Amanda Palmer: Lasst uns über Abtreibung reden

Amanda Palmer berührt in Leipzig mit einem sehr persönlichen Piano-Solo-Konzert, das fast an eine Therapiesitzung erinnert.

Leipzig.

Es passiert in letzter Zeit häufig, dass sich Künstler vor Publikum emotional nackig machen. So wie Nick Cave, der nach dem Tod seines Sohnes Konzerte gab, in denen er explizit mit dem Publikum reden wollte. Auch Bruce Springsteen hat eine sehr erfolgreiche One-Man-Show am Broadway, in der er dezidiert über sein Leben erzählt. Die amerikanische Musikerin Amanda Palmer hat sich nicht nur diese beiden Auftritte angesehen, sondern auch den der Entertainerin Hannah Gadsby, die in ihrer Stand-Up-Show "Nanette" humorvoll über persönliche tragische Erlebnisse spricht, die ihr als Homosexueller widerfahren sind.

Davon inspiriert ist Palmer nun mit einem "therapeutischen Sitzkonzert" auf Tour. Und ja, es erinnert wirklich an eine Therapie, wenn die ehemalige Sängerin des Punk-Cabaret-Duos Dresden Dolls im Leipziger Haus Auensee auspackt. Von glücklichen Momenten ist kaum die Rede. Stattdessen erzählt sie etwa von ihrem ersten Freund, der sie nackt in einem Keller fesselte - als Geburtstagsüberraschung für einen Kumpel. Sie erzählt von ihrer ersten Abtreibung mit 17 Jahren, wo sie von Fundamentalisten vor der Abtreibungsklinik beschimpft wurde und sich fragte, warum sie sie so hassen. Es bleibt nicht die einzige Abtreibung in ihrem Leben. Sie erzählt von ihrem Sohn - und von den Zweifeln, ob sie eine gute Mutter sein kann. Sie erzählt, wie sie und ihr Ehemann, der Science-Fiction-Autor Neil Gaiman, voll Freude ein zweites Kind erwarteten und wie die Ärztin nach drei Monaten Schwangerschaft zu ihr sagte, dass das Herz nicht mehr schlägt. Wie sie dann in ein Yoga-Hotel in die Berge fuhr, wo sie schon Schwangerschaftsmassagen gebucht hatte und zusammen mit der Masseurin weinte, die selbst eine Fehlgeburt hinter sich hatte.

Im Publikum sitzen Frauen, die ähnliches erlebt haben - ob Fehlgeburt, Machtmissbrauch, Mutterzweifel, Abtreibung. Das ist das Bewegende an Amanda Palmers Auftritt: Sie spricht offen und ehrlich über Themen, die in der Öffentlichkeit und selbst in Freundschaftskreisen kaum thematisiert werden. Manchmal ist sie dabei etwas zu bedeutungsheischend, manchmal zu ausufernd: Der Abend, der wahnsinnigerweise vier Stunden geht, hat einige Längen. Doch sie reißt die Leute mit, es gibt Tränen und Lacher und am Ende Standing Ovations. Aber nicht nur die Geschichten, die sie mal stehend, mal auf dem Boden sitzend erzählt, berühren - sondern vor allem ihre am Piano gespielten und mit dunkler Stimme gespielten Lieder. Dieses Jahr ist ihr neues Album "There Will Be No Intermission" herausgekommen, eine Sammlung von so persönlichen Songs, dass Amanda Palmer nicht glaubt, dass ein Label sie je veröffentlicht hätte. Doch die Sängerin hat seit Jahren eine so große Fanbase, die sie mit Crowdfunding finanziell unterstützt, dass sie nicht auf die herkömmlichen Strategien des Business angewiesen ist. Und ihre Songs bringen alles was sie erzählt, noch besser auf den Punkt. Wobei die größte Überraschung eine Coverversion von "Lass es los" aus dem "Frozen"-Soundtrack ist, den sie mit der Fehlgeburt verbindet. Die US-Amerikanerin spielt auch deutsche Cover: Brechts "Seeräuberjenny" etwa oder "Schrei nach Liebe" von den Ärzten. Denn neben all dem Privaten geht es auch ums Politische. So dürfen Vertreter von "Pro Coice Sachsen" auf die Bühne kommen und ihre Initiative vorstellen, die sich für die Legalisierung von Abtreibungen einsetzt und jedes Jahr gegen den Schweigemarsch in Annaberg-Buchholz protestiert.

Es seien harte Zeiten gerade, sagt Palmer: Klimawandel, Trump, Neonazis. Sie frage sich selbst, was sie als Künstlerin hier eigentlich noch tue. Und gibt im Konzert selbst die Antwort: "Als Künstlerin muss ich ins Dunkle hineingehen", sagt sie. "Und dort Licht hinbringen." Das hat sie geschafft.

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