Skisprung-Bundestrainer: "Die Kaltschnäuzigkeit fehlt momentan"

Der Skisprung-Bundestrainer spricht über Probleme seines Olympiasiegers Andi Wellinger, einen starken Russen und Österreicher im Aufwind

Chemnitz.

Werner Schuster trägt seit elf Jahren die Verantwortung als Bundestrainer der deutschen Skispringer. Unter seiner Regie flogen u. a. Severin Freund zum WM-Titel. Dem Team-Olympiasieg 2014 folgte Andreas Wellinger mit Einzelgold im Vorwinter. Vor dem Finale der Sommer-Grand-Prix-Serie in Klingenthal führte Thomas Prenzel mit dem Österreicher folgendes Interview.

Freie Presse: Karl Geiger stand bei den letzten drei Grand-Prix-Springen auf dem Podest. Hat er nach dem Durchbruch im Vorwinter mit zwei Top-Ten-Ergebnissen bei Olympia nochmal einen Schritt nach vorn gemacht?

Werner Schuster: Zumindest konnte er nahtlos dort anknüpfen, wo er letzten Winter aufgehört hat. Die vergangene Saison hat ihm einen richtigen Schub gegeben. Nachdem er bei der WM 2017 in Lahti nur Ersatzmann war, ist es sein Anliegen gewesen, sich durchzusetzen. Der Olympia-Startplatz, die Medaille hatten eine befreiende Wirkung. Karl kann sich irrsinnig pushen und konzentrieren.

Hat er sich vielleicht über Jahre solche Leistungen selbst nicht zugetraut? War das ein Hemmnis?

Das würde ich nicht sagen. Er ist einfach ein Spätstarter. Als er mit 19, 20 ins Nationalteam kam, konnte er sein Niveau zunächst nicht halten. Es braucht einige Zeit, ehe man sich im deutschen Team etabliert.

Richard Freitag und Andreas Wellinger konnten diesen Sommer noch nicht überzeugen. Wie beurteilen Sie deren Entwicklung?

Das muss man unterschiedlich betrachten. Klar sind die Ergebnisse erst einmal ernüchternd. Bei Richard ist es fast einfacher erklärbar. Er hatte bis 8. Juni einen Ausbildungslehrgang der Bundeswehr in Hannover. Da war kein geregeltes Training möglich. Zudem hatte er mit Nachwirkungen seines Sturzes bei der Tournee in Innsbruck zu tun, die Hüfte war nicht stabil belastbar. Ab Juli hat er aber ordentlich trainieren können und im September gute Flüge gezeigt. Hinzenbach allerdings war noch nie seine Lieblingsschanze, dennoch konnte er dort als Bester in der Probe überzeugen. Das nehme ich als gutes Zeichen.

Und Olympiasieger Andreas Wellinger?

Er hat fleißig trainiert, kann dies aber im Wettkampf seit einiger Zeit nicht abrufen. Ich denke, wenn du Olympiasieger wirst, macht das schon was mit einem. Du hast eine neue Rolle in der Gesellschaft, es kommen andere Anfragen. Die Kaltschnäuzigkeit fehlt momentan. Dass er den Finaldurchgang in Hinzenbach verpasst hat, ist klar enttäuschend. Aber wir müssen das jetzt mal so nehmen, wie es ist. Wie gesagt: Er trainiert fleißig, weit weg von Starallüren. Da kann ich ihm nichts vorwerfen. Aber es wird noch ein hartes Stück Arbeit.

Wie ist der Stand bei Severin Freund?

Es geht ihm soweit gut. Wir haben uns mit ihm viel Zeit genommen, ihn sehr feinfühlig an die Belastung herangeführt und einen fundierten Aufbau über die 40- und 60-Meter-Schanze vorgenommen. Letztlich ist es so, dass eineinhalb Jahre Pause in einer Sportart, in der sich am Material und an der Technik einiges ändert, zu sehen sind. Deshalb haben wir entschieden, dass Severin diesen Sommer keine Wettkämpfe bestreitet. Es bringt nichts, dass er einfach nur so mitspringt.

Sind Sie zuversichtlich, dass er im Winter stark zurückkehrt?

Das hoffen wir alle. Wir werden spät das Weltcupteam für den Auftakt in Wisla nominieren und einen Platz offenhalten. Durch den von David Siegel erkämpften Quotenplatz können wir zum Start sieben Athleten im Weltcup stellen. Wenn es da für Severin noch nicht reicht, müssen wir einen neuen Plan Richtung Vierschanzentournee aufstellen.

