Warum ein Annaberger die Welt nicht mehr versteht

Günter Schulze ist auf seinem Grundstück von einem Flüchtling niedergeschlagen worden. Den Prozess, den er erwartet hatte, gab es nicht. Die Begründung dafür liefert die Staatsanwaltschaft.

Annaberg-Buchholz.

Flüchtlinge mag er nicht, Pegida umso mehr. Wenn es um das Thema Asylbewerber geht, redet sich Günter Schulze schnell in Rage, reiht ein Vorurteil an das nächste. Wenn der 76-Jährige dann noch auf das Schreiben der Staatsanwaltschaft Chemnitz vom 8. Dezember 2017 schielt, scheint es, als wolle der Annaberger jeden Moment explodieren. Doch von vorn.

Es ist der 12. September des vergangenen Jahres, als der Rentner am Eisentor seines Grundstückes an der Lindenstraße steht. Seine Blicke schweifen hinüber auf die andere Straßenseite. Dort nimmt er drei Personen wahr, darunter zwei Ausländer. "Deutschland den Deutschen habe ich ihnen zugerufen, mich dann umgedreht, um in Richtung meines Hauses zu laufen. Auf einmal springt einer der beiden Ausländer über meinen Zaun und verpasst mir einen Faustschlag ins Gesicht, sodass ich zu Boden gehe. Ich war kurz weg, aber zum Glück rechtzeitig wieder da, als er mich noch treten wollte", schildert Schulze.

Dafür gab es mehrere Zeugen, unter anderem zwei Frauen, geht aus dem polizeilichen Protokoll hervor. Sie kamen just im Moment des Übergriffs mit dem Auto die Lindenstraße hoch gefahren, hielten sofort an und riefen die Beamten. Zudem forderten sie die Flüchtlinge auf, stehen zu bleiben, was die überraschenderweise auch taten, sagt Schulze, der von dem Angriff eine leichte Schwellung an der linken Schläfe davontrug.

Noch am gleichen Tag stellte der Rentner auf dem Annaberger Polizeirevier Anzeige wegen Hausfriedensbruch und Körperverletzung. Anschließend habe Schulze wochenlang nichts mehr gehört - weder von der Polizei noch von einem Gericht. Er wartete auf einen Prozess gegen den Asylbewerber. Den aber gab es nicht.

Am 8. Dezember 2017 ging dann ein Brief bei Schulze ein. Absender war die Staatsanwaltschaft Chemnitz. Als erstes las der Rentner darin die Worte, dass das Verfahren gegen den 24-Jährigen eingestellt wird. "Das konnte ich nicht glauben", kommentiert er. Weiter schrieb die Staatsanwaltschaft: "Dem Beschuldigten wurde die Einstellung des Verfahrens gegen die Zahlung einer Geldauflage in Aussicht gestellt. Der Beschuldigte hat die Auflage fristgerecht erfüllt. Damit ist das öffentliche Interesse an der Strafverfolgung beseitigt und die Tat kann als Vergehen nicht weiter verfolgt werden."

Das ist eine absolute Einzelfallentscheidung gewesen, erklärt Jana Brockmeier, Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Der Beschuldigte sei mehrfach, auch Tage zuvor, von Schulze provoziert worden. Unter anderem habe er den Flüchtling dabei mit noch schlimmeren Worten als an dem 12. September 2017 beschimpft. An jenem Tag habe dann der 24-Jährige - so Brockmeier - die Kontrolle über sich verloren und zugeschlagen. Dem Beschuldigten sei von der Staatsanwaltschaft zugute gehalten worden, dass er voll geständig und nicht vorbestraft war.

Für Schulze ist die Entscheidung "ungeheuerlich". Er kann und will sie nicht verstehen. Was er davon hält, teilte er unverblümt der Staatsanwältin mit, die ihm die Mitteilung geschickt hatte. Ihr sagte er am Telefon: "Da muss man ja aufrüsten und sich eine Waffe zulegen, um seinen eigenen Grund und Boden zu sichern." Damit überspannte Schulze den Bogen. Postwendend schickte die Staatsanwältin die Polizei zu dem Annaberger Rentner, damit ihn die Beamten zur Raison bringen.

Viel hat das offenbar nicht bewirkt, auch wenn Schulze sagt, er habe eigentlich nichts gegen Ausländer. Bis zu dem Faustschlag habe ihm auch noch keiner etwas getan. Er sei eher wütend auf den Staat, der die eigenen Bürgern immer mehr finanziell belastet, den Flüchtlingen das Geld aber "in den Rachen" werfe.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...