Irritation am Wurstregal

Ein Testeinkauf zeigt, dass Sächsischer Leberkäse aus Zerbst stammen und Flensburg mit dem Dresdner Zwinger werben darf.

Hans-Wolfgang Mögel aus Dresden steht vor dem Kühlregal einer Kaufland-Filiale und schaut ratlos auf eine Packung Wurst. "Das ist ein Sächsischer Leberkäse, aber die Firma heißt Zerbster. Zerbst liegt in Sachsen-Anhalt. Was gilt denn nun?", fragt er. Mögel kauft gern regionale Produkte, findet es aber oft nicht leicht, sie zu erkennen. Die "Freie Presse" hat ihn mit Lebensmittelexpertin Birgit Brendel von der Verbraucherzentrale Sachsen beim Einkaufen begleitet. Gemeinsam wollen sie prüfen, wie Fleisch und Wurst gekennzeichnet sind und ob immer Region drin ist, wo Region draufsteht. "Die Angaben sind auf den ersten Blick widersprüchlich", sagt Verbraucherschützerin Brendel. Sie erklärt, dass sich die regionale Zuordnung in diesem Fall auf die Rezeptur bezieht und nicht auf das Bundesland. Ist ein Leberkäse sächsisch, enthält er traditionell Schweineleber. Ein bayerischer muss das nicht. "In Bayern leitet sich der Name von Leiberl ab, von der Form des Fleischkäseleibes", sagt sie. Echte Leber hat so ein bayerischer Leberkäse nie gesehen. "Ich finde das verwirrend", sagt Mögel.

Beim Blick auf das Kleingedruckte verstärkt sich die Irritation. Laut Gesetz muss auf der Verpackung von Wurst und Fleisch lediglich die Adresse des Herstellers oder des In-Verkehr-Bringers stehen. "Leider sagt die meist nur etwas darüber aus, wo sich der Hauptfirmensitz befindet, nicht aber, wo das Produkt wirklich erzeugt wurde", sagt Brendel. Mögels Leberkäse wurde unter dem Markennamen "Zerbster" aber von der Chemnitzer Wurstspezialitäten GmbH produziert. Vom Herstellungsort und der Rezeptur her ist er also doch ein Sachse. Aber woher die Rohstoffe dafür stammen, geht aus der Verpackung nicht hervor. Rein theoretisch könnten sie aus jedem Land der Welt zugekauft sein.

Eine Nachfrage beim Hersteller schafft Klarheit: Das Unternehmen bezieht die Schweine überwiegend vom Schlachthof Weißenfels. "Der kauft das Vieh zu 90 Prozent im Umkreis von 150 Kilometern ein", so Sprecher André Vielstädte. Das deckt weite Teile Sachsen-Anhalts, Thüringens, Brandenburgs und Sachsens ab. Für Hans-Wolfgang Mögel ist das in Ordnung. Der Sächsische Leberkäse geht für ihn als regionales Produkt durch, selbst wenn das Schwein, das dazu verarbeitet wurde, in Mecklenburg geboren und in Brandenburg gemästet worden wäre. Der 75-Jährige definiert den Begriff Regionalität meist in Bezug auf Sachsen, ordnet aber auch Erzeugnisse darunter ein, die in Ostdeutschland hergestellt wurden. "Das sehen viele Leute in der Altersklasse so, während für die Jüngeren ,regional' tatsächlich das Umland ihrer Stadt oder eine geografische Region wie das Erzgebirge oder die Lausitz umschreibt", sagt Brendel.

Rentner Mögel isst wenig Fleisch, gelegentlich ein Schnitzel oder Beefsteak. Das kauft er bei seinem lokalen Fleischer ein und gibt auch gern etwas mehr dafür aus. Dass die Rohstoffe tatsächlich von Tieren aus der Region kommen, setzt er voraus. Bei der Verbraucher- und Marktstudie "Wie regional is(s)t Sachsen?", die das sächsische Landwirtschaftsministerium im Oktober veröffentlicht hat, gaben praktisch alle befragten Fleischer an, zumindest teilweise ihre Schlachttiere, Fleisch oder Fleischwaren aus dem Freistaat zu beziehen. Sei man unsicher, wie das der eigene Fleischer handhabe, solle man ihn einfach fragen, rät Brendel.

Aber wie ist das bei den Wurst- und Fleischtheken in Supermärkten? Wir erkundigen uns bei Rewe in Dresden. "Unsere Schweinefleischprodukte beziehen wir von Dürrröhrsdorfer aus der Sächsischen Schweiz", sagt Fleischer Andreas Schack. Die Ware in der Frischetheke ist mit entsprechenden Schildchen versehen. Woher die Fleischerei ihr Schlachtvieh bezieht - darauf gibt es keinen Hinweis. Auch hier hilft die Nachfrage beim Erzeuger weiter: "Unsere Fleischprodukte in den Theken stammen zu 100 Prozent aus der Region", sagt Stephanie Ehrentraut von Dürrröhrsdorfer. Die Firma kauft die Schweine von sächsischen Mastbetrieben und die Rinder vom Stolpener Landhof.

