Leichtathletik-EM 2018: Familie Hendel ist nicht zu bremsen

Sieben Asse aus der Region sind in Berlin vom 6. bis 12. August mit von der Partie, so viele wie seit der Wende nicht mehr. Dazu gehören Titelverteidiger und Medaillenkandidatinnen, aber auch hoffnungsvolle neue Gesichter - wie ein junger Vater aus Reichenbach.

Reichenbach.

Kristina Hendel stupst ihren Mann in die Seite und sagt grinsend: "Er war damals ein bisschen dick." Auch Sebastian Hendel muss lächeln: "Ja, als Kind hatte ich nicht viel Talent für die Leichtathletik. Mein Vereinspräsident und mein damaliger Trainer sagen heute noch, dass sie nie gedacht hätten, dass aus mir mal etwas wird - geschweige denn Deutscher Meister." Wie man sich irren kann. Denn in diesem Jahr war der Reichenbacher sowohl über 10.000 als auch über 5000 Meter nicht zu bremsen. Über die längere Strecke knackte Sebastian Hendel zudem die EM-Norm und vertritt die deutschen Farben in Berlin. "Mit einem TopTen-Platz wäre ich sehr zufrieden. Auf jeden Fall gehe ich mit der Einstellung rein, mein Bestes zu geben. Wenn ich also 30. werde und im Ziel umfalle, dann bin ich trotzdem glücklich", blickt der 22-Jährige von der LG Vogtland auf sein bisheriges Karriere-Highlight voraus.

Ein klein bisschen getrübt ist die Freude trotzdem. Kristina und Sebastian wollten im Olympiastadion eigentlich als Athletenpaar dabei sein. Doch der letzte Versuch der zierlichen, 1,65 Meter großen und nur 49 Kilogramm schweren Kroatin, die EM-Norm über 3000 Meter Hindernis zu knacken, ging schief. Beim Meeting in Karlstadt passte es bei 30 Grad Celsius und dem verletzungsbedingten Ausfall der Tempomacherin nicht. Traurig kam die 22-Jährige aus Schweden zurück.

Ein kleiner Traum ist passé. Der große, gemeinsam bei Olympia 2020 in Tokio anzutreten, lebt weiter. Dafür kämpfen sie faktisch vom Start weg. Kennen und lieben lernten sich die beiden beim Studium in den USA, am Iona College in New York. "Als wir uns gefunden hatten, waren wir schnell unzertrennlich. Es dauerte nur eine Woche, dann stand eine Extrazahnbürste bei mir", erzählt Sebastian Hendel. Das war im dritten Semester - zwei Monate später stellte Kristina fest, dass sie schwanger ist. "Erst waren wir geschockt", gibt sie lächelnd zu.

"Es war eine schwierige Zeit, plötzlich hatten wir eine ganz andere Verantwortung. Aber wir waren uns von Anfang an sicher, dass es etwas Besonderes ist, und wollten das Kind", blickt der Student für Wirtschaftsingenieurwesen zurück. Mit Hilfe der Eltern wurde die Hochzeit in Zagreb sowie eine Wohnung in Reichenbach organisiert - und jeder Euro gezählt. "In dem einen Raum standen ein Bett und ein Sofa, das war es", erinnert sich Kristina Hendel. Die junge Frau musste sich schnell einleben, Neues lernen - und meisterte es. Am 12. Oktober 2016 brachte sie Jonathan, einen gesunden, munteren Jungen, zur Welt.

"Sie ist super dickköpfig", sagt der mehrfache Deutsche Jugendmeister über 3000 und 5000 Meter über seine Frau, die zur Verwunderung der Hebamme bereits in der Klinik mit kleinen Übungen anfing. Kaum entlassen, ging sie in den Stillpausen ins Fitnessstudio und begann vier Wochen später mit lockeren Läufen. Das Babysitten übernahm dann der Vater. "Da hat uns auch die Kinderärztin eine Standpauke gehalten", meint dieser mit einem Schmunzeln. Doch die Mutter, ebenfalls mehrfache Titelträgerin in ihrem Heimatland, war nicht zu bremsen. "Nach zweieinhalb Monaten war ich in der Form wie vor der Schwangerschaft", berichtet die gelernte Kosmetikerin. Sechs Monate nach der Geburt wurde Kristina Hendel Kroatische Meisterin über 10.000 Meter und qualifizierte sich wie ihr Mann für die U-23-EM.

Kein Zweifel, diese Zeit war anstrengend, doch inzwischen warten neue Herausforderungen. "Wenn einer von uns ausgepowert vom Training kommt, muss er eben trotzdem mit auf den Spielplatz, anstatt sich aufs Sofa zu hauen", sagt Sebastian Hendel, der im Herbst 2016 wieder mit dem Training angefangen hatte. "Damals wusste ich nicht, ob ich es schaffe, Familie, Studium und Sport unter einen Hut zu bekommen, wer das alles finanziert und ob ich wieder auf ein hohes Level komme", meint der Läufer, der von Vater Udo betreut wird. Ein wichtiges Puzzleteil in einem Umfeld, das sich im Wesentlichen aus den Familien, dem Verein, Sponsoren, Freunden und Bekannten zusammensetzt und funktioniert. "Inzwischen können wir vom Sport halbwegs leben", sagt der zweifache Meister dankbar.

