Schulleiter-Posten weit entfernt von Traum-Job

Für Grundschul-Chefs sind derzeit Nachfolger rar. Ursachen sind hohe Anforderungen und nicht zuletzt auch die Bezahlung. Doch das Problem reicht weiter.

Gelenau.

Kein Nachfolger in Sicht für die Leitung der Gelenauer Grundschule: Zum Schuljahresende ist Gudrun Lieberwirth nach 15 Jahren in den Ruhestand gegangen. Ein Wechsel auf ihre Position als Schulleiterin sei niemandem aus dem Kollegium zuzumuten - das ist die Einschätzung nach Gesprächen mit den knapp zehn Lehrern, berichtet Bürgermeister Knut Schreiter dem Gemeinderat. Ebenso deutliche Worte findet er zur sächsischen Bildungspolitik, was den Umgang mit Grundschulleitern betrifft: Mehr Arbeit und Verantwortung ohne ansprechende Bezahlung - "Kein Wunder, dass so viele Stellen unbesetzt sind."

Im Bereich der Bildungsagentur Chemnitz, zu der Mittelsachsen, der Erzgebirgskreis und die Stadt Chemnitz zählen, waren im Mai 38 Leiterstellen unbesetzt, 30 in Grundschulen, bestätigt Manja Kelch, Pressereferentin des sächsischen Kultusministeriums. Für aktuelle Zahlen im Erzgebirge verweist sie an die Bildungsagentur. Referentin Michaela Bausch äußert sich vage: Angaben zum jetzigen Zeitpunkt machten keinen Sinn, da in den Ferien "noch einiges in Bewegung" sei. "Fest steht, dass es zu Schuljahresbeginn an jeder Schule einen Leiter gibt."

Für Thomas Klug, Vorsitzender des Kreiselternrates im Erzgebirge, verzerrt diese Aussage die Tatsachen: "Selbst wenn - wie viele von ihnen leiten dann zwei oder drei Schulen zur gleichen Zeit?"

So ist es in Gelenau. Dort übernimmt Kerstin Junghans ab August die Leitung kommissarisch - zusätzlich zu ihrem Leiterposten an der Grundschule im benachbarten Auerbach. Das ist anstrengend, weiß Kerstin Appelt. Ein Jahr lang hat die Chefin der Grundschule Lichtenberg ihren erkrankten Kollegen im Neuhausener Ortsteil Cämmerswalde vertreten. Inzwischen steht fest: Michael Gläßer kehrt nicht zurück. Noch ein Schuljahr als Doppelleiterin wollte sich die 58-Jährige nicht zumuten. "Ich komme an meine Belastungsgrenze", erklärt sie. Nach langer Überzeugungsarbeit übernimmt eine der vier Lehrerinnen den Chefposten. Dafür sind Weiterbildungsmaßnahmen nötig.

Mehr Geld gibt es aber nicht, solange ein Lehrer die Schule kommissarisch leitet. Diese fehlende Zulagenregelung für Übergangszeiträume kritisiert Ursula-Marlen Kruse, Vorsitzende der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW). Es gehe auch um Gerechtigkeit: Lange Zeit war es so, dass Grundschulleiter so viel verdienten wie ihre Mitarbeiter. Zusammen mit weiteren Maßnahmen zur Lehrergewinnung beschloss die sächsische Staatsregierung im Herbst 2016 zwar eine bessere Vergütung für die Leiter - doch der Abstand sei zu gering, bemängeln viele. Junge, an die Grundschule abkommandierte Gymnasiallehrer verdienen mitunter so viel wie deren Leiter und mehr als ältere Kollegen mit Grundschulqualifikation. Das vergifte die Stimmung im Lehrerzimmer, klagt Thomas Klug.

Erst nach zwei bis drei Jahren, führt Bürgermeister Schreiter aus, lohnt sich ein Leitungsposten finanziell. Der einzige geeignete Kandidat an der Gelenauer Grundschule sei 60 Jahre alt - für ihn komme der Wechsel nicht mehr in Frage. Kruse überrascht das nicht. "Aber Frau Lieberwirth ist ja nicht plötzlich und unerwartet ausgeschieden", bemerkt sie. Das Kultusministerium müsse viel früher aktiv werden. "Doch dort schiebt man die Probleme weg, schaut weg." Das Durchschnittsalter der Grundschullehrer sei hoch. Viele nach der Wende eingesetzte Lehrer haben ihr Leben auf inzwischen auf einen Teilzeitjob ausgerichtet, der das Grundschullehramt lange Zeit war. "Denen geht's auch um Lebensqualität", so Kruse. Dazu kommt: Die Zusammenarbeit im Kollegium ist eng, der Wunsch, Chef zu sein, gering.

Wenn Kerstin Junghans ab August zusätzlich zu den 85 Auerbachern für 180 Gelenauer Grundschüler verantwortlich ist, werden die Kollegen sie unterstützen, betont Bürgermeister Schreiter. "Anders ginge es nicht." Das Amt aufbürden wolle sich unter diesen Umständen keiner. Der Mangel an Grundschulleitern, da sind sich Kruse und Elternvertreter Klug einig, ist nur die Spitze des Eisberg. Sachsen steuert nicht auf ein Personalproblem ungekannter Ausmaße zu - es steckt mittendrin.

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