"Vergessen Sie alle Ernährungsregeln"

Uwe Knop bricht in seinem neuen Buch mit Vorschriften, spricht Übergewichtige frei und verkündet simple Lösungen.

Die Botschaft klingt verlockend: Ernährungswissenschaftler Uwe Knop will den Deutschen "zum besten Essen aller Zeiten" verhelfen - mit seinem am Freitag erschienenen Buch. Unter einem solchen Superlativ geht es heute nicht mehr. Denn die Läden sind voll von Ernährungsratgebern, die mehr Gesundheit und ein längeres Leben versprechen. Knops "Körpernavigator" dagegen ist ein Lehrbuch, das mit allen Lehren bricht. Die Kernthese: Vergessen Sie alle Ernährungsregeln. Denn gesunde Ernährung macht nicht gesund und schlank und ungesundes Essen nicht dick und krank.

Knop versichert, für diese Erkenntnis 5000 Ernährungsstudien aus den Jahren 2007 bis 2019 ausgewertet zu haben. Er wolle Schluss machen mit verkürzten Ergebnissen wie Wurst ist böse, vegetarisch gesund und vegan rettet die Welt. Schluss mit dem Glaubenskrieg ums Essen, der einzelne Lebensmittel zum Feind erklärt und in das paradoxe Credo mündet: "Je mehr ich weglasse, desto mehr gibt mir die Ernährung." Dabei geht der 47-Jährige hart mit der Wissenschaft ins Gericht, die er einst studierte. "Ernährungsforschung ist ein Blick in die Glaskugel", sagt er. Sie sei kannibalisch. Denn was heute gelte, werde morgen gefressen.

Tatsächlich sind viele Menschen verunsichert, was sie denn noch essen und trinken können. Mal verlängert Rotwein das Leben, mal erhöht er das Todesrisiko. Keine Studie ohne Gegenstudie. "Kein Wunder", sagt Knop. "Denn es gibt keine wissenschaftlichen Beweise, dass gesunde Ernährung die Gesundheit erhält oder gar fördert. Es gibt nicht mal gesichertes Wissen, was gesunde Ernährung überhaupt sein soll."

Ursache dafür ist laut Knop, dass die Ernährungsforschung auf Beobachtungsstudien beruht. Die liefern zwar statistische Zusammenhänge - wie "die Rotweintrinker haben im Versuch länger gelebt als die Nichtrotweintrinker" -, aber keine Beweise für Ursache und Wirkung: Lag es am Rotwein oder am Lebensstil, weil Rotweintrinker vielleicht mehr Geld, höhere Jobs oder eine bessere Gesundheit haben? Knop: "Menschen konsumieren tausende chemische Verbindungen, und das alles bei individuellen Faktoren wie Genetik, Stoffwechsel, Alter und Umwelt. Wie will man aus dieser Komplexität Kausalaussagen zu einzelnen Lebensmitteln oder gar Inhaltsstoffen wie Fetten extrahieren?"

Die Ernährungsforschung leidet laut Knop noch unter einem anderen Problem. Für belastbare Ergebnisse müssten die Studienteilnehmer zufällig über eine längere Zeit in Gruppen verteilt werden. Doch wer lässt sich schon vorschreiben, dass er zehn Jahre lang kein Fleisch mehr essen darf, weil er in die Vegetariergruppe gelost wurde oder gar umgekehrt. Zudem basieren die Mengen der verzehrten Lebensmittel auf Eigenangaben. Und dabei wird gern auch mal geschummelt.

Hinzu kommt, dass Studienergebnisse oft selektiv dargestellt, bewertet und interpretiert werden. Das funktioniert ganz einfach, sagt Knop und nennt ein Beispiel: Laut WHO haben die Schweizer mit 83 Jahren die höchste Lebenserwartung in Europa. Gleichzeitig werden in der Schweiz pro Kopf die meisten Schokoladenerzeugnisse in Europa konsumiert. "Da reizt es doch zu frohlocken: Schweizer Schoki verlängert das Leben!"

