TV-Köchin Sarah Wiener lehrt Sachsen das Kochen

Seit vielen Jahren zeigt sie Kindern mit ihrer Stiftung, dass gesunde Ernährung Spaß macht und schmeckt. Schon jede achte Kita arbeitet nach ihrem Programm.

Schnell die Tiefkühlpizza in den Ofen oder die Fertigsoße auf die Spaghetti: In vielen Haushalten wird Aufwärmen mit Kochen gleichgesetzt. Für Fernsehköchin Sarah Wiener ist das eine Horrorvorstellung. Seit vielen Jahren zeigt sie Kindern mit ihrer Stiftung, dass gesunde Ernährung Spaß macht und schmeckt. Zusammen mit der Barmer Ersatzkasse hat sie "Ich kann kochen!" gegründet - die größte Initiative für praktische Ernährungsbildung bundesweit. Am Freitag war Sarah Wiener in Dresden, um eine bekannte Politikerin zur sächsischen Botschafterin ihrer Initiative zu küren. Susanne Plecher sprach mit ihr über Kürbispizza, Übergewicht und Genussbotschafter.

Freie Presse: Wer darf sich Genussbotschafter nennen?

Sarah Wiener: Alle Erzieher, Lehrer und Sozialpädagogen, die unsere kostenlose Fortbildung genutzt haben und die Kinder in ihren Kitas, Horten und Grundschulen von klein auf für das Kochen mit frischen Lebensmitteln begeistern. In Sachsen sind das bisher fast 1700 Pädagogen aus 850 verschiedenen Einrichtungen. Jede achte Kita oder Grundschule hat einen Genussbotschafter. Und seit Freitag ist auch Verbraucherschutzministerin Barbara Klepsch Botschafterin von Ich kann kochen! Wir arbeiten in der praktischen Ernährungsbildung intensiv zusammen. Uns liegt am Herzen, dass Kinder die Kontrolle über den eigenen Körper und das Wissen über das Kochen verbinden. Das stärkt sie und trägt dazu bei, dass sie gesund groß werden und diese Fähigkeit später weitergeben können.

Warum finden Sie es so wichtig, dass Kindern das Kochen in Kitas beigebracht wird?

Im Familienalltag wird heute tatsächlich immer weniger gekocht. Da geht ein enormes Wissen über das Handwerk, Lebensmittel und Rezepte verloren. Und wenn wir mal kochen, soll es schnell gehen. Dann sind wir oft im Stress und haben nicht die Zeit, Kindern eine Kochstunde zu geben. Gleichzeitig nehmen immer mehr Kinder ihre Mahlzeiten in Kitas, Schulen und Horten ein. Deshalb ist das der richtige Ort, um viele Kinder aus den verschiedenen gesellschaftlichen Schichten zu erreichen. Sie lieben es, selbst zu kochen und sich kreativ zu betätigen. Hinzu kommt, dass Kochen nicht nur der Nahrungsaufnahme dient, sondern auch ein Gemeinschaftsgefühl schafft. Es ist Kommunikation und Teilhabe, hat mit Rechnen, Geschichte, Biologie zu tun.

Was kann man Kindern beim Kochen zu Hause zutrauen?

Man sollte schon kleinen Kindern in ihrem Geschmack und ihrer Kreativität vertrauen, sie etwas Neues ausprobieren lassen und auch beim Abschmecken ermutigen. Ab einem gewissen Alter kann man ihnen ruhig ein scharfes Messer in die Hand geben und zeigen, wie man damit schneidet. Wenn man ihnen etwas zutraut, dann sind Kinder viel sorgsamer. Sie fühlen sich ernst genommen. Da macht ihnen das Kochen noch mehr Spaß. Ein anderer wichtiger Punkt ist: Wenn ich als Kind Mühe und Liebe in ein Essen gesteckt und es selbst zubereitet habe, dann esse ich es auch mit Freude.

Die meisten Kinder bevorzugen Nudeln, Pizza und Burger. Ignorieren Sie diese Vorlieben?

