Haus in Flammen: Er klingelt die Nachbarn aus dem Schlaf

Ein Mülltonnenbrand hat sich in Sekundenschnelle ausgebreitet und ein ganzes Haus zerstört. Mit Polizeierlaubnis griff ein junger Mann zu einer ungewöhnlichen Methode, um Mieter zu warnen.

Spaziergänger und Radfahrer stoppen vor dem Hausgerippe. Kopfschüttelnd greifen sie zum Fotoapparat: Der Sonntagsausflug der Schloßchemnitzer führt zur Altendorfer Straße 24. Zu dem Mietshaus, in dem tiefe, schwarze Löcher klaffen, verteilt über sechs Etagen. Die Fensterscheiben geborsten, geben den Blick in die ausgebrannten Schlafzimmer frei. Ein Feuer hat in der Nacht zu Samstag alle Wohnungen zerstört und die der Nachbareingänge stark beschädigt. 43 Mieter wurden aus dem Schlaf gerissen, evakuiert und ins Penta-Hotel gebracht. Dort sind gestern alle Betroffenen wieder ausgezogen, sagt eine Mitarbeiterin. Sie kommen wohl bei Bekannten und Familie unter, in ihre Wohnungen zurück können sie nicht.

Ein junges Paar sucht im vierten Stock mit rußverschmierten Händen nach Dingen, die womöglich von den Flammen verschont geblieben sind. Reden können sie über die Feuernacht auch einen Tag später noch nicht. Eine Frau läuft über den Hinterhof, mit einem Blumenstock in der Hand. Den hat sie aus der Wohnung ihrer Eltern geholt. Ein kleines Hoffnungszeichen, das sie Vater und Mutter bringen will. Denn der Rest, die gesamte Einrichtung sei verkohlt. "Alles ist kaputt, von der Uhr bis zur Brille, alles", schildert die Tochter. Eine Mieterin der Nachbarwohnung kehrt zurück, um nach den Schäden zu schauen. Als sie im Schlafanzug das Haus verlassen musste, stand der Vorsaal schon unter Wasser, erinnert sie sich. Wie es weitergeht, weiß keiner. Die Hausverwaltung ist gestern nicht erreichbar gewesen.

Im Hof der Karreebebauung diskutieren Anwohner über den Feuerwehreinsatz. Zu spät, sagen sie, waren die Einsatzkräfte vor Ort, hätten erst an der Vorderfront gelöscht, obwohl auf der Hinterseite die Flammen viel heftiger loderten. "Und ohne ihn wäre noch viel Schlimmeres passiert. Er ist der Lebensretter", sagt ein Anwohner und zeigt auf Julian Deutschendorf. Er wohnt gegenüber dem Brandhaus und ist kurz nach 3.30 Uhr durch einen hellen Schein aufgewacht, schildert er. Beim Blick aus dem Fenster sieht er, dass eine Papiermülltonne brennt. Julian Deutschendorf wählt den Notruf, rennt auf den Hof zum gegenüberliegenden Haus, klopft, brüllt, klingelt, damit alle Bewohner wach werden. Sekunden später bricht die Decke im Hausdurchgang ein. Die Flammen brechen sich Bahn. "Ein Feuerball kam durch den Durchgang. Sofort standen die ganze Fassade und der Dachstuhl in Flammen", so der 23-Jährige. Keiner weiß zu dem Zeitpunkt, ob alle Mieter gewarnt sind. In Absprache mit der Polizei gibt er aus seiner Schreckschusspistole Schüsse in die Luft ab, die er sich vor einiger Zeit zur Vorsicht angeschafft habe.

