Freude über "Kulturhauptstadt-Joker"

Chemnitz ist die erste Stadt, die im Wettbewerb um den Titel "Kulturhauptstadt Europas" nach ihrem Sieg um die Ernennung bangen musste. Jetzt ist die Erleichterung groß.

"Normalerweise stellt eine Jury Fragen und erwartet Antworten. Jetzt war es andersherum: Sylvia Amann, Vorsitzende der Kulturhauptstadt-Jury, musste der Kulturministerkonferenz, die das letzte Wort bei der Bestimmung der Kulturhauptstadt hat, gestern in einer Videoschalte Rede und Antwort stehen." So begann der Bericht der "Nürnberger Nachrichten" über jene Sitzung, in der Chemnitz einstimmig zur Kulturhauptstadt Europas 2025 bestimmt wurde. Es waren vor allem Vorwürfe aus Franken über Vetternwirtschaft zwischen Jury und Beratern, die die Chemnitzer Bewerbung in eine Bewährungsrunde zwangen. Dabei hatte die Stadt, das war seit Wochen klar, mit den Eigenheiten des Wettbewerbs nichts zu tun. Und das musste am Ende auch der bayerische Kulturminister Bernd Sibler (CSU) einsehen, dessen Veto-Drohung im Dezember die Ernennung von Chemnitz verhindert hatte.

Oberbürgermeister Sven Schulze (SPD) freute sich nach der Ernennung darüber, dass die Stadt nun "ohne jeden Zweifel" Deutschland als Kulturhauptstadt vertreten dürfe, und versprach bis dahin und darüber hinaus "viel Stadtentwicklung". Erleichtert zeigte sich die von Corona ohnehin gebeutelte Wirtschaft. "Auch wenn wir an einer Entscheidung für Chemnitz nie gezweifelt haben, so ist das einstimmige Votum der Kultusminister für die Kulturhauptstadt 2025 ein Erfolg für alle, die sich für die Bewerbung stark gemacht haben", sagte Hans-Joachim Wunderlich, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Chemnitz. "Ich bin mir sicher, dass uns bis 2025 spannende Jahre bevorstehen. Wir werden die Aktivitäten rund um die Kulturhauptstadt weiter aktiv begleiten."

"Einen weiteren guten Grund für ein Studium in Chemnitz" sieht die TU in der Entscheidung. Susann Kappler vom Projektteam TU4U: "Nun können wir ganz offiziell den Kulturhauptstadt-Joker auch in der Studienwerbung ziehen. Die nun kommenden Millioneninvestitionen und die internationale Aufmerksamkeit machen Chemnitz als Studienort noch attraktiver."

Die Fraktionsgemeinschaft Die Linke/Die Partei im Stadtrat kritisierte die bayerische Reaktion nach dem Juryvotum: "Bislang war es Tradition oder Brauch, dass die Runde der Kulturminister die Entscheidung der EU-Jury im Wettbewerb mit Respekt akzeptiert und durchgewunken hat. Dass es diesmal anders war und just der Kulturminister des Freistaates Bayern, der Nürnberg, den Wohnort des Ministerpräsidenten Markus Söder, als Hauptkonkurrenten ins Rennen geschickt hatte, zum Angriff blies, passt zu diesen Zeiten des Verfalls der guten Sitten." Mit dem Votum vom Montag habe auch "ein Stück Kunstfreiheit" gesiegt: "Die Chemnitzerinnen und Chemnitzer sind es gewohnt, im Sturm zu stehen - und dass ihnen nichts in den Schoß fällt."

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