Volksmusik für die "kleinen Leute"

Die Reste der Anarcho-Legende "Ton Steine Scherben" erinnern im AJZ mit dem Liedermacher Gymmick daran, dass dies immer noch nicht die beste aller Welten ist.

Totgesagte singen länger. Nach der Auflösung der anarchistischen Protestband Ton Steine Scherben 1985 und dem frühen Tod ihres Sängers und Inspirators Rio Reiser 1996 hätte man nicht mehr viel auf die Zukunft der Kapelle gegeben. Doch 2014 gründete sie sich wieder, tourte in verschiedenen Besetzungen. In Chemnitz gastierten am Samstagabend Kai Sichtermann (Bass) und Klaus "Funky" Götzner (Schlagzeug) von Ton Steine Scherben mit dem Nürnberger Liedermacher Gymmick vor einem kleinen, aber textsicheren Publikum im Alternativen Jugendzentrum (AJZ). Eine Zeitreise der besonderen Art: Die Scherben-Musiker sind alt geworden, ihr Programm spielen sie sitzend und akustisch. Manchmal singen sie leise mit, als wären ihnen einige Lieder besonders wichtig gewesen, ansonsten begleiten sie Gymmick, dem anfangs ein bisschen anzumerken ist, dass es schwer ist, auf den Spuren des charismatischen Rio Reiser zu wandeln. Aber mit der Begeisterung des aufmerksamen, unermüdlich mitsingenden Publikums entwickelt Gymmick einen ganz eigenen, sympathischen Charme. Darin begegnen einander das Wissen darum, dass die Ton-Steine-Scherben-Hymnen aus den 70er-Jahren inzwischen ein Stück kulturelles Erbe sind - Songtitel wie "Macht kaputt, was euch kaputt macht" oder "Keine Macht für Niemand" sind zu geflügelten Worten geworden - dass aber die Visionen von damals noch immer nicht eingelöst oder ganz gescheitert sind. Manche Zeilen, wie "wir sind geboren, um frei zu sein... wir werden es schaffen", müsste man vielleicht noch leiser singen. Aber auch so schwingt die Enttäuschung darüber mit, dass "Zauberland abgebrannt" ist und nicht jeder "Schritt für Schritt ins Paradies" geführt hat.

Aber ihre Kraft haben diese Lieder nicht verloren. Sie sind noch immer ein Versprechen auf eine Zukunft, die nicht von selbst und sicher auch anders kommen wird, als es Ton Steine Scherben in ihren militantesten Zeiten glaubten. Mit ihrer Volksmusik für die, denen es "so dreckig" geht, verständlich und unprätentiös, haben sie nicht nur dazu beigetragen, dass sich die Bundesrepublik veränderte. Sie haben auch den Weg bereitet für Liedermacher wie den aus dem Erzgebirge stammenden Leipziger David Meißner, der sich als Sänger Hisztory nennt und das leider viel zu kurze Vorprogramm bestritt. Mit seinen melancholischen Liedern über die einfühlsam und klug beobachteten "Hartzer", die Verlierer, die Selbstmörder, das solidarische "Proletarierfrühstück" an der Pommes-Bude, den Soßenkoch, der in den Krieg ziehen muss, sang er ein geradezu schmerzhaft berührendes Bild dieser Welt mit "Der kleinen Leute Lied", wie seine CD heißt. Wunderbar!

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