Die ersten zwei Polizisten am Einsatzort gehen in die Häuser - die Flure sind schon voller Qualm -, um nach den Mietern zu schauen. Beide Beamte werden später mit Rauchgasvergiftung im Krankenhaus behandelt, ebenso drei Mieter und eine Frau mit Herzproblemen, sagt Thomas Hellfeuer von der Berufsfeuerwehr. Seine Kollegen haben einen schweren Einsatz hinter sich - laut Polizei wegen der baulichen Situation. Die Hausrückseite, wo die Flammen am heftigsten loderten, sei schwer erreichbar gewesen. Nur der Arbeit von Feuerwehr und Polizei sei es zu verdanken, "dass dieser Brand keine Menschenleben forderte", so die Polizei. Sie geht von schwerer Brandstiftung aus und hat eine Sonderkommission gebildet.


Einsatzleiter: Flammen versperren schnelle Zufahrt - Zweiter Zugang nicht passierbar

Zu den Vorwürfen von Anwohnern, die Feuerwehr hätte schneller sein können, sprach Mandy Fischer mit Einsatzleiter Thomas Hellfeuer.

Freie Presse: Warum traf die Feuerwehr erst 20 Minuten nach der Alarmierung ein, wie Anwohner beobachtet haben?

Thomas Hellfeuer: Diese Beobachtung trifft auf die nachalarmierten Feuerwehren zu. Der erste Alarm ging 3.44 Uhr ein. Das erste Löschauto war 3.52 Uhr da. Es stand auf der Altendorfer Straße, wir haben sofort mit Löschen begonnen. Womöglich konnten das die Mieter dahinterliegender Karreebebauung nicht sehen.

Weshalb wurde nur ein Auto geschickt?

Uns war ein Containerbrand gemeldet worden. Da reichen normalerweise die Besatzung von sechs Mann und 2000 Liter Löschwasser voll aus. Als die Kameraden die Ausdehnung gesehen hatten, wurde nachalarmiert.

Warum haben die dann eingetroffenen Feuerwehrleute nicht sofort begonnen zu löschen?

Sie kamen nicht durch den Häuser-Durchgang, weil dort die Flammen loderten. Der zweite Zugang zu den Gebäuden hatte eine zu niedrige Höhe, die Autos kamen nicht durch. Deshalb mussten sie auf der Arthur-Bret schneider-Straße stehen bleiben. Wir konnten keine zweite Drehleiter in Stellung bringen. Schläuche mussten gelegt, Anschlüsse gesetzt, Treppen und Wiese überwunden werden. Das dauert für Beobachter eine gefühlte Ewigkeit. Als wir von der Rückseite löschen konnten, waren die Flammen schon die Hausfassade entlang bis ins Dachgeschoss hochgelaufen.

Warum hat sich der Brand so schnell ausgebreitet?

Es könnte an der Kunststoffverkleidung der Fassade liegen. Bei Putz wäre das nicht passiert, der platzt nur ab, brennt aber nicht. Die Kollegen erinnerten sich an den Einsatz im Juli 2015 an der Salzstraße, als sich ein Mülltonnenbrand rasend schnell ausbreitete und auf Häuser übergriff.

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8Kommentare
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  • 0
    2
    Kampfhahn
    15.02.2016

    Ach ich liebe evakuiert Menschen :)

  • 6
    0
    fp2012
    15.02.2016

    @Interessierte:
    Nun, Sie schreiben doch auch Romane, während Sie "arbeiten". Wo ist also das Problem?

  • 9
    1
    gelöschter Nutzer
    15.02.2016

    In den letzten Jahren hat man Unmengen von Häusern komplett mit einem Wärmedämmstoff eingehüllt, der in kürzester Zeit eine große Ausdehnung eines Feuers begünstigt. Hat bei der Zulassung niemand an ein mögliches Feuer gedacht? Wenn dagegen bei Sanierungsarbeiten in einem gemauertem Schacht, in dem oft nur Wasserleitungen liegen, ein Deckendurchbruch durch eine Betondecke nicht ordnungsgemäß brandschutztechnisch verschlossen war, da gab es echte Probleme. Nur, das dort im fast unmöglichem Brandfall meist die Leitungen platzen und mit löschen.