Apropos Siegel. In den vergangenen Jahren hat oft ein Athlet aus dem Anschlusskader den Durchbruch geschafft. Marinus Kraus, Stephan Leyhe, Markus Eisenbichler oder zuletzt Karl Geiger sind Beispiele. Sehen Sie aktuell einen Springer, der dazu in der Lage ist?

Momentan deutet nichts darauf hin. David Siegel ist Deutscher Meister und mit seiner Entwicklung noch nicht am Ende. Pius Paschke hatte einige gute Ergebnisse, und Constantin Schmid ist ein interessanter Mann. Einfach wird es aber nicht. Wir hatten im Vorwinter fünf Springer unter den Top 20, und das ohne Severin. Man kann sagen, die Mannschaft hat sich in den letzten zwei Jahren ohne Severin emanzipiert.

Lassen sich aus dem Sommer-Grand-Prix Schlüsse ziehen? Zum Beispiel: Starke Russen, die Österreicher im Aufwind und Wachablösung in der Schweiz?

Schwierig zu sagen. Klimow ist auf allen Schanzen extrem gut gesprungen, er hat die Sommerserie verdient gewonnen. Ein neuer junger Trainer hat in Russland einige Dinge geordnet. In der Schweiz konnte nicht nur Peier überzeugen, auch Deschwanden hat sich gut entwickelt. Die Österreicher haben mit dem neuen Trainer Andi Felder alles auf den Kopf gestellt, befinden sich im Aufwind. Bei den Slowenen halte ich es für schwierig, die Verantwortung einem 18-Jährigen wie Timi Zajc aufzuladen. Da fehlt schon einer wie Peter Prevc, der dieses Jahr schon zweimal am Fußgelenk operiert wurde. Die Polen waren wie immer stark, haben den Sommer-Grand-Prix durchgezogen. In Hinzenbach sind sie am Wochenende aber nicht mehr so überdominant gewesen wie in den Jahren zuvor.

Sie besitzen nur noch für den kommenden Winter einen Vertrag im Deutschen Skiverband. Wollen Sie Ihre erfolgreiche Arbeit auch nach 2019 fortführen?

Eine Entscheidung ist noch nicht gefallen. Grundsätzlich machen wir uns keinen Stress. Die letzte Saison hat mir sehr viel Spaß gemacht. Aber ich stelle mich jedes Jahr auf den Prüfstand, ob ich noch Akzente setzen kann. Und ich stelle mich auch der nacholympischen Herausforderung, was Andi Wellinger betrifft. Man hat gesehen, wie schwer es in der Vergangenheit für Olympiasieger wie Ammann, Morgenstern oder Stoch im Winter danach war. Und ich sehe es auch als reizvolle Aufgabe, Severin Freund zurück in die Weltklasse zu führen.

FCE-Kicker drücken Daumen

Prominente Unterstützung: Die Zweitligakicker des FC Erzgebirge Aue werden die deutschen Skispringer am Mittwoch in der Vogtland-Arena unterstützen und auch Autogramme geben. FCE-Kapitän Martin Männel sagte: "Wir wollen die deutschen Adler und vor allem Richard Freitag ordentlich anfeuern. Vielleicht beschert ihnen das ein paar gute Weiten."

Abschied: Ulrike Gräßler, 2009 in Liberec erste Vizeweltmeisterin im Damenskispringen, wird am Mittwoch feierlich im Rahmen des Grand-PrixFinales verabschiedet. Die für den austragenden Verein VSC Klingenthal startende Eilenburgerin hatte nach einem schweren Sturz, eineinhalb Jahren Zwangspause und der Rückkehr auf die Schanzen in diesem Sommer ihre Karriere beendet.

Parken: In der Nähe der Vogtland-Arena sowie im Stadtgebiet und auf dem Kamm in Mühlleithen gibt es Parkplätze. Es werden kostenlose Bus-Shuttles auf drei Linien (blau, grün, rot) angeboten, die zwischen Stadt beziehungsweise P&R-Parkplätzen und der Arena verkehren.

Tickets: Gibt es an der Tageskasse.

Zeitplan: Dienstag, Qualifikation

14.30 Uhr: Training (zwei Sprünge)

18.00 Uhr: Damen Qualifikation

19.00 Uhr: Herren Qualifikation

20.30 Uhr: Grand-Prix-Party

Mittwoch, Einzel

10.00 Uhr: Damen Probedurchgang

11.00 Uhr: Damen 1. Wertung

12.00 Uhr: Damen Finaldurchgang

13.15 Uhr: Herren Probedurchgang

14.15 Uhr: Herren 1. Wertung

15.20 Uhr: Herren Finaldurchgang.

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