"Ich wollte ehrlich sein"

Jungwinzer Stefan Bönsch erntete mit seinen ersten Weinen hohe Ehren - Ein großer Fehler brachte ihn in schwere Bedrängnis

In der Serie "Sachsens Winzer" stellt "Freie Presse" alle zwei Wochen interessante Weingüter vor. Heute das Weingut von Jungwinzer Stefan Bönsch. Olaf Kittel hat mit ihm über die Sieben-Tage-Woche, seinen Eintrag im Gault-Millau und den Weinskandal gesprochen.

"Freie Presse": Herr Bönsch, Sie verkaufen erst seit drei Jahren eigenen Wein und sind kaum bekannt. Dennoch empfiehlt sie der renommierte Weinführer Gault-Millau als einen von wenigen Winzern in Sachsen. Wie haben Sie das hinbekommen?

Stefan Bönsch: Mein Ziel war nicht, in den Gault-Millau zu kommen, sondern Menschen glücklich zu machen. Und dafür habe ich schon eine Menge Erfahrungen gesammelt in verschiedenen Weingütern. Ich weiß, was ich kann.

Aber Sie konnten doch nicht damit rechnen, vom ersten Jahrgang an Spitzenweine zu produzieren?

(Zögert erst und lacht dann) Nee, das nicht. Aber für mich steht Qualität ganz oben. Im Weinbau, im Keller, im Marketing bis hin zum Etikett. Erste Qualität, nichts ist billig.

Sie zählen sich zu den jungen Winzern in Deutschland, die den Weinbau gerade umkrempeln?

Umkrempeln ist zu viel. Ich zähle mich zu denen, die viele neue Ideen einbringen in den Weinbau, ja.

Ziel ist stets erste Qualität?

Ja. Deshalb kosten meine Weine auch zwölf bis 25 Euro für einen Spätburgunder.

Sie sind neu am Markt, haben hohe Preise - die Kunden kaufen trotzdem?

Ja, die Scheurebe gibt's jetzt schon nicht mehr, als letzter Wein ist der Riesling spätestens im Dezember, Januar ausverkauft. Klar, ein Luxusproblem. Ich gehe jetzt nicht in die weite Welt hinaus, um meinen Wein zu vermarkten. Ich verkaufe ihn privat, in wenigen Geschäften und einigen guten Restaurants. Aber ich will trotzdem dieses Jahr erstmals einen feinen, unkomplizierten Einsteigerwein auf den Markt bringen, einen weißen Cuvée-Wein.

Sie sind in unsere Winzerserie als Newcomer aufgenommen worden. Glauben Sie mir das?

Nee. Dafür bin ich mit 39 Jahren schon zu alt.

Sie hätten auch sagen können, dass Sie wegen des Weinskandals auf der Liste stehen.

Wegen des Pflanzenschutzmittels? Stimmt, das Thema hat mich schon sehr bewegt.

Erzählen Sie: Was ist passiert?

In Niederwartha habe ich Pflanzenschutzmittel gespritzt, aber das Fungizid "Switch" reichte nicht. Ich wusste, dass in einem Schuppen, den ich von einem Winzer übernommen hatte, alte Pflanzenschutzmittel standen. Darunter eine Dose mit dem handschriftlichen Etikett "Switch". Ich hab' gedacht, für die letzten 300 Quadratmeter nimmste das. Danach hatte ich schon ein schlechtes Gefühl und hab' den Berg extra ausgebaut. Den Wein hab' ich freiwillig zur Prüfung eingereicht. Und dann kam der Anruf ...

Das war mutig.

Mir war das wichtig. Das hat mir schlaflose Nächte gebracht, zumal das Thema ja hin und her getreten wurde. Ich habe nach dem Befund Hunderte Anrufe gemacht und gefühlt Tausende E-Mails geschrieben. Aber nach einigen Tagen war es überstanden, es ist wieder Ruhe eingekehrt. Und ich habe nur gut 200 Liter Wein verloren.

Wie haben die Kunden reagiert?

Die meisten haben das gar nicht mitbekommen. Wenn sie mich danach gefragt haben, bin ich offen und ehrlich damit umgegangen. Mich haben aber auch Kunden und neue Interessenten aus der Gastronomie angerufen, ob ich nicht liefern könnte.

Sie haben durch den Weinskandal neue Kunden gewonnen?

Mmmh. Ist jetzt nicht so schön, war auch nicht das Ziel, durch den Weinskandal bekannter zu werden. Ist aber so.

Was muss sich ändern?

