Emanzipation à la Wildwest

Geschichtsträchtige Kost hat das Publikum im Eduard-von-Winterstein-Theater am Sonntag in Form des Musicals "Annie Get Your Gun" serviert bekommen. Das spielfreudige Ensemble setzte aber alles leicht verdaulich vor.

Annaberg-Buchholz.

Die Show muss weitergehen - das wissen wir nicht erst seit Freddie Mercury und seinem gleichnamigen Hit. Nein, das wusste schon Irving Berlin, der bereits 1888 geboren wurde. Er hat über 1000 Songs komponiert - darunter die Musik für 17 Broadway-Musicals. Eines seiner bekanntesten - "Annie Get Your Gun" - feierte am Sonntag Premiere im Eduard-von-Winterstein-Theater in Annaberg-Buchholz.

Geschichtsträchtig ist das im Wilden Westen angesiedelte Stück für Intendant Ingolf Huhn in mehrfacher Hinsicht. Nicht nur, weil das Duell zwischen dem gefeierten, von den Damen umschwärmten Kunstschützen Frank Butler und seiner vergleichsweise blassen Herausforderin Annie Oakley aus der Provinz das erste Musical war, das bei der Uraufführung 1946 am Broadway in New York live im Radio übertragen wurde. Für Huhn ist es auch der Stoff, der in Deutschland dem Genre Musical den Weg geebnet hat und der die meisten Ohrwürmer vereint. Allen voran eben "There's no Business Like Show Business".

Und dass die Show weitergehen muss, steht sinnbildlich auch für das Musikensemble des Theaters. Ist doch Tenor und Publikumsliebling Frank Unger nach langjährigem Engagement in Annaberg zum Mittelsächsischen Theater nach Freiberg gewechselt und hat eine große Lücke hinterlassen, die nicht leicht zu schließen sein wird. Dafür auserkoren ist Jason Lee. Den gebürtigen US-Amerikaner mit südkoreanischen Wurzeln hat das Publikum am Sonntag erstmals kennengelernt. In der Rolle des Pawnee Bill, dem Konkurrenten des großen Buffalo Bill. Noch eine vergleichsweise kleine Rolle, ist es doch für den Absolventen der Eastman School of Music im US-Bundesstaat New York die erste Verpflichtung als Solist. Überhaupt erst knapp drei Jahre in Deutschland, war er in den vergangenen zwei Jahren vorrangig als Chorsänger am Theater in Görlitz verpflichtet. Obwohl mit guten Deutschkenntnissen ausgestattet, ist es für ihn immer noch eine doppelte Herausforderung, in der neuen Heimatsprache und als Solist zu singen. Doch der Einstand ist geglückt, obwohl die Wahl seines Kostüms eher irritierend war. Das betonte zwar seine asiatischen Wurzeln, wirkte aber in der ansonsten typischen Wildwest-Kulisse deplatziert.

Seine neuen Kolleginnen und Kollegen bemühen sich ihrerseits, ihm den Start so leicht wie möglich zu machen: Allen voran Madelaine Vogt, die eine wunderbar trotzköpfige Annie Oakley gibt, die sich auch in der feinsten Gesellschaft keineswegs anpassen will. Und die in dieser Inszenierung eine ganz besondere Kinderschar um sich hat. Zu der gehören mit Anton und Ida zwei ihrer eigenen Sprösslingesowie mit Marie die Tochter von Sopranistin Annett Illig, die sich nach ihrer Zeit am Theater auch als Solistin längst einen Namen gemacht hat. An Annies Seite Jason-Nandor Tomory als selbstverliebter Frank Butler, der nicht nur mit seinen Schießkünsten, sondern auch mit seiner Stimme die Frauen reihenweise um den Finger wickelt, sich der Zuneigung Annies letztlich aber nicht entziehen kann. Michael Junge schmeißt einmal mehr als keineswegs nur geldverliebter Manager Charlie Davenport den Showladen und László Varga verleiht dem großen Showmaster Buffalo Bill seinen ganz eigenen Witz. Bettina Corthy-Hildebrandt gibt eine unterhaltsam kratzbürstige Dolly Tate. Als absoluter Publikumsliebling aber entpuppt sich einmal mehr Leander de Marel als Indianerhäuptling Sitting Bull, der schon mit seinem bloßen Erscheinen auf der Bühne für Begeisterung im Saal sorgt. Und spätestens, wenn er in tiefstem Sächsisch über das Skalpieren philosophiert, ohne selbst auch nur noch den Hauch eines Skalps auf dem Kopf zu haben, hat er alle Lacher im ausverkauften Haus auf seiner Seite.

Weitere Vorstellungen von "Annie Get Your Gun" stehen am 7.und 16. November sowie am 1. und 15. Dezember, jeweils 19.30 Uhr, am 2. Dezember, 19 Uhr, sowie am 25. und 30. Dezember, jeweils 10 Uhr, auf dem Spielplan. Kartentelefon: 03733 1407131.

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