Birgit Brendel inspiziert die Fleischauslagen bei Rewe. "Es gibt viele freiwillige Angaben", sagt sie und deutet auf ein eingelegtes Rindersteak. Ein Fähnchen verrät, dass das Fleisch aus Irland kommt. Diese Information müsste der Markt gar nicht geben. Zwar muss seit der BSE-Krise auf dem Fleisch von Rindern und Kälbern - egal, ob verpackt oder lose - gekennzeichnet sein, in welchem Land das Tier geboren, gemästet und geschlachtet wurde. Aber das gilt nur für unverarbeitetes Fleisch. Das ändert sich schlagartig, sobald das Fleisch mariniert oder gewürzt wird. Dann sind gar keine Herkunftsangaben mehr vorgeschrieben. "Es reicht schon aus, dass jemand etwas Salz darüber streut", sagt Brendel. Bei frischem, gekühltem oder eingefrorenem verpacktem Fleisch von Schwein, Schaf, Ziege oder Geflügel muss das Geburtsland des Tieres nicht genannt werden, wo es aufgezogen und geschlachtet wurde hingegen schon. Komplett im Dunkeln darf die Herkunft bleiben, wenn das Fleisch unverpackt ist oder verarbeitet wurde, zum Beispiel zu Leberkäse. Hinweise auf regionale Erzeugung sind nicht vorgeschrieben.

Vielen Kunden ist das zu wenig transparent. Um ihnen mehr Gewissheit zu geben, reagieren Firmen und Handelsketten mit freiwilligen Angaben, die über die gesetzliche Deklarationspflicht hinausgehen. Aldi Nord zum Beispiel hat den Transparenzcode ATC eingeführt. Wir finden ihn auf einem "Wildkräuter-Lendchen" der Firma "Lecker Lausitz". Das Logo verspricht ein regionales Produkt. Der Code, gescannt mit dem Smartphone, verrät, dass das Lendchen von einem deutschen Schwein stammt, das in Bochum geschlachtet und zerlegt und in Weißwasser verarbeitet wurde. Regional ist in diesem Fall der letzte Schritt der Produktionskette.

Wir schauen weiter. Im Frischeregal von Netto wirbt die Firma "Gut Ponholz" mit dem Spruch "So schmeckt die Heimat". Das Kochfleisch vom Rind wurde aber in Nordrhein-Westfalen verpackt. Die im thüringischen Schmölln ansässige Firma "Wolf" verspricht auf ihrem Kochschinken "Bestes von uns daheim". Gehört das alles noch zur Region? Die Verbraucherschützerin sieht das kritisch. "Bei diesen Werbesprüchen assoziiert man eine regionale Herstellung. Kunden erwarten, dass die Produkte aus ihrem Umland stammen und werden damit oft in die Irre geführt. Rechtlich sind die Slogans jedoch in Ordnung." Schmölln liegt 119 Kilometer von Dresden entfernt. Für Mögel gehört es durchaus zur Region. Kauft er abgepackte Wurst, greift er gern zu den Erzeugnissen dieser Firma.

Sein Verständnis endet aber beim nächsten Produkt, einem Dosen-Ragout fin der Firma "Sachsenkrone", gefunden bei Netto. Der Hersteller schmückt seinen Namen mit dem Kronentor des Dresdner Zwingers. Ein Blick auf das Kleingedruckte lässt Mögel verblüfft auflachen. Das Ragout fin wurde in Flensburg hergestellt. "Ist das Verbrauchertäuschung?", will Mögel wissen. "Nein. Das ist eine Wort-Bild-Marke, die vom Markenrecht geschützt ist", erklärt Brendel. Der Name des verwendeten Ortes muss dann nicht zwangsläufig etwas mit der Herstellung oder Vermarktung des Produktes zu tun haben. Die Sachsenkrone von der Nordsee mag zwar Verbraucher an der Nase herumführen, bricht aber kein Recht.

Der Testkauf zeigt: Die Kennzeichnungspflichten reichen bei Wurst und Fleisch nicht aus, um Regionales klar zu identifizieren. Das lässt Kunden oft ratlos zurück.

Im nächsten Teil lesen Sie: Wie viel Region steckt wirklich in Brot und Brötchen?

Diesen Siegeln können Sie vertrauen

Lebensmittel aus der Region sind ein Megatrend im Einzelhandel. Jeder zweite Sachse kauft sie bevorzugt ein. Um ihre Kunden auf Erzeugnisse aus der Heimat aufmerksam zu machen, haben die meisten Supermärkte und Discounter eigene Herkunftszeichen erfunden - und dafür eigene Standards und Kontrollmechanismen definiert. Doch die Vielzahl verwirrt oft mehr, als dass sie hilft.
Bayern, Baden-Württemberg und Hessen haben mit dem Label "Geprüfte Qualität" jeweils eigene staatlich geprüfte Herkunftszeichen entwickelt. In Sachsen ist ein solches Siegel nicht geplant, so Umweltminister Thomas Schmidt (CDU), weil es bereits so viele Regionalkennzeichnungen gebe. Man baue auf das bundesweite Regionalfenster, das im Freistaat bislang allerdings kaum bekannt ist. Auch die EU hat Gütezeichen entwickelt, um traditionelle regionale Spezialitäten zu schützen. Diese vier Siegel unterliegen strengen Kontrollen. rnw/sp

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