Republica: Ein "Klassentreffen" der Netzgemeinde

Kann man Liebe organisieren, in der virtuellen und realen Kommunikation Strukturen schaffen, die sie wachsen und gedeihen lässt und Hetze und Lügen entgegenwirken? Damit befasst sich die Internet- und Medienkonferenz Republica in Berlin.

Berlin.

Die Republica ruft zu mehr Liebe und Solidarität im Netz auf, gegen Hetze und Fake News im digitalen und natürlich auch im analogen Leben. Das Thema: "Love Out Loud". Sie gilt als die größte Konferenz mit dem Schwerpunkt digitale Medien in Europa. In diesem Jahr hat sie 1170 Rednerinnen und Redner aus der ganzen Welt eingeladen - Medienexperten aus allen Bereichen: Journalismus und IT, Bildung und Wissenschaft, Kunst und Kultur, Politik und Wirtschaft, Initiativen und Vereine. Auch zu dieser elften Republica strömen wieder Tausende Besucher, das Event gilt in der Szene als "Klassentreffen" und unter jungen Menschen schlicht als extrem cool. Denn man merkt sofort: Hier ist man am Zahn der Zeit, diese Veranstaltung ist nicht nur etwas für "Nerds". Um die 50 Prozent der Rednerinnen und Redner sind Frauen. "Buzzword", "Social Bots" oder "Augmented Reality" sind keine Fremdworte hier. Die volle Akzeptanz von transidenten, queeren, geflüchteten oder sonst irgendwie anders geborenen oder denkenden Menschen gilt als selbstverständlich.

Das Thema mag etwas kitschig klingen, doch im Vortragsprogramm wird es konkret und zuweilen sehr ernst. Es geht um Fake News und Hetze im Netz, Demokratie und die Funktionen von Suchmaschinen und sozialen Netzwerken, um Ethik und künstliche Intelligenz, digitale Hilfe für Flüchtlinge - zum Beispiel mit Hilfe von Apps - Datenschutz und Überwachung und vieles mehr. Denn wir haben in den letzten Jahren erfahren, dass radikale Meinungen und Hetze in digitalen Medien lauter und heftiger erscheinen als im "real life". Doch gerade auch dadurch gewinnen sie an Popularität. In dem Sinne warnt der Berliner Internet-Experte und Autor Sascha Lobo vor der Falle, im Netz überzureagieren. Er ruft dazu auf, zwar "klare Kante" gegen rechte Meinungen zu zeigen, dabei aber immer höflich zu bleiben, alles andere provoziere bloß Gegenwehr. Der US-amerikanische Rechtswissenschaftler Frank Pasquale zeigt auf, wie die anonymen und kommerziell funktionierenden Algorithmen von Suchmaschinen und sozialen Netzwerken besonders extreme Meinungen verstärken. Er warnt vor einer "Roboter-Demokratie" und plädiert dafür, Suchergebnissen eine Kennzeichnung über Herkunft und andere Kriterien zu verpassen - etwa so wie bei Lebensmitteln.

Was wohl niemanden kaltlassen dürfte, ist die Frage nach der Liebe in Zeiten des Internets. Das Konzept der romantischen Liebe bröckelt, wenn neue Gesichter und Charakter-Profile in Dating-Portalen immer verfügbar sind. Aber war die Liebe je so frei? Der Autor Friedemann Karig zeigt in seinem Vortrag über die "Sexuelle Revolution 2.0" andere Liebesformen auf: Polyamorie, Internet-Lieben und Fetische wie BDSM. Diese müssten nicht unbedingt die bessere Alternative zur konventionellen Beziehung sein, so Karig, doch allein durch ihre Sichtbarkeit beflügelten sie unsere Fantasie und forderten unsere Toleranz heraus. So leitete Karig den ersten Republica-Abend mit einem rührenden wie aktuellen Plädoyer ein, das ursprünglich vom Whistleblower Edward Snowden stammt: "In times of hate, love is a revolution." In Zeiten des Hasses ist die Liebe eine Revolution.

Das Internet spült Nischen-Interessen und Randgruppen der Gesellschaft an die Oberfläche. Im Internet sehen wir nicht nur populistische oder rassistische Meinungen aufgebläht, sondern wir können auch einen Blick für die Vielfalt dieser Gesellschaft gewinnen und daran unsere Freiheit und Toleranz messen. Doch den moralischen Kompass dazu und die Liebe selbst finden wir nicht im Netz, sondern nur im realen Leben. Die Republica läuft noch bis Donnerstag. Verfolgen kann man sie auf Twitter und in fast allen anderen sozialen Netzwerken oder im Live-Stream auf ihrer Website.

www.re-publica.com

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