Nein, wir nehmen diese Gerichte auch auf und bereiten sie mit gesunden Zutaten zu. Wir schauen uns einen Industrieburger an und machen selber einen frischen. Wir machen Fritten selbst aus Kartoffelspalten und bereiten eigenen Ketchup zu mit Honig, Äpfeln und Zwiebeln. Kinder dürfen ihre Pizza belegen, wie sie wollen. Manche greifen dafür zu dünnen Kürbisscheiben und grünen Bohnen. Sollen sie! Es geht darum, die Eigenverantwortung, das Selbstvertrauen zu trainieren und Kinder zu ermuntern, ihren Geschmacks- und Esshorizont auszudehnen. Sie sollen mutig, freudvoll und sinnlich kochen und essen.

Welche Rückmeldung gibt es von den Kindern?

Ihnen macht das Kochen großen Spaß. Sie möchten das am liebsten das ganze Schuljahr über machen. Sie kochen Rezepte zu Hause nach. Erzieher berichten, dass Kinder, die vorher kein Gemüse aßen, auf einmal zu einer Karotte greifen. Einige Schulen haben ihre Schulkioske auf nachhaltiges Vollwertessen umgestellt. Ich will das nicht überbewerten. Die Welt ändert sich nicht davon. Aber es geht darum, ein Samenkorn zu setzen, den Kindern zu vermitteln, dass sie keine Angst vor dem Herd haben müssen, dass sie wissen, wie man eine Pellkartoffel kocht, oder dass man Nudeln mit Wasser ansetzt.

Muss ich kochen können, wenn ich Genussbotschafter werden will?

Nein! Wir zeigen allen Interessierten in der Fortbildung die Grundlagen des pädagogischen Kochens - ganz praktisch, also auch in der Küche. Für viele Rezepte braucht es noch nicht einmal einen Herd. Jeder Pädagoge, auch wenn er oder sie nicht kochen kann, bekommt das hin. Im Anschluss können sie über Online-Module ihr Wissen vertiefen und beispielsweise mit ihren Kindern direkt einen Einsteiger-Kochkurs starten. Wir bieten auch Webinare, Rezepte und einen Selbstlernkurs an und starten bald eine Aufbaufortbildung.

In Sachsen gibt es mit Dresden, Leipzig, Chemnitz und Görlitz vier Schulungsorte. Sind weitere geplant?

Wir konzentrieren uns auf die gut angebundenen Städte. Aber Kommunen oder Träger können auch individuelle Fortbildungen vereinbaren. Wir kommen auch aufs Dorf.

Die Zahl übergewichtiger Kinder steigt. Frustriert Sie das?

Ach, es gibt viel mehr ernährungsbedingte Erkrankungen als die offensichtlichen: Hauterkrankungen, Allergien, Altersdiabetes bei jungen Menschen. Sie nehmen alle zu. Das liegt an unserer schwerst bearbeiteten Nahrung und dem Bewegungsmangel. Man darf nicht schauen, was schlecht ist, sondern muss jeden kleinen Erfolg feiern. Wir haben mit unserer Initiative bislang fast 13 Prozent aller Kitas und Grundschulen in Sachsen erreicht. Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann würden wir Ernährungsbildung und Kochkurse für alle Kinder ins Bildungsprogramm aufnehmen.

Die Initiative

Mit Ich kann kochen! haben sich bislang insgesamt 18.600 Erzieher, Lehrer, Pädagogen weiterbilden lassen.

Die Fortbildung ist kostenlos und dauert einen Tag. Vermittelt werden alle Infos, um direkt mit Koch- und Ernährungskursen starten zu können.

Vorgestellt werden rechtliche und hygienische Grundlagen, Grundsätze der gesunden Ernährung und Methoden. Es wird gekocht und verkostet.

Die Barmer bietet Teilnehmern bis zu 500 Euro Anschubförderung für Projekte zur gesunden Ernährung.

Nächste Termine: 11. 12. Dresden; 30.1. 2020 Leipzig; 18.6. 2020 Görlitz

http://www.ichkannkochen.de

Sarah Wiener


Die 57-Jährige ist Köchin, Autorin und Politikerin. Sie wurde in Halle/ Westf. geboren und wuchs in Wien auf. Seit 2019 sitzt sie als Parteilose für die österreichischen Grünen im EU-Parlament.

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