Aschenputtels Kraft - Chemnitz will Kulturhauptstadt 2025 werden

Valletta und Leeuwarden sind 2018 Kulturhauptstädte, Chemnitz will es 2025 werden - Der einstige Chef der EU-Jury spricht im Interview über Chancen und Mut.

Chemnitz.

In den nächsten Tagen werden die diesjährigen Kulturhauptstädte Europas ihre Veranstaltungen beginnen: Valletta, Hauptstadt Maltas, und das niederländische Leeuwarden. Leeu-was? Nie gehört? Macht nichts, so eine Stadt kann trotzdem Kulturhauptstadt Europas werden. Daher ist es nicht absurd - wie etliche bei der Bekanntgabe dachten -, dass sich Chemnitz um diesen Titel für 2025 bewerben will. Die offizielle Bewerbungsphase startet dieses Jahr. Die Stadt schart zur Inspiration schon Experten um sich, kürzlich referierte auf einer Tagung Manfred Gaulhofer aus Graz, einst Vorsitzender der EU-Jury für die Auswahl der Kulturhauptstädte Europas. Katharina Leuoth hat ihn gefragt, warum Kulturhauptstädte Missverständnisse auslösen, welche Chancen Chemnitz hat und wie ein bisschen Frechheit gegenüber Dresden helfen könnte.

Freie Presse: In einem Bericht der "Welt" hieß es: Leeuwarden hat drei Probleme - hohe Arbeitslosigkeit, Armut und einen unterdurchschnittlichen Bildungsstandard. Was macht diese Stadt zur Kulturhauptstadt Europas?

Manfred Gaulhofer: Es ist ein langer Prozess, bis eine Stadt als Kulturhauptstadt ernannt wird. Die Jury macht sich ein Bild aus der Bewerbung, weiteren Informationen und Besuchen vor Ort. Die benannten Probleme sind Teil der Bewerbung Leeuwardens. Sie wurden dort klar benannt und flossen in die Programmgestaltung mit ein. Leeuwarden hat unter anderem mit Programminhalten überzeugt, die sich der Fragestellung widmen, wie die Stadt diese Probleme mit starker Beteiligung der Bürger lösen kann. Zudem macht Leeuwarden aus, dass dort mit Friesisch eine kleine regionale Sprache gepflegt wird, auch zeigt es die besondere Lebensform einer ländlichen Gesellschaft.

Es geht also nicht darum, dass eine Stadt mit tausenderlei Kulturgütern herausgeputzt ist?

Richtig. Es geht nicht darum, was eine Stadt hat oder ist, sondern darum, was sie aus ihrer Situation macht. Sie muss nicht 90 Kathedralen oder Museen haben, sondern einen kulturellen Bodensatz, aus dem sich etwas entwickeln lässt.

Glauben Sie, dass das der breiten Öffentlichkeit bewusst ist?

Ich muss gestehen, dass ich das nicht glaube. Deshalb ist wichtig: Eine Stadt, die sich um diesen Titel bewirbt, muss ihre Bevölkerung aufklären, die Leute müssen wissen, was Kulturhauptstadt bedeutet. Sie müssen alle diesen Titel wollen.

Am Anfang waren es ja noch Städte, bei denen man sich mit der Verbindung des Wortes Kulturhauptstadt nicht fragend die Augen rieb: Athen, Florenz, Amsterdam, Paris, Madrid. Ab etwa dem Jahr 2000 waren es schon eher unbekannte Namen wie Cork, Patras, Sibiu. Ab wann und warum wurden die Auswahlkriterien überarbeitet?

Als Mitte der 1980er-Jahre die ersten Kulturhauptstädte benannt wurden, wollte man zeigen, welch unglaublich kulturelle Vielfalt es in Europa gibt. Bis etwa Ende der 90er-Jahre war man mit den großen Städten durch und fragte sich: Was bringt das? Kein Mensch hat mitbekommen, dass Paris oder Westberlin Kulturhauptstädte waren, weil das "normale" Kulturleben in diesen Städten so vielfältig ist, dass keine zusätzlichen Impulse ausgelöst wurden. Also überlegte man neu: Es sollten nicht mehr die Städte, die sowieso schon alles haben, den Titel erhalten, sondern Städte, die einen kulturellen Humus vorweisen und denen der Titel bei der Stadtentwicklung helfen kann. Mittlerweile werden zwei Städte in einem Jahr benannt, eine aus einem langjährigen, eine aus einem neuen EU-Land.

