Schatz im Stein

Nicht nur bei Affenhitze hilft Mineralwasser durch den Tag. Auf seine heilende Wirkung setzten schon die Altvorderen. Und: Das erste industriell gefertigte Mineralwasser kam aus Dresden!

Unser blauer Planet ist zu zwei Dritteln von Wasser bedeckt. Doch davon sind mehr als 97 Prozent ungenießbares Salzwasser. Und vom lebensnotwendigen Süßwasser ist der Großteil im Polareis und in den Gletschern der Welt gebunden. Deshalb zirkuliert nur ein geringer Teil des Süßwassers im ewigen Kreislauf zwischen Verdunstung und Niederschlag. Kostbar wird daher jenes Wasser, das in Gesteinsschichten hinab sickert und von ihnen gehalten wird. Dort reichert es sich mit wertvollen Mineralien an, wird zum je nach Quelle unvergleichlichen Mineralwasser. Seit jeher galt als glücklicher Finder, der solche Brunnen zum Fließen brachte.

Schon Germanen und Römer wussten den sprudelnden Schatz zu schätzen. Er war nicht nur geschmacklich interessant, sondern galt als heilkräftig. Aus den Provinzen transportierte man das Mineralwasser in Tonamphoren bis nach Rom, so kostbar wie beliebt war es. Weil es oft auch mit natürlichem Kohlendioxid angereichert war, nannte man das spritzige Nass auch "Sauerwasser". Auf seiner Grundlage entwickelten Heiler und Mediziner über die Jahrhunderte ausgeklügelte Trink- und Badekuren. Gezielt wurden Brunnen gesucht und kartografiert, erschlossen und zu Besucherattraktionen ausgebaut. So erwähnte der Wasserführer "Wolkenstein'scher Bad- und Wasserschatz" schon 1667 das Ronneburger Heilwasser, dessen Quelle erst viel später zur industriellen Gewinnung erweitert wurde. Eine zweite vogtländische Quelle, die in der Ortschaft Elster entsprang, gelangte zunächst nicht über eine lokale Bedeutung hinaus. Kenntnis von ihr gab es aber bereits seit etwa 1530. Ihr Wasser galt damals als Mittel gegen "böses Leibeswetter", wahrscheinlich also sollte es Blähungen lindern. Im 19. Jahrhundert schließlich erreichte sie überregionale Bekanntheit - sie wurde zum heute weithin bekannten Kur- und Badebetrieb ausgebaut.

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts stieg der Mineralwasserkonsum massiv an. Allerdings blieb natürliches Mineralwasser ein Luxusgut und darum den Wohlhabenden vorbehalten. Die Brunnen waren an ihren Standort gebunden und der Transport teuer. Denn die Quellen sprudelten in der Regel in den deutschen Mittelgebirgsregionen, lagen fern von den Städten, wo der Bedarf am größten war. Auf den langen Auslieferungswegen büßte das Wasser obendrein seine Qualität ein. Folglich tüftelten viele Apotheker, Chemiker, Ärzte daran, künstliches Mineralwasser herzustellen. Nachdem viele Generationen von Wissenschaftlern in zahlreichen Analyseversuchen herausfanden, was überhaupt drin ist im Wasser, konnte der nächste Schritt erfolgen: die künstliche Sättigung des Wassers mit Kohlensäure, damit es zum Getränk aller werden konnte.

Denn eine Besonderheit des Wassers war die Kohlensäure, eine Verbindung von Wasser mit Kohlendioxid. Kohlensäure konserviert das Wasser. Ihre leicht desinfizierende Wirkung führt dazu, dass das Wasser nicht eintrübt. Zudem stabilisiert sie die Mineralien. Der Gasgehalt des Wassers war den Menschen der Vergangenheit wohlbekannt, er hieß mitunter "gas silvestre", also Waldgas. Immer wieder fand man tote Vögel in Quellnähe, die durch Sauerstoffmangel erstickten. Ein derber Brauch nutzte diese Wirkung aus, die sogenannte Brunnenfege: Regelmäßig mussten Quellen von Ablagerungen gereinigt werden - diese Notwendigkeit entwickelte sich zum Brauch mit Volksfestcharakter, meist um Pfingsten herum. Junge Männer wurden zum Reinigen ausgewählt, und während sie mit ihrer Arbeit begannen, amüsierten sich die Schaulustigen darüber, dass sie regelmäßig ohnmächtig wurden, weil ihnen der Sauerstoff ausging. Sie mussten schnell am Seil nach oben gezogen werden. Da Kohlendioxid unfreiwillige Erektionen begünstigt, zog die Menge aus dem Spektakel noch größeren Spaß.

