Ungewollt in der Zuschauerrolle

Die Chemnitzer Turn-Asse Pauline Schäfer und Andreas Bretschneider können aus Verletzungsgründen die WM nur aus der Ferne beobachten. Doch ihr Ehrgeiz ist für die Zukunft ungebrochen.

Chemnitz.

Seit 2013 gehörten sie bei den vier Weltmeisterschaften sowie den Olympischen Spielen in Rio zu den Stützen in den deutschen Teams. Nun fehlen Pauline Schäfer und Andreas Bretschneider, die privat liiert sind, erstmals beim internationalen Saisonhöhepunkt. Das Geschehen in Doha können sie nur aus der Ferne beobachten, halten aber oft Kontakt zu den Auswahlgefährten. Obwohl Verletzungen das Duo ausbremsten, spulen sie täglich ihr Trainingspensum ab, das sie jedoch anders als normalerweise gestalten müssen. Und den Gerätkünstlern liegt es fern, lange Trübsal über die verpassten Chancen zu blasen - ihre Motivation sind schon die nächsten Ziele.

"Klar ist das alles sehr ärgerlich, zumal ich, bis die Sache passierte, sehr gut in Form war. Aber ich kann es nicht ändern, muss es realistisch sehen", meint Pauline Schäfer, die sich seit nunmehr sechs Wochen mit Problemen im linken Fuß herumplagt. Bei der ersten WM-Qualifikation Mitte September war sie nach einem gestreckten Doppelsalto am Boden unglücklich gelandet. "Ich kann den Fuß immer noch nicht belasten, nicht springen, bin in den Bewegungen eingeschränkt", schildert die 21-Jährige. Dabei nervt sie vor allem die Ungewissheit, denn aus ärztlicher Sicht gab es bislang die Diagnose, dass Bänder und Sehnen in Ordnung sind. Aber da es trotz intensiver physiotherapeutischer Maßnahmen kaum Besserungen gibt, unterzog sie sich nochmals einer MRT-Untersuchung. Die Ergebnisse stehen aber noch aus.

Ihre geplanten Übungsstunden nutzt die Schwebebalken-Weltmeisterin von 2017 dennoch intensiv. Das einzige Gerät, dem sie sich widmen kann, ist der Stufenbarren. Vage Versuche unternimmt sie an ihrem Paradegerät. Außerdem paukt sie viel Kraft. Während Pauline Schäfer erstmals eine derartige Situation meistern muss, besitzt ihr Freund diesbezüglich schon eine Menge Erfahrungen, kann ihr also so manchen speziellen Tipp geben, wie sie am besten damit umgeht. Andreas Bretschneider zog sich beim Einturnen für die Mehrkampf-Entscheidung bei den Deutschen Meisterschaften Ende September in Leipzig einen Riss der Achillessehne im linken Fuß zu. Er wurde noch am selben Abend operiert, humpelt inzwischen mit einem Spezialschuh durch die Halle. Am Reck absolviert er schon wieder Riesenfelgen, lässt sich danach in den Schaumstoff fallen, am Pauschenpferd probiert er bereits verschiedene Elemente.

"Ich liege voll im Soll, die Narbe ist gut verheilt, bisher verläuft alles absolut problemlos", berichtete der 29-Jährige. Dabei verwies er auf einen wichtigen Vorteil: "Es ist das Spiegelbild vom Riss der rechten Achillessehne, der im März 2015 passierte. Alle Behandlungen wurden genau aufgeschrieben und sind jetzt die beste Orientierung. Zudem gibt es Fotos als Anhaltspunkte." So verbringt er die gleiche Anzahl von Stunden täglich mit Reha-Maßnahmen, weiß genau, wann das Pensum erhöht wird, welche Übungen, beispielsweise später im Wasser, wieder hinzukommen. Und er liest auch nach, was er sich wann im Training zumuten kann.

Im Jahr 2015 bewältigte der Chemnitzer sein hartes Programm mit aller Konsequenz und verblüffte damals alle Experten, als er bereits nach sechs Monaten bei der DM einen vollen Mehrkampf turnte. Danach qualifizierte er sich nicht nur für die WM, sondern erreichte sogar das Finale am Reck. Ein Fehler beim Abgang nach seiner hochkarätigen Übung mit dem gelungenen, selbst kreierten Bretschneider (Kovács-Salto mit zwei Längsachsendrehungen) verhinderte einen möglichen Podestplatz. Platz fünf steht für ihn als bislang wertvollstes internationales Resultat zu Buche. Bei jenen Titelkämpfen in Glasgow sorgte wiederum Pauline Schäfer mit Bronze am Schwebebalken für Furore.

Auch wenn es für Außenstehende etwas merkwürdig klingt, ist Andreas Bretschneider sogar ein bisschen erleichtert, dass die Verletzung ihn jetzt aus der Bahn warf. Denn er kennt seinen Körper genau. "Ich hatte seit langem schon Probleme, wusste, dass es irgendwann passiert", ist sich der mehrfache Weltcupsieger, der nie ans Aufgeben dachte, sicher. Weitaus verheerender wäre das Missgeschick - vor allem mit Blick auf Olympia - im nächsten Jahr gewesen. Nun hofft der Schützling von Trainer Sven Kwiatkowski, der auch nach zwei Schulteroperation 2017 vergleichsweise enorm schnell zurück war, dass nun der Fahrplan ebenso aufgeht und er eventuell bei der Einzel- EM im April am Reck starten kann. Auf alle Fälle visieren beide Chemnitzer die Heim-WM, die im Oktober 2019 in Stuttgart stattfindet, als nächstes Highlight an.

"Klar bauen wir uns gegenseitig auf, wenn es mal nicht so läuft. Aber wir haben beide mittlerweile viel anderes Zeug zu tun", sagt Pauline Schäfer, für die sich bei ihrem Abiturkurs an der Abendschule die Anforderungen spürbar erhöht haben. Andreas Bretschneider schloss an der TU sein Studium der Wirtschaftswissenschaften mit dem Bachelor ab und widmet sich im Mastergang nun dem Gebiet Rechnungslegung und Unternehmenssteuerung. Zudem findet er die beste Ablenkung, wenn er mit seinem dreieinhalbjährigen Sohn Piet Zeit verbringen kann.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...