Die Länder der Kulturhauptstädte werden bereits Jahre im Voraus festgelegt. Wieso?

Die Länder werden von der EU-Kommission vorgeschlagen und müssen vom EU-Parlament bestätigt werden. Die Reihenfolge, in der Mitgliedsländer Kulturhauptstädte vorschlagen können, wird viele Jahre im Voraus festgelegt, um lange Vorbereitungszeiten für die Bewerbungen der Städte zu ermöglichen.

Was sind die wichtigsten Kriterien für eine Kulturhauptstadt?

Die Jury muss erkennen, dass es in dieser Stadt ein ganzes Jahr lang viele kulturelle Veranstaltungen geben wird, dass also ein Jahr lang die Post abgeht. Die Stadt muss zweitens mit Aktionen und Projekten dafür sorgen, dass Kultur als eines der Elemente der künftigen Stadtentwicklung stärker spürbar wird. Und sie muss sich drittens darum kümmern, dass auch sogenannte kulturferne Kreise für die Kultur gewonnen werden. Alle Einwohner, nicht nur die, die sowieso schon ins Theater und ins Museum gehen, sollen das Gefühl haben, dass dieser Titel etwas Positives für sie bedeutet. In Graz als Kulturhauptstadt etwa lag ein Schwerpunkt auf zeitgenössischer Musik, damit wurde viel neues, junges Publikum erschlossen. Auch wurde in Graz die Weltmeisterschaft des Straßenfußballs von Obdachlosen ins Leben gerufen. Dieses Turnier findet nun jährlich in Städten auf der ganzen Welt statt.

Was verstehen Sie unter Kultur? Viele sagen zuerst mal Kunst.

Eine Kulturhauptstadt ist keine Kunsthauptstadt. Kunst ist nur ein Teil der Kultur. Kultur bedeutet Lebensform. Und die Kulturhauptstädte sollen zeigen, was europäische Kultur ausmacht: zum einen die Vielfalt der unterschiedlichen Lebensformen, zum anderen die gemeinsamen Wurzeln.

Was sind Beispiele dafür?

Nehmen wir die diesjährige Kulturhauptstadt Valletta: Sie wird unter anderem ihre Karnevalstradition herausstellen. Karneval spielt in Valletta eine große Rolle. Es gibt dort eine große Zahl in die Felsen gebauter Werkstätten, wo die Karnevalswagen für die Umzüge gebaut und untergestellt werden. Karnevalstraditionen ähnlicher und ganz anderer Art gibt es in jedem europäischen Land. Dieses Thema steht also für Gemeinsamkeit und Vielfalt kultureller Ausprägungen in Europa. Ein anderes Beispiel ist das Chorsingen: Auch das gibt es in jedem Land, wird aber auf ganz unterschiedliche Weise praktiziert.

Was ist besonders an Chemnitz?

Dazu kann ich nichts sagen, das müssen sich die Chemnitzer Kulturschaffenden überlegen.

Oliver Scheytt, einstiger Kulturdezernent von Essen und mitverantwortlich für die Bewerbung Essens als Kulturhauptstadt - sie bekam den Titel 2010 - sagt: Kulturhauptstadt wird man, wenn man Bilder erzeugt und Geschichten erzählt. Könnte so ein Bild für Chemnitz der Schornstein der Stadt sein, der vor einigen Jahren nach einem Entwurf des französischen Künstlers Daniel Buren bemalt wurde und nun nachts beleuchtet wird? Könnte die Esse als Wahrzeichen der Kulturhauptstadt dienen, weil sie die Geschichte Chemnitz' von der Industrietradition über den Sozialismus bis zur selbst ernannten Stadt der Moderne symbolisiert?

Es kommt darauf an, wie man diese Geschichte erzählt, aber ja: Grundsätzlich kann so ein Schornstein ein sehr gutes Beispiel dafür sein. Er hat Symbolcharakter. In Essen hat man auch die Industrietradition genommen, die Geschichte drehte sich um den Mythos Ruhr und den Stolz der Bergleute - das hat man in Bilder, Theater und Feste gepackt und so den Weg zu einer Metropole gezeigt.

In Chemnitz will man herausstellen, dass die Stadt exemplarisch für die vielen Brüche in Europa steht und dafür, wie man mit ihnen umgehen kann, also wie man vom sächsischen Manchester über Karl-Marx-Stadt zur Stadt der Moderne kommen kann. Passt das für eine Bewerbung als Kulturhauptstadt?

Ja, ganz hervorragend.

