Für Olympia nun extrem motiviert

Für die Turn-Asse Pauline Schäfer und Andreas Bretschneider vom KTV Chemnitz verlief das bisherige Wettkampfjahr alles andere als optimal. Die Heim-WM stachelte den Ehrgeiz neu an.

Chemnitz.

Die Enttäuschung rückt mehr und mehr in den Hintergrund, das große Ziel dafür stärker in den Blickpunkt. Pauline Schäfer und Andreas Bretschneider erlebten in den vergangenen Monaten sportlich mehrfach frustrierende Momente. Jedoch war für das Duo, das privat liiert ist, Aufgeben nie ein Thema. Auch die Heim-WM in Stuttgart Anfang Oktober gab ihnen, obwohl sich diese für die zwei Chemnitzer Turner völlig anders als ursprünglich geplant gestaltete, neue Zuversicht für die Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 2020. Wie in Rio 2016 versuchen sie nun alles, um erneut gemeinsam zum deutschen Team zu gehören.

"Das Balkenfinale war bei der WM definitiv machbar. Sehr ärgerlich, dass ich es nicht geschafft habe. Aber ich habe während des Zuschauens bei anderen einige Sachen gesehen, die ich vielleicht in meine Übung einbauen kann, um weitere Zehntel mehr zu bekommen", berichtete Pauline Schäfer, die am Schwebebalken 2017 WM-Gold und 2015 WM-Bronze gewann. In Stuttgart hatte sie in der Qualifikation gepatzt. Sie schaffte es an jenem Tag nicht, mit einer für sie "total ungewohnten Situation" fertig zu werden. Zunächst in der Rolle der Ersatzfrau erfuhr sie einen Tag vorher von ihrem Einsatz. Im Rahmen des Vierkampfes bekam sie zudem nur diesen einen Start. "Das war nicht so ohne für mich, zumal ja vor allem die Punkte für das Team dranhingen. Der Druck war doppelt groß, die Aufregung enorm. Und dann klappte gleich der Anfang nicht so", blickte die 22-Jährige während einer Trainingspause in dieser Woche noch einmal kurz zurück. Bei Saisonhöhepunkten in der Vergangenheit hatte sie dabei schon mehrfach, wenn es darauf ankam, besondere Nervenstärke bewiesen.

Vielleicht fehlte ihr dieses Mal die hundertprozentige Sicherheit, nachdem sie sich in den zurückliegenden Monaten nicht immer optimal vorbereiten konnte. Lange Zeit hatte sie mit Fußproblemen zu kämpfen, die auch die Ursache für den Verzicht auf die WM 2017 waren. Auf diese Charaktereigenschaft kann sie hoffentlich in Zukunft wieder bauen. Ihr Freund bewundert und beneidet sie um diese Fähigkeit. Denn Andreas Bretschneider schaffte es bislang eher selten, sein vorhandenes Potenzial in den entscheidenden Momenten abzurufen. Oft war es für ihn zusätzlich schwierig, da er sich nach verletzungsbedingten Rückschlägen immer wieder herankämpfen musste. Immerhin stehen am Reck u. a. zwei WM-Finaleinzüge (2015: 5.; 2013: 6.) sowie vier Weltcupsiege in Cottbus zu Buche.

Seinen absoluten Tiefpunkt erlebte er bei den Deutschen Meisterschaften im August, als er nach mehreren groben Fehlern auf einem undiskutablen 19. Rang landete. An der zweiten WM-Qualifikation durfte er nicht mehr teilnehmen. Ein Antrag, wegen der längeren Zwangspause nach seiner Achillessehnenoperation ein zweite Chance zu erhalten, wurde abgelehnt. Nun muss er sogar am Qualifikationswettkampf für den Kaderstatus teilnehmen, um ein entsprechendes Ergebnis zu präsentieren. Einen Bonus für den langjährigen Auswahlakteur gibt es nicht. "Ich bin auf einem guten Weg, habe zuletzt in der Bundesliga zweimal alle meine Übungen fehlerfrei gezeigt", erzählte der Schützling von Trainer Sven Kwiatkowski, der nach einer schwierigen Phase wieder angriffslustig wirkt. Sein Optimismus basiert auch darauf, dass ihm am Wochenende für den KTV Straubenhardt die beste Reckübung seit 2017 - einschließlich seines kreierten hochkarätigen Elementes (Doppelsalto mit zwei Längsachsendrehungen) gelang. Mit 14,90 Punkten bewerteten die Kampfrichter diesen Auftritt. Für die gleiche Note gab es in Stuttgart WM-Gold. Ein Vergleich, der sicher hinkt, aber trotzdem Mut macht. Mit viel Wehmut, aber sehr intensiv hatte der 30-Jährige diese Entscheidung an seinem Paradegerät von der Tribüne aus verfolgt. "Ich könnte da absolut wieder mit dabei sein, habe auch den entsprechenden Ausgangswert", schätzt Andreas Bretschneider ein.

Seine Hoffnungen und die seiner Partnerin begründen sich zudem auf den Nominierungskriterien des DOSB für Olympia. Einzelleistungen an den Geräten, die Final- oder gar Medaillenchancen prognostizieren, könnten das Ticket für Tokio bringen. Pauline Schäfer, die beim KTV ihr Programm inzwischen unter Anleitung von Coach Kay-Uwe Temme absolviert und ebenso mit einem eigenem Element an ihrem Paradegerät im internationalen Regelwerk verankert ist (Seitwärts-Salto mit halber Drehung), bestreitet am Sonnabend ihren ersten Wettbewerb nach der WM. In der Damen-Bundesliga geht sie für den MTV Stuttgart an die Geräte. Wie die Herren nutzt auch sie die Möglichkeit, im Team für einen anderen Verein zu starten. Nunmehr besteht die Chance, dass das Duo im Finale am 30. November gemeinsam den Deutschen Meistertitel bejubelt. Denn ihre Mannschaften gehören jeweils zu den Favoriten. Eine sicher schöne Zugabe nach einer vertrackten Saison, die die Chemnitzer mit einem gemeinsamen Kurzurlaub über den Jahreswechsel beenden werden. Im Januar beginnt dann der Countdown für Tokio.

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