Viele Winzer im Nebenerwerb haben in Sachsen nur kleine Flächen, oft nur eine Terrasse. Die Spritzmittel gibt es aber nur in großen Mengen. Es sollte dazu eine Ausgabe für kleine Mengen geben. Das sollte einer der großen Winzer übernehmen, der sich mit den Mitteln sehr gut auskennt.

Sie haben auf Ihre Homepage einen offenen Brief zum Weinskandal gestellt, bitten dort aber, daraus nicht zu zitieren. Warum das denn?

Ich finde, dass auch die Medien fahrlässig mit dem Thema Pflanzenschutz umgegangen sind. "Gift im Wein" war schon ein starkes Stück. Wir sprechen hier von einem Pflanzenschutzmittel-Rückstand, der nicht gesundheitsgefährdend ist. Deshalb bin ich skeptisch, was andere aus meinem Brief zitieren.

Ist aber nicht gerade der Sinn eines offenen Briefes. Zurück zum Wein. Warum engagieren Sie sich gerade dafür und brauen nicht zum Beispiel Bier?

Ich trinke gern abends auch ein kühles Bier. Aber Wein ist was Bodenständiges, mit sehr langer Tradition. Und es ist harte Arbeit. Jeder, der bei mir schon mal mitgemacht hat, sagt: Uh, anstrengend. Aber wenn die Zeile fertig entblättert ist oder die Triebe durchgesteckt sind oder es ist gesenst, dann genießt man abends, wenn Ruhe einkehrt, dieses geerdete Gefühl.

Wie viel Arbeit steckt denn in Ihren Weinbergen?

Ich kann von meinen drei Flächen allein noch nicht leben. Deshalb arbeite ich drei Tage die Woche im Keller von Winzer Martin Schwarz. Einen vierten Tag bin ich in Radebeul im Weinberg, einen fünften und sechsten in Niederwartha, den siebten in Meißen.

Sie planen mit der Sieben-Tage-Woche?

Ja, das geht nicht anders.

Aber nicht im Winter?

Dann ist es nicht viel anders. Da stehen wir auf den Weihnachtsmärkten, bringen die Technik in Ordnung und so weiter.

Das ist hart. Die Natur scheint Sie dieses Jahr wenigstens mit einem guten Jahrgang zu belohnen.

Es wird mindestens ein gutes Rotweinjahr: Die Tannine sind da, die Farbe auch. Die Sonne, die Trockenheit und die kühlen Nächte haben zu hoher Saftkonzentration der Trauben geführt.

Und die Menge stimmt auch?

Ja. Wenn es jetzt nicht tagelang regnet, bekommen wir ein sehr gutes Weinjahr.

Mit einer Scheurebe zum Meister

Stefan Bönsch, Jahrgang 1977, ging bei Wackerbarth in die Winzerlehre, dann ein Jahr auf ein Gut in Österreich. Die ersten Berufsjahre verbrachte er bei Wackerbarth, sammelte dort Erfahrungen im Labor und im Keller. Nebenbei stellte er eigenen Wein her - die Verwandten waren begeistert. 2011 machte er die Meisterprüfung als Küfer. Seine Meisterarbeit war die Herstellung einer Scheurebe, die sehr gut ankam. Bönsch merkte, dass er mehr kann und startete 2013 den Verkauf eigener Weine. Als Nächstes will er in seinem Heimatort Langebrück ein Weingut aufbauen.

Die Landesuntersuchungsanstalt für das Gesundheits- und Veterinärwesen (LUA) übernimmt die gesetzlich vorgeschriebene Laboruntersuchung von sächsischen Qualitäts- und Prädikatsweinen. Wer genauer wissen möchte, wie die Landesuntersuchungsanstalt arbeitet, kann sich am Sonnabend einen Einblick verschaffen. Mitarbeiter zeigen, wie sie Lebensmittelproben nehmen und auf gesundheitliche Unbedenklichkeit kontrollieren. Der Tag der offenen Tür bei der LUA, Sonnabend, 24. September, 10 bis 15 Uhr, Reichenbachstraße 71/ 73, 01217 Dresden.

Das kommende Wochenende wird ein Fest für Weinfreunde. Von Freitag bis Sonntag erwarten Radebeul und Meißen wieder Zehntausende Gäste.

Das Radebeuler Herbst- und Weinfest findet auf dem Dorfanger in Kötzschenbroda statt. Am Freitag ist der Eintritt frei, am Sonnabend und Sonntag zahlen Erwachsene zwischen fünf und neun Euro. Genaueres dazu auf www.weinfest-radebeul.de.

Für das Weinfest in Meißen verwandelt sich die historische Innenstadt in ein großes Festgelände. Das Programm unter www.meissner- weinfest.de. Der Eintritt ist frei.

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