Wie lange bläst der Wind noch Geld in Jöhstadts Stadtsäckel?

Die Beteiligung am Windpark wird für die Bergstadt allmählich zum Problem. Die Anlagen sind alt. Die einst auf 20 Jahre festgelegte lukrative Einspeisevergütung wird nur noch zwei Jahre gezahlt. Und Geld für eine Neuinvestition fehlt.

Jöhstadt.

Seit 1994 drehen sich vor den Toren Jöhstadts Windkraftanlagen. Die Fläche ist im ganzen Altkreis Annaberg bis heute die einzige, die im Regionalplan als Vorranggebiet zur Nutzung von Windenergie ausgewiesen ist. Das heißt, nirgends sonst dürfen Windkraftanlagen errichtet werden. Weil die Stadt damals mit Privatpersonen die Windpark GmbH gründete, daran Mehrheitseigner ist, profitiert sie auch noch unmittelbar. Im Schnitt bläst der Wind rund 50.000 Euro pro Jahr in die Stadtkasse, sagt der Geschäftsführer der Windpark GmbH Jan Schreiter. Doch das Ganze ist kein Selbstläufer.

Anlagen der Windpark GmbH sind inzwischen 24 Jahre alt. Hinzu kommt, dass die einst auf 20 Jahre festgelegte lukrative Einspeisevergütung von 6,2 Cent je Kilowattstunde nur noch bis 2020 gezahlt wird. Deshalb wird schon länger über ein Repowering nachgedacht. Dabei sollen neun Altanlagen abgerissen und dafür vier neue und effizientere errichtet werden. Sie sollen zusammen eine Leistung von 7,5 Megawattstunden bringen.

Im Stadtrat ist das Thema seit fast zwei Jahren präsent. Jedoch gab das Gremium erst im April 2017 grünes Licht für ein Repowering. Zwischendurch war die Sache zum Politikum geworden. Auslöser bildete eine Gesellschafterversammlung der Windpark GmbH im Dezember 2015. Daran hatte Bürgermeister Olaf Oettel als Vertreter der Stadt teilgenommen, seinen Rat anschließend aber nicht über getroffene Festlegungen unterrichtet. Insbesondere kritisierte das Gremium damals, nicht gewusst zu haben, dass die Versammlung die Weichen für einen Bauantrag für neue Windkraftanlagen gestellt hatte.

Mittlerweile ist das ausgeräumt. Dafür stehen inzwischen neue Hürden. So gibt es eine große Finanzierungslücke. Das Vorhaben Repowering koste laut grober Kalkulation fast fünf Millionen Euro. Die Windpark GmbH könne aber nur maximal 300.000 Euro selbst aufbringen, von denen schon 180.000 Euro in die Planung geflossen seien. Von der Bank liege bis jetzt die Aussage vor, dass eine Kreditaufnahme von circa drei Millionen Euro möglich ist. Fehlten noch zwei Millionen Euro. Die Stadt als Mitgesellschafter könne wegen ihrer eigenen finanziellen Situation keinen Cent aufbringen, sagt Oettel. Deshalb soll nach anderen Lösungen gesucht werden, etwa nach Investoren. Dazu will Oettel noch diesen Monat mit den Stadtwerken Annaberg reden, die das Stromnetz in Jöhstadt betreiben. Ob sie sich engagieren, wird sich zeigen. Kai Aschermann, Geschäftsführer der Stadtwerke, erklärte gestern auf "Freie Presse"-Anfrage lediglich: "Anlagen des Windparks speisen in unser Stromverteilnetz ein. Das bedeutet, dass Veränderungen an den Anlagen immer auch zu Neu-Konfigurationen oder Ausbauten am Netz führen. Insoweit sind wir als Netzbetreiber und damit als Stadtwerke Annaberg-Buchholz schon beteiligt."

Neben der Frage der Finanzierung schmerzt Windpark Geschäftsführer Schreiter, dass es seit Januar 2017 nicht mehr die bislang gesetzlich festgelegte Vergütung für Betreiber von Stromerzeugungsanlagen aus erneuerbaren Energien gibt. Mit der zwischenzeitlichen Änderung des Erneuerbaren-Energien-Gesetz wird die Vergütung jetzt über Ausschreibungen geregelt. Somit legt der freie Markt die Höhe fest, nicht mehr der Staat. "Wir brauchen aber 5 bis 5,5 Cent je Kilowattstunde, um wenigstens plus minus Null rauszukommen", sagt Schreiter. Die nächste Ausschreibung ist im August. Daran würde sich die Windpark GmbH beteiligen, wenn der Stadtrat in seiner letzten Sitzung vor der Sommerpause zustimmt. Dann aber müsste auch irgendwann repowert, sprich neu gebaut werden, damit sich auch künftig vor den Toren der Stadt die Windräder drehen.

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2Kommentare
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  • 1
    0
    Tauchsieder
    23.06.2018

    "Dor...." klasse, die richtigen Fragen gestellt. Da hat wohl das Stadtsäckel ein Loch.
    Man kann nur hoffen das dieser Spuk ein Ende findet.

  • 3
    0
    Dorpat
    23.06.2018

    Man kann zwar leider aus dem Artikel nicht herauslesen, in welchem Umfang die Stadt im Windpark beteiligt ist. Man kann aber errechnen, daß Jöhstadt vermutlich etwa 1,2 Millionen Euro eingenommen hat. Das Repowering kostet 5 Millionen Euro, die Windpark GmbH kann aber nur 300.000 Euro aufbringen. Hat die GmbH praktisch gar keinen Überschuß ansammeln können, in den 24 Jahren? Um später mal Rückbau und Umbau zu finanzieren? Welchen Sinn machen solche Anlagen?
    Diese Fragen werden weder gestellt noch beantwortet!



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