Mit diesen Titeln hat sich Sebastian Hendel quasi selbst einige Antworten gegeben. Ja, der Langstreckenspezialist, der unter der Woche 140 bis 180 Kilometer abspult, ist leistungsmäßig noch nicht am Ende. Ja, Kristina und Sebastian Hendel bekommen alles gut unter einen Hut - besonders die Familie und das Laufen. "Ein Kleinkind und Leistungssport, das ist nicht zu unterschätzen", sagt Sebastian Hendel und fügt mit Blick auf seine Frau an: "Aber es gibt auch nichts Schöneres."

 

Europäische Bestenliste (10.000 m): 1. Ringer (Friedrichshafen) 27:36,52 , ... 40. Hendel 28:44,68. Start: 7. 8.: Finale (20.20 Uhr).

EM-Infos

Die Mannschaft: Fünf Titelverteidiger im deutschen Team

Mit 126 Athleten (65 Männer/61 Frauen) ist die deutsche Mannschaft für die Heim-EM in Berlin (6. bis 12. August) groß wie nie zuvor beim kontinentalen Championat aufgestellt. Angeführt wird das Team von den aktuell drei besten Speerwerfern der Welt: Olympiasieger Thomas Röhler (Jena), Weltmeister Johannes Vetter (Offenburg) und dem Meister Andreas Hofmann (Mannheim). Titelverteidiger von Amsterdam 2016 sind zudem: Kugelstoßer David Storl (Leipzig), Dreisprung-Ass Max Heß (Chemnitz), Hürdensprinterin Cindy Roleder (Halle), Hindernisläuferin Gesa Felicitas Krause (Trier) und Kugelstoßerin Christina Schwanitz (LV 90). (tt)

Die Ziele und Gegner: Cheftrainer sieht Zürich als Maßstab

Für Idriss Gonschinska, den Cheftrainer der deutschen Leichtathleten, sind die EM 2014 in Zürich und die dort gewonnenen acht Medaillen (4 Gold/1 Silber/ 3 Bronze) die Vergleichswerte für Berlin - und nicht die 16 Edelplaketten von Amsterdam 2016. "Eine EM vor Olympischen Spielen ist nicht mit dieser zu vergleichen. Es gibt eine andere Konkurrenzsituation, keine festen Medaillenbänke", sagte Gonschinska. Insgesamt haben 1572 Athleten aus 49 Ländern gemeldet. Darunter sind 30 neutrale Athleten. Dies sind russische Sportler, die vom Leichtathletik-Weltverband IAAF eine Ausnahmestartgenehmigung erhalten haben. (dpa)

Die Zuschauer: 250.000 Tickets sind bereits verkauft

Für die EM im Olympiastadion sind bereits 250.000 Eintrittskarten verkauft worden - so viele wie noch nie zu diesem Zeitpunkt. Das sagte in Kienbaum Jürgen Kessing, der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV). Ziel der Macher sei es, jeden Tag 50.000 Zuschauer bei der Abendveranstaltung zu haben. "Für Freitag und Samstag sieht es gut aus, an den anderen Tagen gibt es noch Luft nach oben", meinte Kessing. Um eine "schwarze Null" zu schreiben, benötigen die Organisatoren laut Frank Kowalski, dem Geschäftsführer der Leichtathletik-EM 2018 GmbH, 275.000 Zuschauer. (dpa/tt)

Christina Schwanitz

Die Kugelstoßerin vom LV 90 Erzgebirge könnte ihren dritten EM-Titel in Folge gewinnen - und das nur ein gutes Jahr nach der Geburt ihrer Zwillinge. "Das würde mich überglücklich und stolz machen", sagt die 32-Jährige, die mit ihrer Familie in Chemnitz wohnt. Favoritin ist die Athletin von Trainer Sven Lang ohnehin, sie führt die europäische Bestenliste souverän an. Auch der Autounfall, in den die Weltmeisterin von 2015 verwickelt war, scheint sie psychisch und physisch nicht zu beeinträchtigen: "Wir haben in Berlin etwas vor, wofür wir sieben Monate hart gearbeitet haben", sagte sie, als sie fünf Tage nach dem Unfall wieder ins Training einstieg. (tt)

Europäische Bestenliste: 1. Schwanitz 20,06 m. Start: 6.8.: Qualifikation (10.10 Uhr), 8.8.: Finale (20.10 Uhr).

