Mit Stoff und Garn in die Fünfzigerjahre

Vor einem Jahr kam Claudia Enzmann durch Zufall an eine Nähmaschine. Der Beginn einer Leidenschaft, die mit Petticoats und der Liebe zu Kleidern einherging. Und die Modemacherin beweist, dass ihre Sachen durchaus auch heute noch alltagstauglich sind.

Annaberg-Buchholz.

Claudia Enzmann sitzt in einem kleinen Raum. Neben ihr steht ein elektrischer Heizkörper, vor ihr eine Nähmaschine. Es ist wohl eines der kleinsten Modeateliers. Doch was hier in der kleinen Kammer unter dem Dach des Mehrfamilienhauses entsteht, lässt eine Zeit wieder aufleben, die die 35-Jährige eigentlich nur aus Filmen und Liedern kennt - die 1950er-Jahre.

Innerhalb nur eines Jahres hat sich Claudia Enzmann von einer Näh-Anfängerin zu einer Modedesignerin entwickelt, die Kleider, Röcke, Mäntel und Co auf Maß für ihre Kundinnen anfertigt. Den Anfang nimmt diese Geschichte im Januar 2018. Damals wird sie von einem Arbeitskollegen gefragt, ob sie nicht eine gebrauchte Nähmaschine haben möchte. Dann die Frage: Was macht man jetzt mit so einem Gerät? Nähen, klar, aber was? Mit Kindersachen und Loops ging es los. "Dann dachte ich mir aber, das machen viele", so die zweifache Mutter. Ihr fiel ein Schnittmuster für ein Petticoat-Kleid in die Hände. "Das ist total meins." Also nähte sie ihr erstes 50er-Jahre-Kleid. Schon lange hatte sie ein Faible für dieses Jahrzehnt, ging auf entsprechende Konzerte, absolvierte einen Boogie-Woogie-Tanzkurs. "Ich bin in der falschen Zeit geboren", sagt Claudia Enzmann und lacht. Ihre Nachbarin war quasi die erste Kundin. Viele weitere sollten aus dem Erzgebirge und darüber hinaus folgen. Über die sozialen Netzwerke machte sie auf ihr Label "Twist' in" aufmerksam. Mittlerweile verbringt sie jede freie Minute in ihrer kleinen Nähstube.

Aus ihrer Sicht sollten Frauen wieder mehr Kleider und Röcke tragen. Sie seien einfach ein tolles Kleidungsstück für eine Frau. "Vielleicht bin ich da ein bisschen altmodisch, aber nicht weniger emanzipiert." Sie selbst trägt Sommer wie Winter am liebsten Kleid. Um dennoch nicht zu frösteln, hat sie auch begonnen, passende Mäntel zu nähen. Auch Bleistiftröcke, Etuikleider und Accessoires hat sie im Portfolio oder sind geplant. Und auch die Männer kommen langsam auf den Geschmack. Erste Anfragen für Boogie-Woogie-Hemden gebe es bereits.

Das Besondere an den Kleidern von Claudia Enzmann ist, dass jedes Stück ein Unikat ist. Ihre Kunden kommen zum Maßnehmen oder schicken ihre Abmessungen an sie. Stoff, Muster und genaue Ausführung werden individuell besprochen und umgesetzt. "Jede soll das Kleid bekommen, das sie sich wünscht." Sind alle Eckdaten bekannt, braucht Claudia Enzmann fünf bis sechs Stunden, bis der 50er-Jahre-Traum fertig ist. "Ich habe schon ganze Wochenenden hier zugebracht", erzählt die 35-Jährige. Ihr Mann und ihre Kinder unterstützen sie, auch wenn sie manchmal gezielt zurück in die Wohnung geholt werden muss, wenn sie sich zwischen Stoffen, Garnen, Schleifen und Mustern verliert. Nichtsdestotrotz soll das alles ein Hobby im Nebenerwerb bleiben. Doch die Nähstube wird sich bald vergrößern. Geplant ist, auf dem Dachboden eine neue einzurichten. Die aktuelle Kammer wird zum Ankleidezimmer. In Annaberg leben die 1950er-Jahre weiter und kommen aus der Nähstube immer mehr auf die Straßen.

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