Ein Tag im Leben von Sten

Der Fünfjährige ist beinahe 24 Stunden täglich auf Pflege angewiesen. Selbst nachts muss er regelmäßig gedreht werden. Und auch wenn der kleine Erzgebirger immer mehr lernt, einfach ist der Alltag für die Familie nicht. Doch das Lachen haben die Korbs bei weitem nicht verlernt.

Oberwiesenthal.

Es ist gegen halb sechs Uhr am Morgen. Draußen ist es noch dunkel, doch der Tag von Mandy Korb hat bereits begonnen. In der vergangenen Nacht war sie mehrfach wach, wie eigentlich immer, seitdem ihre Drillinge Bruno, Sten und Kenny auf die Welt gekommen sind. Das ist fünf Jahre her. Seitdem hat sich das Leben der Familie Korb, zu denen neben Vater Sven auch die drei großen Geschwister Justin, Janina und Glenn gehören, sehr verändert.

Denn mit der Geburt der Drillinge kam auch der Verlust eines der Kinder. Kenny starb sechs Wochen und drei Tage später. Sten erlitt eine Hirnblutung, einen Schlaganfall und musste viele Operationen über sich ergehen lassen. Seitdem ist der Junge behindert, leidet unter anderem an Epilepsie, ist beinahe blind, kann nicht laufen, seine Beine und sein Körper krampfen. "Sten schläft nie mehr als zweieinhalb bis drei Stunden durch", erzählt seine Mutter. Der Schlafrhythmus sei gestört. Das liege auch an seiner Blindheit, da er nicht zwischen Tag und Nacht unterscheiden kann, aber auch an den Medikamenten, die er bekommt. Hinzu kommt, dass der Fünfjährige sich im Schlaf nicht selbst drehen kann. Das heißt, Mandy Korb übernimmt das für ihren Sohn. Alle zwei bis drei Stunden wird seine Position verändert, um Druckstellen und eingeschlafene Gliedmaßen zu vermeiden. Fällt die Sauerstoffsättigung im Blut ab oder geht der Puls nach oben oder unten, meldet sich zudem der Monitor, mit dem Sten beim Schlafen über Elektroden verbunden ist.

Doch diese Nacht ist geschafft. Nun wartet der Tag auf Sten. Der beginnt mit dem Munterwerden, Waschen, Anziehen. Doch bevor der kleine Körper überhaupt beweglich wird, braucht Sten Wärme oder eine kleine Massage, damit sich die verkrampften Muskeln lockern. Ansonsten würde man wohl seinen Schlafanzug gar nicht aus bekommen. "Auftauen", nennt es sein Bruder. Besonders gut helfe ein warmes Bad. Das ist einer der Gründe, warum sich die Familie ein behindertengerechtes Bad wünscht. So wäre das Baden deutlich einfacher als im Moment. Auch könnte sich Sten dann allein die Hände waschen. Noch kommt er mit seinem Rollstuhl nicht hinein und erst recht nicht ans Waschbecken. Zudem wird Sten älter, größer und auch schwerer. Ihn in der Dusche oder Wanne immer halten, wird früher oder später nicht mehr gehen. Und einfach auf einen Stuhl setzen, ist auch nicht möglich, da Sten nicht sitzen kann.

Doch zurück zur Alltagsroutine des Fünfjährigen. Unter der Woche geht es in den Sehbehinderten-Kindergarten nach Chemnitz. Ein Taxi fährt ihn am Morgen hin und bringt ihn am Nachmittag zurück. Am Wochenende bleibt Sten zu Hause. Nach dem Anziehen wird gefrühstückt, danach geht es an die frische Luft. Zwischendrin misst Mandy Korb immer mal wieder seine Temperatur. Ist sie erhöht, könnte beispielsweise ein epileptischer Anfall ausgelöst werden. Zudem muss er regelmäßig Medikamente nehmen.

Eigentlich macht Sten ansonsten genau das, was auch andere Kinder machen. Die Korbs binden den Fünfjährigen ein, wo es nur geht. "Ich versuche dabei auch seine Hilfsmittel wie den Stehtrainer einzusetzen", sagt Mandy Korb. Doch mal eben schnell den Tisch mit decken, was Sten sehr gern macht, funktioniert nicht. Mandy Korb nennt es scherzhaft Entschleunigung. Mit Sten dauere nun mal alles etwas länger. Schneller würde es gehen, wenn man ihm bei allem hilft. Doch jedes Stück Eigenständigkeit ist ein Erfolg. Daher steht nach dem Mittagsschlaf auch regelmäßig Sport auf dem Programm. Beine anziehen, auf die Knie gehen, gegen die Spastik arbeiten. Auch wenn kein Physiotherapeut in der Nähe ist, wird geübt.

Derweil tobt das Familienleben um ihn herum. Es wird gelacht und geneckt. Sein Bruder Bruno erzählt von seinem Tag, Schwester Janine von ihrer Ausbildung, Justin kümmert sich ums Holz für den Kamin, und Glenn wird nach möglichen Hausaufgaben befragt. Raschelt eines der Geschwister mit Papier oder schaukelt, will der Fünfjährige mitmachen und krabbelt hin. "Eigentlich sind wir alle ständig mit ihm beschäftigt." 20 Uhr geht es für Sten ins Bett. Bis er für ein paar Stunden zur Ruhe kommt, dauert es. Schlafen kann er nur, wenn jemand neben ihm liegt. "Er spürt es", sagt seine Mutter, "wenn wir nicht da sind". Deshalb steht sein Bett gleich neben dem seiner Eltern.

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