81-Jähriger hütet Thumer Orchesterschatz

Sie gibt es in jedem Verein - Menschen, die still ihre Arbeit erledigen und ohne die nichts funktionieren würde. Walter Haase ist beim Verein Jugendblasorchester der Mann im Hintergrund. Doch wie wird man zum Notenwart?

Thum.

Walter Haases Handschrift ist beneidenswert. Sie sieht so sauber aus, dass man sie für eine Computerschrift halten könnte. "Einen Computer hab' ich gar nicht", sagt der 81-Jährige und lacht. "Das ist die Normenschrift, die habe ich in der Ausbildung gelernt." Und das, was der junge Walter Haase als angehender Elektriker einst paukte, nützt ihm noch heute - als Hüter des Schatzes des Thumer Jugendblasorchesters, wo er mit seinen handschriftlichen Listen das umfangreiche Titelarchiv verwaltet.

Über die Jahre änderten sich die Namen der einzelnen Formationen des Orchesters oder es kamen neue hinzu - Walter Haase aber zog sein Ding unbeirrt durch. Der Ur-Herolder ist seit einem Vierteljahrhundert Notenwart und kümmert sich darum, dass heute die Musiker von Bläserphilharmonie, Brass 94, Bläserjugend und Bläserkids immer die richtigen Noten parat haben.

Der Keller des Volkshauses birgt die Schatzkammer des Vereins. In hohen hölzernen Schränken, deren Inhalt teilweise nur mit Leitern zu erreichen ist, lagert ein Berg von grünen, gelben, roten und orangefarbenen Mappen. Sie alle enthalten die Noten für die Musikstücke, die die Ensembles über die Jahrzehnte gespielt haben. Von unzähligen Mappen zu sprechen, ziemt sich aber nicht. Denn im gleichen Atemzug würde man Notenwart Walter Haase ja unterstellen, sein Reich nicht im Blick zu haben. Und das stimmt nun wirklich nicht. Der 81-Jährige führt mit seiner feinen Normschrift ganz exakt Listen, was alles da ist. Mehr als 1100 Musikstücke befinden sich inzwischen in dem großen Raum, in dem die Musiker auch üben. Jedes Jahr kommen neue Titel hinzu.

Und Walter Haase wacht mit Argusaugen darüber, dass alles seine Ordnung hat. Denn wühlte jeder in den Schränken nach Noten, würde das unweigerlich im Chaos enden. Darum gibt es eine Notenausgabe. Dort hängt Walter Haase für jeden Musiker eine persönliche Mappe hin, die die jeweils benötigten Noten enthält.

Trotz allen Wirkens im Hintergrund ist Walter Haases Tun freilich auch der Vereinsspitze nicht verborgen geblieben. "Er hat nun bereits seit 25 Jahren ganz bescheiden im Hintergrund für unser Orchester eine enorm wichtige Arbeit geleistet", sagt Vereinschef Andreas Naupert. Er sorge nicht nur für eine reibungslosen Ablauf der Proben, sondern ordne auch die Noten aus dem riesigen Archiv oder bereite neu gekauftes Material auf. "Dafür gebührt ihm herzlicher Dank und große Anerkennung", so Naupert.

Eine Arbeit also, die viel Fleiß und Konzentration erfordert. Aber Walter Haase liebt die Musik zu sehr, als dass er allein Notenwart wäre. "Wir waren eine musikalische Familie. Mein Vater spielte Klavier, meine Mutter hatte eine herrliche Stimme", erinnert er sich. Er selbst musizierte mit seinen fünf Geschwistern, sang später mit seiner Frau im Chor der Kirchgemeinde, blies 65 Jahre im Posaunenchor und spielte bei mehr als 1000 Trauermusiken in 89 Orten.

Das weiß Walter Haase so genau, weil er mit seiner feinen Handschrift akribisch Buch führt. So hat er auch jede Einsatzstunde als Notenwart festgehalten. In diese Aufgabe rutschte der Elektromeister nach der Wende, als er seine Arbeit verlor und mit der "Aktion 55" im Verein beschäftigt wurde. Als das Förderprogramm des Landes auslief, mochten die Verantwortlichen im Verein ihren Walter Haase nicht mehr hergeben - bis heute.

Doch früher oder später müssen sie das. Denn Walter Haase denkt mit seinen 81 Jahren allmählich übers Aufhören nach. "Ich weiß nicht, wie lange die Hand noch mitmacht", erklärt er. Aber eins ist klar: Der Notenwart möchte eine geregelte Übergabe an seinen Nachfolger oder seine Nachfolgerin, die es noch zu finden gilt. Er schmunzelt. "Ein bisschen muss ich sie ja noch einweisen."

Was muss ein künftiger Notenwart mitbringen? Liebe zu dieser Arbeit, eine gewisse Notenkenntnis und unbedingt Ordnungssinn, zählt Walter Haase auf. Eine gute Handschrift wäre für die Aufgabe freilich auch von Vorteil. Und ein Computer würde sicher auch nicht schaden.

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