Aufbruch aus der alten Welt

Andreas Kriegenburg zeichnet in Tschechows "Kirschgarten" einfühlsame Charaktere - Premiere war am Wochenende am Staatsschauspiel Dresden.

Dresden.

Komisch, sehr komisch sollte sein Stück "Der Kirschgarten" werden. Anton Tschechows Plan, so den Wandel in der russischen Gesellschaft um 1900 satirisch aufzuarbeiten, greift Andreas Kriegenburg für das Staatsschauspiel Dresden auf. Mit seiner Inszenierung hat er jetzt den Premierenreigen der neuen Saison am Schauspielhaus eröffnet.

Der Regisseur lässt seinen Protagonisten viel Raum, ihr komödiantisches Talent auszuleben. Er verzichtet auf technischen Firlefanz und folgt in Zügen dem Stil der italienischen Commedia dell'arte des 16.Jahrhunderts. Körpersprache bestimmt das Geschehen. Es ist ein Vergnügen, den Schauspielern zuzusehen, Gesten und Bewegungen zu folgen. Selbst wenn sich die Akteure von ihrer Bühne auf der Bühne hinabgleiten lassen, abspringen oder fallen, sind das Momente, die dem Spiel folgen. Slapstick, Clownerie bis ins Groteske und so mancher Kalauer im Wortgefecht bestimmen gleich die erste Szene, als das Dienstmädchen Dunjascha (Karina Plachetka) und Kaufmann Lopachin (Oliver Simon) auf die Ankunft von Ranewskaja (Anja Lais) und ihrer Tochter Anja (Eva Hüster) warten.

Fünf Jahre waren sie in Paris - geflohen nach dem Tod des Ehemanns und des Sohnes Grischa. Das Geld an den Liebhaber verloren, gibt es die Gutsbesitzerin weiter aus - obwohl sie es nicht mehr hat. Letzte Hoffnung ist für sie die alte Heimat. Die aber gibt es so nicht mehr. Der jetzt weiß blühende Kirschgarten wirft nichts mehr ab. Die Schulden sind hoch. Es bleibt nur der Verkauf. Ranewskaja erinnert sich an glückliche Stunden, aber auch an Verlust. Tschechow wie auch Kriegenburg demontieren zwar auf das sorgenfreie Gestern gerichtete Nostalgie und zeigen das dekadente Leben des untergehenden Adels, lassen aber genügend Raum für Erinnerungen.

Bestimmende Farbe im schlichten Bühnenbild ist Weiß - Unschuld, Helligkeit, Erlösung? Den Aufbruch muss es geben, weil der Kirschgarten als Symbol des Adels verloren ist. Wohin die Reise geht, bleibt offen. Aber die Revolution, wie sie Russland nach Tschechows letztem Stück einige Jahre später erlebt, deutet sich an. Nicht nur Anja klagt die alte Zeit an und ist offenbar nicht nur von der langen Fahrt müde. Lopachin hat es geschafft, vom einst leibeigenen Bauern aufzusteigen und zu Geld zu kommen. "Viel Geld, Geld wie Heu, viel Heu." Er glaubt es selbst nicht, denn: "Einmal Bauer, immer Bauer". Hervorragend, wie Oliver Simon diese Wandlung umsetzt, aber irgendwie auch noch im Gestern verhaftet ist. Er schlägt vor, das Land für Datschen aufzuteilen, und hat schon den Gewinn ausgerechnet. Die Adelsfamilie gewinnt er nicht, dafür Land, für das er nun allein verantwortlich ist.

Als Dritter steht Student Trofimow (Simon Werdelis) für den Aufbruch. Fast schon zu pathetisch und etwas aufgesetzt wirkt sein Plädoyer an eine bessere Zukunft, an ein Streben nach Wahrheit und Glück. Und doch möchte man ihm folgen, denn: "Die ganze Welt ist unser Kirschgarten." Stimmt. Nur braucht es dafür Mitstreiter, die er sich noch suchen muss. Stark die letzten Szenen, als der Adel auf gepackten Koffern sitzt, in der Ferne die Säge kreischt und der alte Diener Firs (Hannelore Koch) allein zurückbleibt: "Mich haben sie vergessen." Ein einfühlsames Bild nach einer Aufführung, die von starken Schauspielerleistungen lebt.

Nächste Vorstellungen von Tschechows "Der Kirschgarten" am 22. September, 16 Uhr, 28. September, 19.30 Uhr.

www.staatsschauspiel-dresden.de

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