Eine Stadt - viele Herausforderungen

In Oberwiesenthal dominiert gegenwärtig die bevorstehende Junioren-Weltmeisterschaft in den nordischen Skidisziplinen vielfach die Szenerie. Doch der neue Stadtrat wird nicht nur an sportlichen Erfolgen gemessen.

Oberwiesenthal.

Die Kommunalpolitik im Kurort am Fichtelberg wird seit vielen Jahren von zwei Lagern bestimmt, die sich nahezu unversöhnlich gegenüberstehen. Diese verkrusteten Strukturen aufzubrechen, schickt sich zur bevorstehenden Kommunalwahl ein neues Bürgerbündnis an, in dem sich vorwiegend junge Leute engagieren. Neun Kandidatinnen und Kandidaten schickt die erst neu gegründete Vereinigung um die insgesamt 14 zu vergebenden Stühle im Stadtrat ins Rennen. Herausforderungen jedenfalls warten einige auf die neuen Mitglieder des Stadtrates.

Das Thema Tourismus wird insbesondere in diesen Tagen wieder viel diskutiert am Fichtelberg - auch, weil die beiden geplanten Großinvestitionen im dortigen Skigebiet nach wie vor in den bürokratischen Mühlen feststecken. Doch allein auf den Wintertourismus will das neue Bürgerbündnis Wiesenthal Einz (Einbeziehend, innovativ, nachhaltig, zukunftsorientiert) nicht setzen, wenngleich für die Mitglieder unstrittig ist, "dass das Skigebiet am Fichtelberg einer Modernisierung bedarf". Das müsse aber "von den Verantwortlichen gut überlegt sein" und es müssten Angebote für alle Wintertouristen geschaffen werden. Generell setzt Einz laut Christopher Gahler auf Ganzjahrestourismus und argumentiert: "Wenn es nicht schnellstmöglich gelingt, ein von möglichst vielen Beteiligten getragenes, wirtschaftlich sinnvolles und nachhaltiges Ganzjahreskonzept zu erarbeiten, werden wir weiter an Boden verlieren." Ähnlich äußert sich die CDU-Ortsgruppe: "Oberwiesenthal hat im Moment ein erhebliches Imageproblem - und das nicht nur durch die Konkurrenz am Keilberg. Verkehrschaos, lange Wartezeiten an den größtenteils maroden Liftanlagen in den Wintermonaten und unzureichende Angebote in den Sommermonaten. Das alles muss dringend in Angriff genommen werden und dabei einem ganzheitlichen Tourismuskonzept folgen." FDP-Fraktionschef Siegfried Kuhnt nennt den Tourismus "ein wichtiges Standbein" im Ort. Aber auch der Sport sei wichtig. Insgesamt dürfe das "gemeinsame Wohl aller" nicht aus den Augen verloren werden. Für den Sommer gelte es, "den Ort infrastrukturell weiterzuentwickeln".


Das Projekt Grundschule hat es in der zu Ende gehenden Legislaturperiode schon gegeben. Es ist allerdings gescheitert. Das neue Bürgerbündnis hat sich die Schaffung einer Schule nun erneut auf die Fahnen geschrieben. In die Diskussion um das künftige Schulmodell sollen Eltern und Schulträger mit einbezogen werden. Im Blick dabei: eine Erweiterung des bestehenden Bildungsangebotes in der Eliteschule des Wintersports. Die Christdemokraten sehen das Thema Bildung generell als wichtigen Faktor an, um insbesondere Familien in den Ort zu ziehen beziehungsweise sie dort zu halten. Für sie seien daher über die Schulbildung hinaus die Themen Ausbildung, Nachwuchsförderung, Unternehmensnachfolge und auch die Erschließung digitaler Arbeitsplätze von wesentlicher Bedeutung. Dafür bedürfe es eines Zusammenwirkens auf Landes- und Kreisebene. Die FDP plädiert für eine Ganztagsschule, von der nicht nur die Eliteschule des Wintersports profitiert, sondern die auch für andere Familien eine Bildungseinrichtung im Ort bietet. "Wir werden das Thema nicht an den Nagel hängen, sondern weiter daran arbeiten", so Kuhnt.

Altersgerechte Wohnangebote fehlen bisher in Oberwiesenthal. Welche Konzepte gibt es dafür? Christopher Gahler spricht von regelmäßigen Seniorentreffs in Zusammenarbeit mit dem Familienzentrum und der Schaffung eines Seniorenbeirates. Zudem werde seitens Einz' großes Potenzial in modernen Konzepten wie mobilen Einkaufsmöglichkeiten, Mitnahmebanken oder Hilfe-Helfer-Börsen gesehen. Die CDU sieht bei diesem Thema Defizite in zwei Bereichen: Ältere Mitbürger, die weiter zu Hause leben möchten, aber in den Dingen des täglichen Lebens Hilfe benötigen - jenseits bestehender Strukturen wie zum Beispiel Pflegedienste. Dafür soll die Stelle einer beziehungsweise eines Senioren- und Inklusionsbeauftragten eingerichtet werden. Zum zweiten möchten wir mit einem Mehrgenerationenhaus alle Einwohner näher zusammenbringen. Das könnte zudem privatwirtschaftlich genutzt werden, um altersgerechtes Wohnen zu ermöglichen. Das bestehende Familienzentrum soll weiter gefördert und unterstützt werden. Für die FDP ist ihr Konzept vom altersgerechten Wohnen - kombiniert mit einer neuen Grundschule - noch nicht in der Schublade verschwunden. Die Suche nach einem neuen Träger, der Schule und altersgerechtes Wohnen betreibt, bleibe bestehen.

