Konsequent mit K

Das Kosmonaut-Festival hat sich endgültig auf die vordersten Plätze der besten Veranstaltungen seiner Art in ganz Deutschland geschossen. Mit einer Eigenschaft, die großes Karma verspricht: sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen.

Chemnitz.

Es gibt diesen einen Moment, in dem der Besucher des Kosmonaut-Festivals die Wahl hat. Zwischen tanzen und verharren. Zwischen feiern und schmollen. Zwischen sich endlos verlieben in dieses Festival und sich gedanklich schon verlieren in den Hasskommentaren der sozialen Netzwerke. Der Moment, kurz nachdem sich der Vorhang der Hauptbühne lichtet, der den geheimen Headliner bis zuletzt tatsächlich geheim bleiben lässt. Spätestens bei "I feel hardcore" sollte am Freitag kurz vor 23 Uhr allen auf der Wiese des Stausees Rabenstein klar geworden sein, dass die Organisatoren um die Chemnitzer Band Kraftklub es ernst meinen.

Immer wieder hat Felix Brummer etwa in seinem Podcast "Radio mit K" (sehr zu empfehlen übrigens!) angedeutet, dass es ein Traum sei, Scooter als geheimen Headliner nach Chemnitz zu holen. Und sie ziehen ihn durch. Keine Frage, Scooter passt so gut zu den anderen Acts des Kosmonaut-Festivals wie Ketchup zum Tatar vom Wagyu-Rind. Doch das Kosmonaut ist und bleibt hoffentlich noch lange ein Festival mit Musikern, auf die Kraftklub stehen. Diese Konsequenz, dieses Drüberstehen über jegliche Kritik, diese Kompromisslosigkeit, mit der die Organisatoren ihr Ding durchziehen und sich nicht hetzen lassen von dem, was angesagt sein soll - das ist der wahre Wert dieses Festivals und der hat sich im siebten Jahr mit dem bisher besten geheimen Headliner wahrlich gezeigt. "Wer jetzt nicht tanzt, hat Popmusik nicht verstanden", mit diesen Worten kündigte Felix Brummer den letzten Act des ersten Tages an - und sagte damit auch: Nehmt euch selbst nicht so wichtig. Habt Spaß! Und das Publikum - über die zwei Tage waren es wieder rund 15.000 Leute - stand vor der Wahl und entschied sich im Gegensatz zum Auftritt der Fantastischen Vier vor drei Jahren, bei dem die Fluchtströme in Richtung Atomino-Bühne weiß der Himmel warum deutlich stärker waren, mehrheitlich fürs Tanzen und Feiern. Und zwar mit ordentlich Selbstironie. Auch wenn sich wohl kaum einer an diesem Abend jemals freiwillig ein Konzertticket für Scooter kaufen würde - von einer Band, die ihren stumpfen Bumms-Techno inklusive Mickey-Mouse-Stimme der 1990er-Jahre bis heute unverblümt in die Stadien trägt und damit aus einer Zeit kommt, in der die meisten Kosmonaut-Besucher gerade erst geboren wurden. Dennoch waren die "Hyper-Hyper"-Rufe und das absolut sinnfreie "Dub-Dub-Dub" aus "Maria, I like it loud" den gesamten Samstag der Garant für stimmungsvolle Gesangseinlagen, die zu liefern sich weder KIZ noch Von wegen Lisbeth zu schade waren. Vor allem Erstere müssen sich Ironie durch ihre Texte hart erarbeiten, Scooter verkörpert sie. Diese Band bewegt sich so weit jenseits der Grenze des guten Geschmacks, dass es schon wieder gut ist. Kraftklub für diesen Coup nicht zu feiern, grenzt an Arroganz.

Das Kosmonaut bleibt ein Festival für Liebhaber. Für die, die Musik noch entdecken und nicht nur ihre nächste Playlist vollstopfen wollen. Die sich einlassen auf Bands, deren Namen sie noch nicht aussprechen können. Diese wunderbare Eigenschaft eines Festivals perfektioniert das Kosmonaut wie kaum ein zweites. So entdecken wir Perlen wie Amilli oder Swutscher. Und bekommen frei Haus das geschmacksverstärkte Publikum neben uns auf der Wiese sitzend geliefert, wovon die großen Doppel-Festivals in Deutschland, die die saufenden Schülergruppen kurz nach dem Abitur ansaugen wie ein schwarzes Loch, nicht mal mehr zu träumen wagen.

Klar ist vieles mittlerweile zum Standard geworden. Selbst die Überraschungen. Ein Weckkonzert auf dem Zeltplatz - kam diesmal von OG Keemo. Nachts rappt dann Felix Kummer beim Kosmo-Wash, legt H.P. Baxxter unter den Bäumen der Siggi-Bühne auf und zaubern KIZ zum Abschluss ihrer einzigen deutschen Festivalshow für nur ein Lied Henning May auf die Bühne.

Damit schenkt das Kosmonaut-Festival seinen Gästen zwei Tage lang das Gefühl, am richtigen Ort zu sein. Wie einen Baldachin der Glückseligkeit legen die Organisatoren liebevolle Details über das Areal am Stausee. Wollen wir uns jetzt wirklich darüber aufregen, dass die Parkgebühr inzwischen bei 15 Euro liegt, weil einfach mehr Leute mit den Shuttlebussen fahren sollen, oder dass Scooter zweifellos auch ohne die halbnackten Gogo-Tänzerinnen ausgekommen wäre? (H.P. Baxter hat mit seinem Motörhead-Shirt doch nun wirklich genug geglitzert!) Nein, aber drüber reden können wir gerne.

Damit rückte in diesem Jahr vieles vom klassischen Stieren auf den Zeitplan ab, wann denn die nächste Band spielt. Mehr als sonst wurde geredet, der Geist des Kosmos Chemnitz, das nur einen Tag zuvor in der Innenstadt den Menschen das Gefühl gegeben hat, dass der angstmachenden Stimmung vom Spätsommer 2018 etwas entgegen gesetzt werden kann, er wehte konsequent bis zum Stausee. Es wurde mehr diskutiert - sei es auf der Podcast-Bühne mit spannenden Menschen wie Minh Thu Tran und Vanessa Vu, die den vietdeutscher Podcast Rice and Shine produzieren, oder entlang der deutlich vergrößerten NGO-Meile, auf der Vereine und Organisationen zum Gespräch einluden über Toleranz, Solidarität und dem Aufeinander achtgeben - quasi über die Frage, in welcher Gesellschaft wir eigentlich leben wollen. Beim Kosmonaut könnten wir die Antwort finden.

 

 

Bewertung des Artikels: Ø 4.7 Sterne bei 10 Bewertungen
4Kommentare
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  • 2
    0
    MisterS
    08.07.2019

    @Moderator Danke für die schnelle Auskunft.

  • 4
    1
    Moderator
    08.07.2019

    @MisterS: Das Foto ist keine Montage, sondern genau so aufgenommen. Lediglich die Farbparameter wurden nach Auskunft des Kollegen verändert.

  • 2
    0
    MisterS
    08.07.2019

    Ich habe eine Frage aus fotografischer Sicht. Ist das ein Originalfoto wie es aus der Kamera gekommen ist ? Oder ist es eine Montage ? Bei den Personen die ungefähr in der Bildmitte stehen scheint mir die Perspektive, Tiefenschärfe, Belichtung,Schärfe usw. im Vergleich zu den anderen Personen nicht ganz zu passen. Kann mich aber auch täuschen.

  • 7
    1
    WolfgangPetry
    07.07.2019

    Hammer Artikel! Freie Presse, danke, hätte ich gar nicht so erwartet!



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