  • 15
    1
    Denordeutsche
    15.02.2016

    An nicht Öffentlichen Gebäuden wird fast zu Hundert Prozent Styropor genutzt zur Wärmedämmung ,im Erdbereich Hartschaumplatten (Polystrol).
    Bei Gebäuden die der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen ,kommt Steinwolle zum Einsatz die nicht brennbar ist. Erst bei 800 - bis 1000 Grad beginnt der Zerfall des Materials .Macht also Sinn ,statt dieses Kunststoffmülls....

  • 0
    9
    Interessierte
    15.02.2016

    Der erste Alarm ging 3.44 Uhr ein ...

    Wo kommt man denn um diese Zeit her ?
    Normale Menschen die arbeiten gehen oder kein Geld zum Ausgehen haben , und die , die tagsüber trinken , schlafen um diese Zeit ...
    ( und spazieren gehen wird da wohl keiner mehr , oder ?

    Ohne ihn, sagen Nachbarn, hätte es ein viel dramatischeres Ende gegeben ...
    Sie geht von schwerer Brandstiftung aus und hat eine Sonderkommission gebildet.
    ( wie wird denn das gefahndet , zählt das als versuchter Mord ???

    Und Zeugen wird es um diese Zeit wohl kaum geben und die Spuren sind verbrannt und verwässert ....
    Als der junge Mann das Lodern bemerkt hat , lagen die Verursacher bestimmt schon ´lachend` im Bett - wie Max und Moritz ...

  • 1
    11
    Interessierte
    15.02.2016

    Da wird uns immer erzählt , wie man sich vor ´irgendwelchen` Ereignissen ´schützen` kann und sein leben retten kann :

    EC-Karten gut und separat verstecken
    wenig Geld bei sich haben
    das Portemonnaie in der Brusttasche
    die Tasche geschlossen halten
    die Tasche um den Hals hängen
    die Fenster und Türen schließen
    Schlösser und Mehrfachverriegelungen
    die Erdgeschosse mit Jalousie
    Licht brennen lassen
    nicht mehr allein auf der Straße gehen
    im Dunkeln besser nicht aus dem Haus gehen
    Pfefferspray mitnehmen
    Warnschutzpistolen mitnehmen
    Waffenscheine beantragen
    Abwehrsport betreiben
    Handys bei sich haben
    ( was aber nichts nützt , wenns geklaut wird ...

    Was macht man denn aber nun mit den Autos ?
    Und was macht man denn nun mit dem Müllkübeln ?
    Die kann man ja nun schlecht mit in die Wohnung nehmen !?

  • 3
    7
    Interessierte
    15.02.2016

    Mit der Kunststoffverkleidung hatte aber sicherlich einer eine richtig gute Geschäftsidee und schon viel Geld damit verdient ...

    Zitat:
    Julian Deutschendorf sieht vom Balkon seiner Wohnung aus die Rückfront des Brandhauses, unten der „Durchgang“ , der für die Feuerwehr unpassierbar blieb.

    ( so , wie das aussieht , ist das doch ein ´neu gebauter` Zwischenbau ; und da hat man ´nicht` beachtet , dass dort ´notfalls´ ein Feuerwehrauto durchfahren muß ? Das kann an sich nicht sein , wo doch ´neuerlich` alles feuerwehrzufahrtsgerecht gebaut werden ´muß`...
    ( da hat der Architekt sicherlich verantwortungslos oder auch - fachlich unkompetent - projektiert , indem er die Erdgeschoßhöhe zu niedrig berechnet hat …

    Und der Container hatte wohl in der Durchfahrt gestanden ? Somit man wegen so viel Unverfrorenheit bzw. Hohlheit und dieser fachlichen Unfähigkeit - sein gesamtes Hab+Gut wie Fotoalben etc. eingebüßt ...

  • 13
    2
    torschro
    15.02.2016

    "Es könnte an der Kunststoffverkleidung der Fassade liegen"
    wieviel solcher Brände müssen eigentlich noch passieren, bis man dieser Wärmedämmlobby mit ihrem Sondermüll an den Fassaden endlich mal das Handwerk legt?



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