Ein Verkehrskonzept für den Kurort wird seit Jahren regelmäßig angemahnt. Über die Dinglichkeit eines solchen Konzeptes sind sich die Bewerber um die Stadtratsmandate auch einig. Im Zusammenhang damit plädiert Einz unter anderem für den Einsatz von Ski- und Shuttlebussen, um den Verkehr in der Stadt zu senken und auch dafür, die Querung des Marktplatzes vom Verkehr zu befreien und das Areal für Gäste, aber auch für Gastronomen attraktiver zu machen. In Hammerunterwiesenthal müssten zudem die Fußwege an den Hauptverkehrsadern ausgebaut werden. Ausreichend Parkflächen schaffen und diese mittel Zubringerbussen mit den touristischen Sehenswürdigkeiten verbinden will auch die CDU. Lösungen für eine Minimierung des täglichen Verkehrs gebe es bereits, die müssten nur wieder auf die Tagesordnung gesetzt werden. Aus Sicht der FDP wird an einem solchen Konzept seit Jahren gearbeitet. Als Beispiele dafür führt Siegfried Kuhnt die Sanierung der Annaberger- und der Karlsbader Straße, wofür die Planungen abgeschlossen sind und wo der Baubeginn 2020 erfolgen soll. Entsprechende Mittel seien im Haushalt eingestellt. Dazu komme ein Verkehrsleitsystem. Zudem gelte es, Parkmöglichkeiten zu schaffen, um die Innenstadt verkehrsberuhigt zu gestalten. "Wir wollen zukunftsorientiert den Ort an die Bürger und nicht an das Auto anpassen."


Hausaufgaben für die neuen Mitglieder des Stadtrates

Bernd Petters sieht in der derzeit vielfach diskutierten Entwicklung des Skigebietes und in dem Thema Grundschule durchaus auch wichtige Punkte für die weitere Entwicklung der Stadt. Er wünscht sich aber auch mehr Engagement für die Seniorinnen und Senioren. Insbesondere müssten Möglichkeiten für Betreutes Wohnen geschaffen werden. Die gebe es bisher in der Stadt überhaupt noch nicht. "Pflegebedürftige ältere Menschen müssen unter anderem nach Bärenstein umziehen. Dadurch verliert Oberwiesenthal Einwohner", kritisiert er.

Gisela Laas wünscht sich unterdessen, dass die Jugend mehr angehört und auch einbezogen wird in die Kommunalpolitik. "Die jungen Leute müssen die Chance bekommen, ihre Ideen auch umsetzen zu können", argumentiert sie. Nur so könne sich die Stadt positiv weiterentwickeln. Von der Region und ihrem Bekanntheitsgrad her hätten sie die besten Voraussetzungen dafür. Insgesamt sollten die künftigen Mitglieder des Stadtrates besser mit den Bürgerinnen und Bürgern zusammenarbeiten, sie stärker in die kommunalpolitischen Belange eingebziehen. (af)


Zahlen und Fakten

Der Staatlich anerkannte Luftkurort Oberwiesenthal am Fuß des Fichtelbergs ist mit 914 Metern die höchstgelegene Stadt Deutschlands und der Wintersportort im Erzgebirge, der die meisten Übernachtungen aufzuweisen hat. Auf einer Fläche von reichlich 40 Quadratkilometern - einschließlich Hammerunterwiesenthal - leben mehr als 2000 Einwohner.


29 Kandidatinnen und Kandidaten stellen sich zur Wahl

Bürgerbündnis Wiesenthal Einz:

Jens Benedict, Christopher Gahler, Andreas Raupach, Vincent Häckel, Sebastian Mayerhoefer, Torsten Kürbis, Thomas Herberger, Heike Fudel, Lutz Heinrich

Christlich Demokratische Union:

Jens Weißflog, Erik Schulze, Nadja Rauscher, Jens Ellinger, Peggy Marlies Kollwitz, Christian Freitag, Cindy Beer, Hans-Peter Wendler, Carmen Rothe, Heinz-Michael Kirsten

Freie Demokratische Partei:

Karl-Ludwig Taulin, Siegfried Kuhnt, Mirko Trinks, Heiko Fischer, Gabriele Gropp, Thomas Kelch, Miroslav Hour, Sven-Dietmar Lohr, Silvia Wächtler, Ronald Wächtler

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