Max Heß

Der Dreispringer vom LAC Erdgas Chemnitz möchte im Olympiastadion seinen Titel verteidigen. "Das Projekt steht", meinte er bei der DM vor zwei Wochen in Nürnberg. Dort sorgte der 22-Jährige für einen Schreckmoment, als er den Wettkampf abbrach. Ursache dafür war ein Miniriss in der Beugermuskulatur, die er in den letzten Tagen intensiv behandeln ließ. Die Chancen des Studenten für Wirtschaftsingenieurwesen sind schwer zu prognostizieren. Kommt seine Schnelligkeit am Brett zum Tragen und übersteht er die Quali, dann ist dem nervenstarken Schützling von Trainer Harry Marusch jedoch alles zuzutrauen. (tt)

Europäische Bestenliste: 1. Pichardo (Portugal) 17,95 m, ... 7. Hess 16,95 m. Start: 10.8.: Vorkampf (12.40 Uhr), 12.8.: Finale (19.55 Uhr).

Franziska Hofmann

Für die Hürdensprinterin vom LAC Chemnitz ist es die zweite EM-Teilnahme, 2014 in Zürich schaffte sie es bis ins Halbfinale. Das ist auch in Berlin das erste Ziel: "Am besten mit persönlicher Bestleistung, dann ist auch das Finale nicht unmöglich", sagt die Blondine, die von Jörg Möckel betreut wird, aus Kriebethal stammt und in Neukirchen/Adorf wohnt. Der direkte Kampf "Frau gegen Frau", womit sie bei der DM bereits ihre vierte Bronzemedaille gewann, ist die Stärke der LAC-Athletin, deren Vater DDR-Vizemeister im Radsport war. Mit neun Jahren kam sie bei der LG Mittweida zur Leichtathletik. (tt)

Europäische Bestenliste: 1. Talay (Weißrussland) 12,60 s, ... 21. Hofmann 13,00 s, Start: 8.8.: Vorläufe (10.10 Uhr), 9.8.: Semifinale (19.25 Uhr), Finale (21.50 Uhr).

Kristin Gierisch

Die Dreispringerin vom LAC Chemnitz gehört zu den heißen Medaillenkandidatinnen. Diese Rolle nimmt die 27-Jährige relativ unbekümmert an: "Das traue ich mir zu", sagte die gebürtige Zwickauerin bereits früh in der Saison. In dieser konnte die Bundespolizistin ihre persönliche Bestleistung auf 14,42 Meter steigern. Viel Druck hat der Chemnitzerin, die unter den Fittichen ihres "zweiten Vaters" Harry Marusch zu einer Klasseathletin reifte, der Titelgewinn bei der Hallen-EM 2017 genommen. Physisch und psychisch hält sich die Hallen- Vizeweltmeisterin fast täglich mit Yoga in Form. (tt)

Europäische Bestenliste: 1. Papachrístou (Griechenland) 14,60 m, ... 5. Gierisch 14,42 m. Start: 8.8.: Qualifikation (11.05 Uhr), 10.8.: Finale (20.10 Uhr).

Marvin Schlegel

Der 400-Meter-Läufer vom LAC Chemnitz löste das EM-Ticket für die Staffel auf den letzten Drücker mit einem beherzten Lauf und Platz vier bei der DM in Nürnberg. Der 20-Jährige, der aus Riechberg stammt und mit seiner Freundin in Chemnitz wohnt, sprach danach von einem "Kampf bis zum letzten Meter". Wie einige Leichtathleten versuchte sich der deutsche Hallenvizemeister von 2017 in jungen Jahren zuerst im Fußball, bevor er bei der SV Einheit Bräunsdorf landete und sein Lauftalent erkannt wurde. Der mehrfache deutsche Nachwuchsmeister ist Angehöriger der Sportfördergruppe der Landespolizei. (tt)

Europäische Bestenliste: 1. Italien 3:02,11 min, ... 3. Deutschland 3:03,16. Start: 10.8.: Vorläufe (13.05 Uhr), 11.8.: Finale (21.30 Uhr).

Rebekka Haase

Die Sprinterin vom LV 90 Erzgebirge muss bei dieser EM Geduld aufbringen, denn die 4-x-100-Meter-Staffel kommt erst am letzten Tag zur Austragung. Einen Einzelstart über 100 oder 200 Meter hat die 25-Jährige, deren bisherige Saison nicht nach Wunsch verlief, knapp verpasst. Bei der DM zeigte das Formbarometer der Psychologiestudentin, die bei Jörg Möckel trainiert, aber wieder nach oben. "Das sieht immerhin wieder nach Sprinten aus", sagte die Chemnitzerin nach zweimal Bronze. Bei der EM 2016 in Amsterdam holte das deutsche Quartett mir Rebekka Haase als Schlussläuferin Bronze. Vor heimischem Publikum darf es gern etwas mehr sein. (tt)

Europäische Bestenliste: 1. Deutschland 42,24 s, 2. Schweiz 42,29. Start: 12.8.: Vorläufe (19.20 Uhr), Finale (21.20 Uhr).

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