"Die Andere Bibliothek": Mehr als Buchstaben

Keinen seichten Stoff will die Buchreihe mit dem Titel "Die Andere Bibliothek" vermitteln, sondern intellektuelles und visuelles Vergnügen. So steht hinter der Gründung auch das literarische Schwergewicht Hans Magnus Enzensberger. Totgesagt wurde das Projekt schon oft. Nun ist der 400. Band erschienen.

Chemnitz.

Natürlich hat man das schon oft versucht: Hedwig Courths-Mahlers Bücher, die einst an der Chemnitzer Lohstraße ihre ersten Liebeskitschromane schrieb und damit zur erfolgreichen Schriftstellerin wurde, als große Literatur zu verkaufen. Doch neigten die Fürsprecher dabei eher dazu, Masse mit Klasse zu verwechseln. Ähnlich dieses Beispiel: Adalbert Droemer, der 1902 in den Knaur-Verlag einstieg und als genialer Verkäufer die deutsche Bestsellerwelt begründete, bewegte 1927 Thomas Mann dazu, die Buchreihe "Romane der Welt" herauszugeben. Es sollte Klasse statt Masse werden. Doch das Unternehmen scheiterte. Und so könnte man noch manchen Irrweg nennen, zumeist blieb für den Verleger eher Masse statt Klasse. Doch es gibt Ausnahmen. Eine ist die Buchreihe "Die Andere Bibliothek". Dort ist in diesem Sommer der 400. Band erschienen: "Metamorphosen oder Der goldne Esel", es ist das berühmteste Werk des antiken Schriftstellers und Philosophen Apuleius.

Die Gründung dieser Buchreihe geht bis zum Herbst 1984 zurück, als es in München an der Tür des Schriftstellers Hans Magnus Enzensberger klingelte. Ein kleiner elektrischer Mensch unbestimmten Alters habe dagestanden, erzählte Enzensberger später, der gleich zur Sache gekommen sei: "Hätten Sie Lust, ein paar Jahre lang jeden Monat ein Buch herauszugeben?", habe der gefragt. Enzensberger staunte und fragte zurück: "Wie meinen Sie das?" Der Mann antwortete: "Ich habe mir nämlich eine komplette Werkstatt eingerichtet, Gießerei, Akzidenz, Monotype-Satz, Schnellpressen, alles, was Sie wollen." Enzensberger: "Und was für Bücher wollen Sie drucken?" Der Mann: "Das frage ich Sie!" So hat es also begonnen, mit jenem Besuch des Druckers, Buchgestalters und Verlegers Franz Greno beim berühmten Schriftsteller Enzensberger in München. Greno ging es darum, das Gutenberg-Druckerbe in seiner traditionellen Form in die Bücher-Gegenwart zu tragen. Enzensberger fand die Idee gut: "Vielleicht sind wir nicht die Einzigen, die eigensinnig genug sind, den Charme und den Gebrauchswert einer Erfindung zu schätzen, die vor 500 Jahren gemacht wurde. Gutenbergs Buchdruck mit beweglichen Lettern ist eine Kunst, auf die sich in Deutschland immer weniger Leute verstehen, wir wollen dafür sorgen, dass sie nicht ganz verschwindet." Jemand nannte die Bücher dieser Reihe kürzlich "die Vinylschallplatten der Buchkunst".

Gegen die Allerweltsbuch-Herstellung setzte das Gespann Enzensberger/Greno eine Typografie der Lesbarkeit, eine Ausstattung der Nachhaltigkeit, Fadenheftung und Lesebändchen. Dazu für die Büchernarren jeweils eine Sonderausgabe - handgebunden in Ganzleder, nummerierte Bände in Schuber oder Schlaufe. Der ganze, schöne Kosmos des langlebigen Buches wurde bemüht, um diese Buchreihe zu entwickeln. Aber die Ausstattung war das eine, das inhaltliche Konzept das andere. Natürlich meckerten ein paar Kritiker, als die ersten Bände erschienen. Diese Bücher beackerten ja ein Kraut-und-Rüben-Feld: Märchen und Sachbücher waren dabei, junge Autoren mit Erstlingen und alte Autoren mit Klassikern. Doch die Devise hieß: Wir drucken nur Bücher, die wir selber lesen möchten. Und so schaffte Enzensberger mit seiner Auswahl etwas, das bisher nicht geleistet wurde: Er vermittelte literarische Qualität - und Lesbarkeit.

Das begann also mit Band 1 im Jahr 1985: "Lügengeschichten und Dialoge", geschrieben von Lukian von Samosata, einem griechischsprachigen Satiriker der Antike. Etliche darauffolgende Titel in der Reihe "Die Andere Bibliothek" wurden zu Bestsellerauflagen, so Christoph Ransmayrs "Die letzte Welt" als Band 44: bisher eine Auflage von gut 150.000 Stück. Doch dann gab es auch etliche Titel, die nur die heutige Grundauflage von 4444 Exemplaren erreichten. Bücher, die nur ein kleines Publikum fanden. Aber jedes Buch sucht sich eben seine Leser, mal sind es ein paar Dutzend, ein andermal ein paar Tausend. Mehrbändige Unternehmungen gehören zur "Anderen Bibliothek" dazu, wie Goethes Briefe an Charlotte von Stein, Grimmelshausens "Simplicissimus" und die zwei Bände von Rolf Vollmanns "Die wunderbaren Falschmünzer". Immer wieder gab es Entdeckungen neuer Autoren, Klassiker aus aller Welt und den von Enzensberger geliebten Alexander von Humboldt in etlichen Ausgaben. Bisher also 400 Bände, dazu 15 Folio- und vier Sonderbände - eine moderne Sammlung schöner Gebrauchsbücher. Diese Bibliothek ist auch ein Fundus für Büchersammler, und vor allem zeigt sie ihren Lesern eine weitgespannte Welt.

Nun entsteht ein solches Unternehmen nicht ohne Konflikte, Ärger, Dispute. Die Verlage und Herausgeber wechselten. Auf den herkömmlichen Buchdruck konnte verzichtet werden, die Qualität der neuen Lichtdrucktechniken machte es möglich. Enzensberger beendete seine Herausgeberfunktion mit Band 253, Greno verließ bei Band 270 das beinahe sinkende Schiff. Doch diese Bibliothek ist nicht totzukriegen, mit einer Zwischenlösung bekommt die Fregatte wieder Fahrt. Christian Döring ist mittlerweile der Programmleiter in einer neuen Verlagsform unter dem Dach des Aufbau-Verlages in Berlin. Vor allem aber: "Die Andere Bibliothek" lebt im Geiste von Greno und Enzensberger weiter.

Es wird oft über den verlotterten Zustand der Bücherwelt geklagt, aber gelegentlich sollten einige Lobsprüche nicht fehlen: "Die Andere Bibliothek" ist ein Gewinn für Leser und Literaturgesellschaft. Natürlich lebt der Geist einer Courths-Mahler aus der Chemnitzer Lohstraße in manchem Schriftsteller weiter, doch dieses Weiterleben ist unter anderem seit jenem Herbst des Jahres 1984 nicht ganz ungefährdet, seit "Die Andere Bibliothek" ihren Anfang nahm.

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