straßen und begannen das, was Hstoriker*innen später als nichts Geringeres einschätzen als die Rettung unseres Planeten". Nach den obligatorischen Boykott-Aufrufen in den Sozialen Medien nimmt Demeter den Artikel aus dem Netz und fühlt sich missverstanden. Es sei nämlich keine realistische Zukunftsvision, sondern ein auf die Spitze getriebener Denkanstoß gewesen und schon gar keine politische Forderung. Distanziert sich aber deutlich von der Querdenken-Bewegung.

Abseits der Utopie setzt der Bioverband keineswegs auf Vertrauen, sondern legt jedes Jahr einen über 100-seitigen Katalog mit genauen Richtlinien vor. Unter allen deutschen Labels zur Zertifizierung von Biolebensmitteln ist das orangene Demeterlogo das konsequenteste: Kein Abzeichen verlangt Landwirten so viel ab, wenn es um Platz für Legehennen oder den Einsatz von Zusatzstoffen in verarbeiteten Lebensmitteln geht. Außerdem ist es die einzige Biomarke, bei der die Enthornung von Rindern tabu ist - andere Bioabzeichen kennen zumindest Ausnahmen.

Dahinter steht das Konzept der biodynamischen Landwirtschaft, die besonders strenge Anforderungen an Tierwohl und Ökologie stellt und auf die Lehren von Rudolf Steiner zurückgeht. Vor allem geschlossene Nährstoffkreisläufe - die Symbiose zwischen Ackerbau und Viehhaltung - spielen eine übergeordnete Rolle sowie der Versuch, kosmische Rhythmen zu berücksichtigen. Um dabei nicht den Überblick zu verlieren, empfiehlt der Verein den Aussaatkalender der deutschen Anthroposophin Maria Thun, bei dem der Aussaatzeitpunkt von der jeweiligen Planetenkonstellation abhängt. Einen Widerspruch zur Wissenschaft sieht Demeter darin nicht, schließlich sei es wissenschaftlich belegt, dass Möhren nach der Aussaat vor Vollmond besonders ertragreich sind.

Esoterik gehört trotzdem dazu. Was soll daran bitteschön verkehrt sein, fragt Michael Olbrich-Majer der den hauseigenen Demeter-Blog betreibt und immer wieder Vorwürfe aus Wissenschaft und Medien aufgreift. Schließlich gehe der heutige Ökolandbau auf biodynamische Versuchsreihen zurück. Charakteristisch für diese biodynamische Landwirtschaft und Voraussetzung für ein Demeterlogo auf der Verpackung ist der Einsatz von biodynamischen Präparaten: Dicht unter der Erdoberfläche aufgeschichtet sollen diese für ein fruchtbares Jahr sorgen. Die Landwirte können sich für Kompostpräparate entscheiden; aus Heilpflanzen hergestellt und unter den natürlichen Dünger gemischt oder sogenannte Spritzpräparate; Kuhhörner mit Kuhfladen oder vermahlenem Quarz gefüllt. Demeter selbst bezeichnet diese Methode als Homöopathie für den Boden.

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