Wie schätzen Sie die Chancen von Chemnitz ein, Kulturhauptstadt 2025 zu werden - bei Mitbewerbern wie Dresden, Hannover, Magdeburg und Nürnberg?

Das kann man nicht vorhersagen. Keiner konnte vorhersagen, dass Leeuwarden Kulturhauptstadt 2018 wird. Jede der deutschen Bewerber-Städte könnte es werden. Wichtig ist, dass viele Menschen einbezogen werden: Junge, Alte, Kulturschaffende, Langzeitarbeitslose. Wichtig ist, dass die Bevölkerung dahinter steht.

Wo hat das in der Vergangenheit besonders gut geklappt?

In Marseille 2013 zum Beispiel. Das war mal eine raue Hafenlandschaft. Aber die Zeiten ändern sich. Heute wird dort nicht mehr so viel Hafen gebraucht. So hat man einen Teil davon zum Kulturviertel umgebaut, unter anderem mit einem Museum für Mittelmeerkulturen und einem Ausstellungsraum für zeitgenössische Kunst. Das nehmen die Menschen an, nicht nur Touristen, sondern auch die Bevölkerung. Oder Lille in Frankreich - seitdem sie 2004 Kulturhauptstadt war, wird dort alle drei Jahre ein Kulturfestival gefeiert. Riga 2014 hat das Thema Chöre hervorgehoben, die Bevölkerung hat sich toll eingebracht, und es wurde nicht nur in Konzerthäusern gesungen, sondern auch im Freien und sonst wo. Kosice in der Slowakei hat Roma in die Aktivitäten einbezogen, Valletta will insbesondere Grundschulen einbeziehen.

Sie selber sagen, man muss auch ein bisschen frech sein. Graz beispielsweise - Sie waren Organisationschef für Graz' Kulturhauptstadtbewerbung - habe damit geworben, dass Wien sein schönster Vorort sei, was in Wien nicht so gut ankam. Könnte Chemnitz mit seinen vermeintlichen Nachteilen frech sein? Nach dem Motto: Chemnitz und das Erzgebirge haben den Reichtum erarbeitet, den Dresden verprasst hat, deshalb gilt Chemnitz als Aschenputtel und Dresden als Schöne - aber wissen wir nicht alle, dass letztlich Aschenputtel die Tollste ist?

(lacht) Das ist doch eine ideale Ausgangsposition! Man muss frech sein, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Um den Menschen in der Stadt und außerhalb klar zu machen: Schnallt euch an, wir haben hier was vor!

Was beeindruckt die Jury, wenn sie Bewerberstädte besucht?

Wenn sie vorfindet, was in der Bewerbung steht. Wenn sie liest, die Bevölkerung steht hinter der Bewerbung, und ein Jurymitglied fragt vor Ort einen Passanten danach, und der sagt - Kulturhauptstadt? Keine Ahnung! - dann wäre das schlecht.

Der Experte, das Prozedere, die diesjährigen Kulturhauptstädte

Manfred Gaulhofer (Foto) studierte Betriebswirtschaft im österreichischen Graz, promovierte und arbeitete unter anderem als Unternehmensberater. Ab 2001 war er für die Durchführung des Projektes Kulturhauptstadt Europas im Jahr 2003 - das war Graz - verantwortlich. Von 2008 bis 2013 war Gaulhofer Mitglied - und von 2011 bis 2013 Vorsitzender - der Jury der Europäischen Institutionen zur Auswahl und Begleitung künftiger Kulturhauptstädte Europas. Heute leitet er die Gaulhofer-Industrie-Holding, die Türen und Fenster produziert.

Der Titel Kulturhauptstadt Europas wird seit 1985 jährlich von der Europäischen Union vergeben. Für das Jahr 2025 wollen sich in Deutschland neben Chemnitz mehrere Städte bewerben, darunter Nürnberg und Dresden. Die offizielle Bewerbungsphase beginnt Ende 2018, die Entscheidung wird 2021 getroffen. Der Chemnitzer Stadtrat hatte vor einem Jahr Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig beauftragt, die Bewerbung von Chemnitz vorzubereiten. Projektleiter ist Kulturbetriebsleiter Ferenc Csák.

Die Eröffnungswoche der diesjährigen Kulturhauptstadt Valletta (Malta) findet ab Sonntag statt, das Eröffnungswochenende der zweiten Kulturhauptstadt Leeuwarden (Niederlande) ab 26. Januar. (kl)

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
 Artikel versenden
Die mit * gekennzeichneten Felder sind Pflichtfelder.
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...