Ein Spiel an den Tableaus des Scheiterns

Sebastian Hartmann inszeniert in Dresden "Der nackteWahnsinn+X"

Dresden.

Wie neu anfangen, wenn das Leben nur auf Probe, weil zerbrechlich, ist? Regisseur Sebastian Hartmann lässt sich treiben. Er verknüpft "Der nackte Wahnsinn + X" zum wilden Assoziationsreigen, in dem alles auf dem Spiel steht: Das Stück von Michael Frayn handelt eigentlich von einem Theater kurz vor der Premiere - nichts klappt, die Nerven liegen blank. Kaum kann der Regisseur die Truppe bändigen, kommt Privates wie Alkoholmissbrauch oder Sexeskapaden ins Spiel. Dabei legt er Theatermechanismen und Lebensirrsinn offen.

Bühne und Hinterbühne des Dresdner Staatsschauspiels sind zum leeren Weißraum ausgeleuchtet. Zwischendurch werden mal ein Klavier, ein paar Bauzäune oder eine Wand mit Türen und dem Schriftzug "Wahnsinn" von Technikern mit Mundnasenschutz vorbeigeschoben. Diesen Charakter des Provisoriums hält auch die Spielebene durchgängig aufrecht. Das "+ X" im Titel deutet an, dass der Ex-Intendant des Leipziger Schauspiels keine reine Wiedergabe plante.

Lose geben die Darsteller einige Fragmente von Frayns Originalstoff wieder. Wirklich folgen kann man dem nicht, bleibt aber durch das um alles ringende Spiel an den Tableaus des Scheiterns hängen. Da treten vom herrischen Kunstgeneral bis zum kumpelnden Hanswurst allerlei Regisseurklischees auf. Immer misslingt etwas, stimmt die Requisite nicht, laufen Verabredungen ins Leere. Das ist schickes Spiel aller Darstellenden: Sie hätten die klassische Komödie gemeistert - wäre es darum gegangen. Denn hinter dem ulkigen Dauerzustand des Scheiterns offenbart sich eine existenzielle Ebene. Im Gegensatz zum Original bekommen die Schauspielenden den Abend nie fertig.

Und wie sollen die Menschen wieder anfangen, weitermachen, wenn alle gesellschaftlichen Verabredungen ins Wanken geraten sind? Das mag eine Frage sein, die Sebastian Hartmann bewegt haben, das theatrale Provisorium auszuweiten. Sein selbst geschriebener Schlussmonolog dreht sich um viele Ismen, um Gewalt, Feuer, Alltägliches und Kunstgriffe. Alles, was sich reimt, wird hier zusammengefügt, während das lyrische Amalgam um den "Tod im Bett" kreist. Inhaltlich ist das alles und nichts. Aber der lange Monolog wird von einer großartigen Cordelia Wege gegeben, die ihn mit wenigen stimmlichen und gestischen Untermalungen in den Raum spricht. Hier zählt allein die Faszination des präzisen, unmittelbaren Moments.

Nächste Aufführungen"Der nackte Wahnsinn + X" am Staatsschauspiel Dresden am 27.9., 11.10., 12.10., jeweils 19.30 Uhr, Karten: www.staatsschauspiel-dresden.de

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