Was nach der Generalschelte für seine eigene Branche folgt, liest sich ein bisschen wie ein Freispruch für Übergewichtige. Knops Wortwahl passt dabei in die Zeit des Populismus. Ernährungsempfehlungen wie "fünf Portionen Obst und Gemüse am Tag" seien "staatliche Bevormundung" und "Propaganda auf Basis von Volksverblendung", schreibt der Autor, der inzwischen Pharma- und Medizin-PR macht und weiß, wie er Botschaften massenwirksam verkauft. Er erteilt Zucker, Fast Food und tierischen Fetten die Absolution. Vegetarische und vegane Ernährung seien Moden, die mehr der Profilierung der Persönlichkeit als der Gesundheit dienten. Werbeverbote für Kindersüßigkeiten, die Nährwertampel oder eine Limosteuer lehnt er nicht nur ab, sondern bezeichnet sie als "Zwangsmaßnahmen". Die Ernährungspyramide der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) sei absurd und der Body- Maß-Index, der Menschen in Normal- und Übergewichtige einteile, Willkür. Übergewicht habe viele Ursachen: zum Beispiel die Gene, Stoffwechselstörungen, Darmbakterien, Medikamente, Schlafprobleme, sozialer Status und Bildungsgrad. Der Standardrat, "weniger essen, mehr bewegen", helfe oft nicht dauerhaft.

Statt lebenslang gegen seinen Körper zu kämpfen, empfiehlt Knop eine einfache Lösung: in den eigenen Körper vertrauen und auf ihn hören. Soll heißen: wieder Gefühle für Hunger, Lust, Sattheit und Verträglichkeit zu entwickeln. Dabei unterscheidet er zwischen emotionalem und echtem Hunger. Der emotionale aus Stress, Frust, Einsamkeit, Traurigkeit oder Langeweile mache dick. Doch wenn der Magen knurrt, könne man alles essen, worauf man Appetit hat. Nichts ist verboten, was man verträgt. Jeder soll für sich allein entscheiden, wann, was und wieviel er isst - das beste Essen aller Zeiten also.

Und was sagt die wissenschaftliche Fachgesellschaft, die DGE, dazu? Die Kritik an vielen Studien kann Sprecherin Antje Gahl nachvollziehen. "Deshalb empfehlen wir ja auch nicht einzelne Lebensmittel", sagt sie, "sondern Gruppen wie Obst und Gemüse oder Vollkornprodukte, die das Risiko von bestimmten Krankheiten minimieren. Das heißt aber nicht, dass jemand nicht krank werden kann, der regelmäßig so isst." Entscheidend - und das sei wissenschaftlich belegt - sei eine ausgewogene Ernährung. Was das bedeute, zeige die Ernährungspyramide.

Dass Ausgewogenheit und die richtige Menge wichtig sind, streitet letztlich auch Knop nicht ab. Nur: Mit Polemik konsumieren sich Ernährungsweisheiten natürlich unterhaltsamer. Zitat: "Wenn eine Studie behauptet, Tomaten verkürzen das Leben, dann ist der Rückgang der Storchenpopulation für die sinkende Geburtenrate verantwortlich."

Bewertung des Artikels: Ø 4.4 Sterne bei 5 Bewertungen
4Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 3
    3
    MuellerF
    21.07.2019

    Alles klar, ein Pharmalobbyist verdammt gesunde Ernährung - keine weiteren Fragen!

  • 5
    2
    Pixelghost
    21.07.2019

    Im Gegensatz zu unseren Vorfahren sehe ich nur sehr selten - eigentlich gar keine - Mitmenschen auf Bäumen herumklettern.
    Aber die Angst, dass die Äste das Gewicht nicht halten, bringt viele von der in uns schlummernden Fähigkeit ab.

    Es liegt wohl eher daran, dass wir uns alles immer leichter machen.

    Für den Weg zum Geldautomaten parkt man direkt vor dem Eingang zum Gebäude, obwohl die gekennzeichneten Parkplätze keine 10 Meter entfernt sind. Und man ist nicht behindert - körperlich jedenfalls nicht.

  • 1
    10
    mathausmike
    21.07.2019

    @DrHDL stammt vom Affen
    ab :-) ,vielleicht ist er deshalb so gern Bana-
    nen. (*_*)
    1.Mose 27:"Und Gott schuf den Menschen..."!

  • 4
    4
    DrHDL
    20.07.2019

    Der frei lebende Affe frisst, was ihm schmeckt und das bei jeder Gelegenheit. Haben wir nicht die gleichen Vorfahren? Ich habe im Fernsehen jedenfalls noch nie einen abartig fetten Affen gesehen.
    Es liegt daher wohl doch am ungezügelten Bedürfnis und an der unerschöpflichen Angebotsverführung, wenn Menschen übermäßig fett werden.
    Zur zitierten Aussage der "wissenschaftlichen" Fachgesellschaft kann man nur hinzufügen, dass sie ja ein wirklich hohes Niveau ihrer vermeintlichen Fachwissenschaft zum Ausdruck bringt, etwa so wie es gewisse Wetterpropheten (z.B. Dominik Jung) mit ihrem Wissen tun: "Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ..."



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