Für künstliche Mineralwässer ist das Gas unentbehrlich, weil es dafür sorgt, dass sich im Wasser mehr Mineralien befinden. Und dass Kohlensäure ins künstliche Mineralwasser kam, ist das Verdienst eines Dresdners. Friedrich Adolph August Struve hatte selbst von der Heilkraft des Wassers profitiert und wollte das zum Geschäft machen. So erinnerte er sich an seine erste Erfahrung mit dem Lebenselixier in Marienbad und Karlsbad: "Aber wer mahlt das Gefühl, das mich ergriff, das mich übermannte, als jeder neue Tritt mich lehrte, dass neue Kraft in den matten Fuß zurückgekehrt, dass der ununterbrochen nagende Schmerz gewichen sey."

Struve wurde 1781 in Neustadt bei Stolpen geboren, wo sein Vater eine Apotheke betrieb. Nach dem Besuch der Landesschule St. Afra in Meißen studierte und promovierte er in Leipzig und Halle in Medizin. Er siedelte nach Dresden über, übernahm dort die Salomonis-Apotheke, aus der seine Mineralwasserfabrik hervorgehen sollte. Nach einem Arbeitsunfall kam er mit der heilsamen Wirkung des Wassers auf Kurbesuchen in Berührung. Darauf wollte er auch in seiner Heimat nicht verzichten. Doch die Wasserlieferungen aus Böhmen entsprachen nicht seinen Vorstellungen. Also begann er zu forschen. Es sollte zehn Jahre dauern, bis er das Verfahren beherrschte, künstliches Mineralwasser herzustellen; also Wasser mit Mineralien anzureichern und zu versetzen. Seine Mühen führten schließlich zum Erfolg. Vor 200 Jahren schenkte er an ausgewählte Besucher zum ersten Mal sein Heilwasser in seinem in der Seevorstadt gelegenen Garten aus. "Struves Sächsisch konzessionierte Mineralwasseranstalt" eröffnete er 1821 schließlich am Apothekenstandort in Dresden.

Kunden konnten in dieser, einer Kuranstalt ähnlichen Einrichtung verschiedene täglich frisch hergestellte Wasser einnehmen. Arme erhielten ihre Ration kostenlos. Struves Angebot fand breiten Anklang, bald folgten Ableger in Leipzig und Berlin. Nach dem Tod des Wasserkünstlers 1840 wurde der Erfolg gar international, eröffneten Dependancen auch im englischen Brighton und russischen St. Petersburg. Für das Verdienst, die Struveschen Trinkanstalten aufgebaut zu haben, zeichnete der sächsische König ihn als Ritter des Königlich-Sächsischen Civilordens aus. Die aus dem Ursprungsbetrieb hervorgegangene Dr. Struve Mineralwasser KG wurde 1968 geschlossen. Doch Struves Werk ebnete den Weg für die industrielle Produktion von Mineralwässern - allein sein Wasser dürfte heute nicht mehr als Mineralwasser verkauft werden. Zwar ist es Unternehmen erlaubt, extra Kohlensäure zuzusetzen, ihr Wasser muss aber aus einem natürlichen, staatlich anerkannten Brunnen stammen.

Der Sprudelabsatz wurde allmählich zum Massenmarkt. Im Jahr 1970 lag der Pro-Kopf-Verbrauch in Deutschland noch bei gut 12 Litern, doch er stieg immer weiter an. Im Durchschnitt trank 2016 jeder 149 Liter. Regionale Brunnen haben 1,5-Liter-Discounter-Flaschen mittlerweile das Wasser abgegraben. Allerdings: Laut der Verbraucherzeitung "Stiftung Warentest" ist heute der Kauf von Mineralwasser theoretisch überflüssig. So wiesen jüngste Untersuchungen in stillen Mineralwässern häufig kritische Stoffe nach. Die Hälfte von 32 Produkten enthielt Krankheitserreger, Spuren aus Industrie und Landwirtschaft sowie andere problematische Stoffe. Und im vergangenen Jahr schnitten von 30 Mineralwässern mit Kohlensäure 17 mit der Bewertung "gut" ab, 11 waren "befriedigend" und zwei "ausreichend". Hingegen stießen die Prüfer in Leitungswasserstichproben nirgends auf bedenkliche Stoffmengen. Die strenge Trinkwasserverordnung erfüllt offenbar ihren Zweck und Leitungswasser ist noch immer das am besten geprüfte Nahrungsmittel. Man spart sich das Schleppen und die Plastik. Das ist praktisch und umweltfreundlich. Und hilft auch dem blauen Planeten.

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