Museumsnacht ohne Museen

Erstmals lag der Schwerpunkt des Events im Stadtteil Sonnenberg. Ob das gut ankam? "Freie Presse" machte den Test.

18 Uhr: Der Sonnenberg döst vor sich hin. Museumsnacht? Eigentlich sollte es jetzt losgehen, doch noch ist nichts zu spüren. An der Tschaikowskistraße steht eine Traube Menschen. Sie halten Broschüren in den Händen. "Sind Sie der Gästeführer?" "Nein." Der kommt wenige Minuten später. Marcel Wächtler studiert eigentlich Geschichte. Heute soll er Bürgern und Besuchern den Sonnenberg nahebringen. Der Name des Stadtteils, erzählt er, stammt vermutlich von einem Gasthof "Zur Goldenen Sonne", der sich früher in der Nähe des heutigen Dresdner Platzes befunden hat. Dann setzt sich der Trupp Richtung Zietenstraße in Bewegung.

18.30 Uhr: Im Kinderzirkus Birikino soll um halb sieben die einzige Vorstellung beginnen, doch daraus wird erst mal nichts. Im Zelt ist es brechend voll, und noch immer strömen Menschen hinein. Mit zehn Minuten Verspätung geht es los: Die Vorstellung beginnt mit zwei Jonglage-Nummern. Das Spielgerät fällt ein paar Mal auf den Boden. Das macht aber nichts - die geschätzten 200 Besucher toben trotzdem vor Begeisterung.

19 Uhr: Auf den Straßen ist inzwischen klar, dass es kein normaler Samstag ist. In regelmäßigen Abständen kommen Sonderbusse an, die immer neue Besucher ausspucken. Der Weg führt nun zur Zietenstraße, der zentralen Achse der Museumsnacht vor Ort. Ein schmaler Durchgang führt in einen Hinterhof. Dort bauen ein paar Enthusiasten seit zwei Jahren auf Hochbeeten Gemüse zum Selbsternten an. Spinat und Kopfsalat sind schon reif. "Wir wollen die echte Natur auf den Sonnenberg zurückbringen", sagt Lucas Schottmann.

19.30 Uhr: Am Lokomov an der Augustusburger Straße riecht es nach Pizza. Eigentümer Lars Fassmann schiebt die Teigfladen selbst in den Ofen. In der Szenekneipe ist zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht viel los. Ein DJ legt Soul und Ethno-Jazz auf, doch so richtig Notiz nimmt davon keiner. 19.45 Uhr: Gegenüber im Nikola Tesla ist es düster. In dem Nachtklub wirkt die Einrichtung schwarz und schwer, doch die Atmosphäre steht in heiterem Kontrast dazu. Schriftsteller Max Rademann rezitiert seine Lieblingstexte und reißt die zumeist jugendlichen Besucher von ihren Sitzen. Das schallende Gelächter wirkt ansteckend.

20.30 Uhr: Gefühlt mehr Menschen als Autos - das gibt es selten an der Zietenstraße. Es geht bergauf - ins Theater Komplex. Dort singt gerade Liedermacher Stephan Oertel, der sich selbst "Schrittmacher" nennt, von Liebe und Verlust. Besucherin Christa Posern empfiehlt einen Abstecher ins nahe gelegene "Kaffee Satz." "Dort ist es richtig gemütlich", sagt sie. Geraten, getan.

20.45 Uhr: Ein altes Sofa und eine Stehlampe vor dem Café erinnern an Großmutters Zeiten. Doch einen Platz zu ergattern, erweist sich als Ding der Unmöglichkeit. Auch drinnen geht es eng zu. Indie-Pop-Sängerin Anna Jörg hat gerade Pause, doch im Garten gibt Oliver Graf aus Erlangen Kurzgeschichten zum Besten. Draußen nähert sich die Sonne dem Horizont.

21.15 Uhr: In der Dämmerung geht es in Richtung Glockenstraße. Am Fenster in die Erdgeschichte wird zum ersten und letzten Mal an diesem Abend eine Eintrittskarte benötigt. Steffen Trümper vom Grabungsteam erklärt die Funde der jüngeren Vergangenheit, Fragmente von verkieselten Schachtelhalmen, die mühsam wieder zusammengesetzt werden mussten. "Es ist mehr los als letztes Jahr", freut sich Ronny Rößler vom Naturkundemuseum. 22 Uhr : Ein letzter Abstecher zur Zietenstraße. Die Anzahl der Passanten hat wieder Normalzustand. In den Cafés und Kneipen ist aber weiterhin Hochbetrieb. Nach drei Stunden Museumsnacht ohne ein einziges echtes Museum ist klar: Die Sonnenberg-Belebung hat gut funktioniert -zumindest an diesem Abend.

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